Identitätszuordnung in der Luftfahrt

Name Matching als Ausweg aus dem Namens-Wirrwarr

| Autor / Redakteur: Klaas Fokkema / Peter Schmitz

Es mangelt noch immer an Standards in der Luftfahrtindustrie für den Umgang mit den Diskrepanzen bei der Namensdarstellung auf Reisedokumenten und Bordkarten von Passagieren.
Es mangelt noch immer an Standards in der Luftfahrtindustrie für den Umgang mit den Diskrepanzen bei der Namensdarstellung auf Reisedokumenten und Bordkarten von Passagieren. (© Rawpixel.com - Fotolia.com)

Der Name eines Menschen kann so einiges über dessen Träger aussagen. Je nach Herkunft lassen sich aus ihm die Namen der Eltern, die eigene Profession, lokale Konnotationen, Stand und vieles mehr herauslesen. Die Ausgestaltung des Namens ist dabei weltweit überaus unterschiedlich, was bei der Identifikation immer wieder zu handfesten Probleme führen kann. Identity Management ist daher eine äußerst sensible Angelegenheit

Egal, um welchen Prozess oder welche Technologie es sich dabei handelt, die korrekte Verarbeitung grundlegender Basisdaten – insbesondere des Namens – ist essentiell. Dies klingt einfacher als es in der Realität wirklich ist. Müssen, wie erwähnt, doch häufig kulturelle Besonderheiten erkannt, berücksichtigt und entsprechend verarbeitet werden.

Wer kennt es nicht – man schiebt sich entlang einer scheinbar nie enden wollenden Warteschlange am Boarding Gate, wo Airline-Mitarbeiter mehr oder weniger eifrig die Reisedokumente der Passagiere in Augenschein nehmen. Sieht der Passagier so aus wie auf dem biometrischen Foto in seinem Pass? Ist dieser überhaupt noch gültig oder schon längst abgelaufen? Und stimmt der im angegebene Name mit dem im Reisedokument oder der Boardkarte überein? Ein gemächlicher, sich ständig wiederholender Vorgang, der ziemlich einfach von statten gehen würde, wenn es ich um Namen wie Sebastian Schmidt* oder Marcel Morgentau handelt. Doch was ist, wenn einem Namen ein ganz anderes kulturelles oder ethnisches Format zugrunde liegt und dieser deshalb nicht dem auf der Bordkarte genannten entspricht?

Wie kann das Bodenpersonal sicher sein, dass die Person, die den Reisepass von Muhammad Shahrah bin Abdul Karim bei sich trägt, mit dem, auf der Bordkante vermerkten Mohamad / Shahrah identisch ist? Oder dass ein Herr Suharto / Suhartoim in seinem Ausweis lediglich Suharto heißt? Tatsächlich kommen solche Szenarien durchaus häufig vor. Diskrepanzen zwischen dem Namen auf der Bordkarte und dem Pass sorgen vor allem nach der Ankunft, aber auch an anderen Punkten der Reise für Probleme beim Datenabgleich. Dies führt nicht nur beim Reisenden zu Frustration, sondern stellt auch ein anhaltendes Sicherheitsproblem dar.

Woher kommen die Unterschiede?

Warum können Differenzen zwischen Reisedokumenten auftreten? In einigen Fällen kann es sich nur um einen Tippfehler handeln, wenn etwa Informationen in das digitale Buchungstool eingegeben werden. Einige Systeme, einschließlich das der US-amerikanischen Transportsicherheitsbehörde TSA, erlauben kleinere Unterschiede zwischen dem Identifikationsdokument eines Reisenden und deren Reservierungsinformationen. Beispielsweise die Verwendung von Initialen eines mittleren Vornamens anstelle eines vollständigen Namens oder das komplette Weglassen zweiter oder dritter Vornamen. Ein weiterer offensichtlicher Grund, dass sich Namen zwischen Pässen und Reservierungsunterlagen unterscheiden können, ist für subversive Zwecke. In einigen Fällen kann ein Passagier seine eigenen Angaben durch die eines anderen ersetzen, um dadurch zum Beispiel einer Watch-Liste zu umgehen.

Sollten Unbefugte durch das Fehlverhalten von Airlines unrechtmäßig in ein Land gelangen, tragen diese die Verantwortung und zahlen hierfür horrende Strafen. Deshalb ist es für Fluggesellschaften entscheidend, die Identität ihrer Passagiere so genau wie möglich zu identifizieren und so die Beförderung illegaler oder sicherheitskritischer Personen zu verhindern. Die große Herausforderung eines effektiven Identitätsmanagements liegt für Fluggesellschaften und Grenzkontrollbehörden jedoch vor allem in der Komplexität von Namenskonventionen verschiedener Ländern, Kulturen und Ethnien.

Die Herausforderung liegt im System

Um mit Abweichungen zwischen unterschiedlichen Passnamen-Standards und den Anforderungen für die Eingabe von Namen in Airline-Reservierungssysteme besser verfahren zu können, ist es möglich, Namen zu ändern oder abzukürzen sowie die Anrede wegzulassen werden. Beispiele für Abkürzungen in Namen aus dem asiatischen Raum oder dem Nahen Osten sind etwa "Mohd" für "Mohammad" oder "Al" beziehungsweise "So" für "Son Of" und "Daughter Of”.

Bei spanische Namen, häufig in Südamerika anzutreffen, werden allgemein zwei Familiennamen geführt. Bei Frauen kann dieser auch auf den väterlichen Familiennamen ihres Mannes verweisen, wie etwa "Carmen Diez Peralta de García". Carmen kann "Carmen Diez Peralta", "Carmen Diez", aber nie "Carmen Peralta" genannt werden. In anderen Kulturen, etwa der chinesischen, wird der Familiennamen vor dem Vornamen genannt, was gewöhnlich dazu führt, dass der Nachname von Systemen als "Vorname" und der Vorname als "Nachname" interpretiert wird. 'Chan Cheng' kann eine andere Person sein als 'Cheng Chan'. Die Permutationen sind endlos, wodurch lange Warteschlangen und Sicherheitsrisiken entstehen, da das Bodenpersonal die Identifizierung des jeweiligen Namens auf Reisepass und Bordkarte mühevoll per Hand, mithilfe eines Highlighter-Stifts, vornehmen muss.

Die Lösung zum Name-Matching ist der Algorithmus

Die Identifizierung tolerabler Abweichungen zwischen Passagiernamen auf der Boardkarte und dem Reisepass ist eine Aufgabe, an der SITA mit Nachdruck arbeitet. Die hauseigene Proof of Concept-Studie zeigt, dass bis zu 50 Prozent der Namen auf einem asiatischen Flughafen nicht präzise zuzuordnen sind, während dieser Wert an Flughäfen im Nahen-Osten bei immerhin 25 Prozent liegt. Die Studie beweist auch, dass die Algorithmus-basierte Name-Matching-Lösung weit über der Leistung des menschlichen, rein visuellen Namensabgleichs liegt und auch Fehler aufgrund menschlicher Befindlichkeiten, wie Müdigkeit oder mangelnde Konzentration, eliminiert.

Business-Anforderungen, ob für staatliche Regulierungen, Buchungen, oder zur Erleichterung des Check-In, bestimmen zukünftig, welche Art von Algorithmen und Regelsätze für spezifische Implementierungen dieser Lösung verwendet werden sollten. Zusätzlich können, da sich passende Protokolle und Statistiken für jede Implementierung akkumulieren, weitere ausgefeiltere Regeln entwickeln lassen, um die maschinelle Auslesbarkeit für Bordkarten- und Reisepassnamen zu verbessern.

Das Ziel heißt Standardlücken schließen

Es mangelt noch immer an Standards in der Luftfahrtindustrie für den Umgang mit den Diskrepanzen bei der Namensdarstellung auf Reisedokumenten und Bordkarten von Passagieren. Von unterschiedlichen Grenzkontrollbehörden und Fluggesellschaften werden Unterschiedliche Strategien und Praktiken angewendet. Ein Aspekt, der für insbesondere angesichts der Einhaltung von Sicherheitsvorschriften, ein offensichtliches Problem darstellt. Der Dokumentenmissbrauch muss deshalb verhindert und die effektive Funktionsfähigkeit von Selbstbedienungssystemen sichergestellt werden.

Die Zahl der Fluggäste wird voraussichtlich im kommenden Jahr um durchschnittlich 4,2 Prozent ansteigen. Bis in das Jahr 2033 wird sie sogar auf 4,7 Prozent anwachsen. Bis dahin werden jährlich rund sechs Milliarden Passagiere durch Sicherheits- und Screening-Bereiche in Flughäfen auf der ganzen Welt geschleust werden müssen. Im Rahmen des Innovationsprogramms "Identity Management Community" untersucht SITA gerade, wie Name-Matching-Regeln als Teil einer Gemeinschaftsrolle eingerichtet und gepflegt werden können.

Bei erfolgreicher Umsetzung könnten zukünftig viele Prozesse in diesem Feld automatisiert, dadurch die Abfertigung des Passagieraufkommens beschleunigt und Betriebskosten gesenkt werden. Und vor allem dabei helfen, die globale Reisebranche noch sicherer zu machen.

* Alle Namen sind fiktiv.

Über den Autor

Klaas Fokkema ist seit November 2016 Vice President Sales für Nordeuropa bei SITA und verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in der IT- und Luftverkehrsbranche. Bis vor kurzem bekleidete Fokkema noch die Position des Vice President Business Management für Airport Services in Europa.

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