Interview zur IT-SECURITY MANAGEMENT & TECHNOLOGY Conference 2015

„So wenig IT outsourcen wie möglich“

| Redakteur: Stephan Augsten

In unserer schnelllebigen Zeit sollten Konsumenten und Hersteller darüber nachdenken, ob alles, was möglich ist, auch wirklich sein muss.
In unserer schnelllebigen Zeit sollten Konsumenten und Hersteller darüber nachdenken, ob alles, was möglich ist, auch wirklich sein muss. (Bild: Archiv)

Daniel Domscheit-Berg, ehemaliger Wikileaks-Sprecher, wird auf der IT-SECURITY MANAGEMENT & TECHNOLOGY Conference 2015 der Vogel IT-Akademie als Referent auftreten. In seiner Keynote zeichnet er ein „Big Picture der digitalen Revolution“. Wir haben uns im Vorfeld mit dem selbsterklärten „Verfechter von Transparenz und Meinungsfreiheit“ unterhalten.

Security-Insider: Herr Domscheit-Berg, Sie bezeichnen die Digitale Revolution als den wohl größten Motor, den die Wirtschaft je gesehen hat. Treten die Hersteller momentan nicht vielleicht zu heftig aufs Gaspedal?

Daniel Domscheit-Berg: Wir haben in der Tat das große Problem, dass Entwicklungszyklen aktuell viel zu schnell ablaufen, wir viel zu viele oft viel zu schlechte Produkte auf dem Markt haben, und wir uns vor allem die meiste Zeit an der Oberfläche bewegen. Im Moment treffen da verschiedene Dynamiken aufeinander.

Da wäre zum einen eine Konsumgesellschaft, die es gar nicht erwarten kann, noch mehr Megapixel in der Handykamera zu bekommen. Auf der anderen Seite steht ein marktwirtschaftliches System aus einer vergangenen Zeit, das ohne Rücksicht auf kostbare Ressourcen oder notwendige Qualitätskriterien alles auf den Markt wirft, was irgendwer haben wollen könnte.

Daniel Domscheit-Berg: „Ein CIO muss der sein, der alle anderen einbremsen kann, nicht anders herum.“
Daniel Domscheit-Berg: „Ein CIO muss der sein, der alle anderen einbremsen kann, nicht anders herum.“ (Bild: Domscheit-Berg)

Das hat sicherlich viel mit der frühen Phase dieser digitalen Revolution zu tun, wir sind nicht einmal in der digitalen Pubertät angekommen, und wie im richtigen Leben sind infantile Prioritäten… nun ja, infantil. Das hat allerdings alles wenig mit dem Motor zu tun, den ich meine, da geht es um ganz andere Technologien.

Das ganze Thema rund um 3D-Druck ist ein wunderbares Beispiel. In fünf bis zehn Jahren wird das wirklich alles verändert haben. Wir müssen heute vor allem aufpassen, diese wichtigen Entwicklungen nicht zu verschlafen und ihnen die nötige Priorität zu geben. Also mehr Technologie zum Lösen der großen Probleme dieser Welt, und weniger Sondermüll durch noch mehr Mobiltelefone.

Security-Insider: Können die Anwender und Firmenkunden mit der Leistungsexplosion in der IT überhaupt Schritt halten?

Auch das ist sicherlich schwer heutzutage. Wir müssen uns, ob Anwender, Firmenkunden oder auch Hersteller, ganz dringend mal fragen: Muss alles sein, was sein kann? Was sind unsere qualitativen wie auch ethischen Standards, die wir eigentlich einfordern wollen?

Jeder, der drei Zeilen Code schreiben kann, kann heute Applikationen auf einem globalen Marktplatz anbieten und findet vermutlich auch noch Abnehmer. Diese Applikationen laufen dann auf Geräten, die sich dank vollkommen wahnwitziger Ideen wie „Bring your own device“ auf einmal in Firmennetzen wiederfinden.

Ergänzendes zum Thema
 
Über die IT-SECURITY MANAGEMENT & TECHNOLOGY Conference 2015

Dazu kommen dann noch Hersteller, die für solche Probleme drei Lösungen parat haben, von denen oft keine wirklich taugt oder überhaupt taugen kann. Im Endeffekt ist es eine wirklich schwierige Situation und ich kann jedem Unternehmen nur raten, so wenig IT wie möglich zu outsourcen. Man sollte alles „in-House“ halten, was möglich ist, sicherstellen, dass man motivierte und engagierte Mitarbeiter und Entscheider in diesem Bereich hat, und diese mit der nötigen Entscheidungsgewalt ausstatten. Ein CIO muss der sein, der alle anderen – inklusive dem CEO – wenn nötig einbremsen kann, nicht anders herum.

Security-Insider: Um Ihr Bild vom Motor noch einmal aufzugreifen: Welche Rolle sollte die Politik in der Digitalen Welt spielen. Drehzahlmesser, Drehzahlregler oder möglicherweise gar keine?

Die Politik sollte in jedem Fall nicht Teil des Motors sein. Auch wenn der Vergleich etwas hinkt, so müsste die Politik eher die Rolle von TÜV und Straßenbauamt übernehmen. Sie muss sicherstellen, dass es ordentliche Regeln gibt, die gewährleisten, dass keine fahrlässigen Technologien auf die Straße kommen – und dass es überhaupt ein ordentliches Verkehrsnetz gibt.

Wir sind hier mehr denn je auf gute Regularien angewiesen, und wahrscheinlich haben selten die der Historie diese Mechanismen so grandios versagt. Da gibt es noch extrem viel aufzuholen.

Über Daniel Domscheidt-Berg

Daniel Domscheit-Berg, geboren 1978, half von 2007 bis 2010, die WikiLeaks-Plattform aufzubauen. Als deren Sprecher trat er unter dem Pseudonym Daniel Schmitt auf. Er verließ WikiLeaks aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zum Management-Stil und der strategischen Ausrichtung des Projekts.

Domscheit-Berg schrieb seine Erfahrungen 2011 im BuchInside WikiLeaksnieder, das in 23 Sprachen übersetzt wurde. Heute arbeitet er an verschiedenen Projekten rund um Internet und Privatsphäre, ist Mitbetreiber eines alternativen ISP und bringt Kindern Elektronik näher.

Vor seiner Zeit bei WikiLeaks arbeitete Domscheit-Berg für verschiedene Fortune-500-Unternehmen und baute vornehmlich sichere Netzwerke. Domscheit-Berg ist ein Verfechter von Transparenz und Meinungsfreiheit, dem sehr an einem gleichberechtigten Zugang zu Wissen und Informationen in einer globalisierten Welt gelegen ist. Er begreift „die digitale Revolution als größte Chance für eine friedliche Welt auf Augenhöhe, die es zu nutzen gilt“.

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