Risiken der vernetzten Welt – Teil 2

Wenn Informationstechnik das Heilpersonal überfordert

| Autor / Redakteur: Joachim Jakobs / Stephan Augsten

In der Medizin lassen sich mithilfe der IT bereits Anomalien erkennen, künftig könnte die Technik aber auch eigene Diagnosen erstellen.
In der Medizin lassen sich mithilfe der IT bereits Anomalien erkennen, künftig könnte die Technik aber auch eigene Diagnosen erstellen. (Bild: Archiv)

Im Zuge der Miniaturisierung und Leistungssteigerung der IT setzen sich Wearables wie Fitness-Armbänder immer mehr durch. Und auch die Schulmedizin profitiert vom technischen Fortschritt. Da jedes System seine Angriffspunkte hat, birgt die informationstechnische Durchdringung aber auch ihre Risiken.

Im ersten Teil zu den Risiken der vernetzten Welt hatten wir berichtet, dass Gesundheitsminister Gröhe der Gesundheitstelematik per Gesetz Dampf machen will. Da stellt sich die Frage: Können die Beteiligten das? Um das beurteilen zu können, braucht man zunächst eine Vorstellung der technischen Möglichkeiten.

Die allgegenwärtige Informationstechnik von heute hat ihre Ursache in der Miniaturisierung: Bereits ein iPhone 4 von 2011 enthielt mehr Rechenkapazität, als die US-Weltraumbehörde NASA 1969 insgesamt zur Verfügung hatte. Seit einem halben Jahrhundert verdoppelt sich die Computerleistung alle 18 Monate. Ein Ende dieser Entwicklung ist vorerst nicht absehbar.

Nehmen wir an, die Patientendatenbank eines Arztes benötigt 100 Gigabyte Speicherplatz, so passt diese auf einen Daumennagel-großen Chip im Wert von 39,50 Euro. Per LTE lässt sich diese Datenmenge innerhalb von 24 Stunden ans andere Ende der Welt übertragen, mit der geplanten 5G-Technik würde der Vorgang keine anderthalb Minuten mehr dauern. In kürzester Zeit wäre eine Datenbank unfreiwillig per E-Mail verschickt.

Magnus Kalkuhl, Director Europe, Global Research and Analysis Team beim Virenjäger Kaspersky Lab, glaubt an die Fortsetzung der bisherigen Entwicklung: Computer würden in 15 Jahren viertausend Mal so leistungsfähig sein wie die heute verfügbaren Maschinen. Bis dahin wären Heimcomputer so leistungsfähig wie IBMs Watson, würden dabei aber nicht mehr kosten wie ein heute handelsüblicher Laptop.

Daraus ergeben sich mehrere Fragen, etwa: Kann medizinisch geschultes Personal überhaupt mit dieser Leistungsfähigkeit umgehen? Wer haftet, wenn das nicht der Fall sein sollte? Und wenn Ottonormalverbraucher künftig Watson im Wohnzimmer stehen haben, über welche Fähigkeiten verfügen bis dahin die Geheimdienste, Terroristen und andere Kriminelle?

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Semantische Suchmaschine für Mediziner

Watson ist das IBM-System, das 2011 zwei menschliche Jeopardy!-Champions deklassieren konnte. Das System gleicht einer semantischen Suchmaschine. Es versteht natürliche Sprache und antwortet (bzw. fragt) entsprechend, wofür neben einer umfangreichen Datenbank auch viel Rechenleistung und Software-seitig effiziente Suchalgorithmen notwendig sind.

Bislang wird die Leistungsfähigkeit von Watson aber nicht so genutzt, wie sich die Industrie das vorstellt. IBM behauptet: „Laut einem Experten sind heute nur 20 Prozent des Wissens, das Ärzte für Diagnosen und Entscheidungen über die Behandlung von Patienten verwenden, evidenzbasiert. Das Resultat? Eine von fünf Diagnosen ist falsch oder unvollständig und allein in den USA gibt es fast 1,5 Millionen Medikationsfehler pro Jahr.“ Diesem Missstand soll Watson jetzt zu Leibe rücken.

Der IBM-Konzern wirbt: „Zuerst könnte der Arzt dem System eine Frage stellen und dabei die Symptome und weitere zugehörige Faktoren beschreiben. Watson beginnt dann mit der Analyse dieser Daten, um die wichtigsten Informationen zu ermitteln. Das System unterstützt medizinische Fachbegriffe, die seine Fähigkeit zur Verarbeitung natürlicher Sprache erweitern. Anschließend durchsucht Watson die Patientendaten nach relevanten Fakten über die Familiengeschichte, die aktuelle Medikation und weitere Bedingungen.“

Watson kombiniere diese Informationen mit aktuellen Befunden und analysiere dann alle verfügbaren Datenquellen, um Hypothesen zu formulieren und zu überprüfen, so IBM. „Dabei kann Watson Behandlungsrichtlinien, elektronische Krankenakten, Notizen von Ärzten und Pflegepersonal, Forschungsergebnisse, klinische Studien, Artikel in medizinischen Fachzeitschriften und Patientendaten in die für die Analyse verfügbaren Daten einbeziehen.“

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