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Kein Vergessen im Social Web

Datenschutz und Privatsphäre im Internet – Wunschdenken oder gutes Recht?

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User fordern eindeutige gesetzliche Regelungen

Einer Studie der University of California, Berkley, hat kürzlich ergeben, dass 88 Prozent der 18- bis 22jährigen in den USA ein solches Gesetz befürworten. 62 Prozent wollen die Betreiber solcher Websites zwingen, ihnen auf Wunsch Auskunft über alle persönlichen Informationen zu geben, die über sie gespeichert sind.

Ein anderer Vorschlag, auf den Mayer-Schönberger ausführlich eingeht, wäre es, persönlichen Informationen im Internet eine Art automatisches Verfallsdatum mitzugeben. Nach einer bestimmten Zeit würden diese Daten einfach verschwinden. Zu den Fragen, wie lange eine solche Halbwertzeit denn sein soll und wie sie durchgesetzt werden könnte, äußert er sich nicht.

Es ist auch klar warum: Selbst wenn einzelne nationalen Gesetzgeber eine solche Forderung in geltendes Recht umsetzen würden, wäre damit wenig gewonnen, wenn der Betreiber des Netzwerks in einem anderen Land mit weniger strikten Gesetzen residiert – vor allem in den USA, wo bekanntlich ein etwas anderes Verständnis für Datenschutz herrscht als beispielsweise in der Alten Welt.

Schließen sich Transparenz und Datenschutz aus?

Erschwerend kommt hinzu, dass solche restriktiven Ansätze frontal mit einer Geisteshaltung kollidieren, die gerade unter den Anhängern und Betreibern von Sozialen Netzwerken Mode ist, nämlich die Forderung nach totaler Transparenz. Mark Zuckerberg, Gründer von Marktführer Facebook, verteidigt laufend und lautstark die jüngste Entscheidung, die Grundeinstellung („default status“) der Profile seiner Nutzer auf „public“ abzuändern.

Bislang musste man als User ausdrücklich zustimmen, wenn die Daten öffentlich gemacht werden sollten. In einem Interview mit dem Online-Nachrichtendienst „Techcrunch“ sagte Zuckerberg, Facebook sei verpflichtet, die „aktuellen sozialen Normen“ zu reflektieren. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Ist Privatsphäre also ein Auslaufmodell? Werden wir uns mit der Zeit schon daran gewöhnen, nackt herumzulaufen wie der Kaiser im Märchen mit seinen neuen Kleidern? Oder lohnt es sich, für ein Recht auf den Schutz der eigenen digitalen Persönlichkeit zu kämpfen? Das ist eine Entscheidung, die jeder für sich treffen muss. Gesamtgesellschaftlich ist sie aber von großer Tragweite. Schuld und Sühne sind nicht umsonst als Begriffspaar untrennbar miteinander verbunden.

Mayer-Schönberger glaubt daran, dass Vergessen eine wichtige soziale Funktion hat. Sie gibt dem Einzelnen nämlich zumindest die faire Chance, sich zu bessern und die Umwelt davon überzeugen, dass man sich geändert hat. Systeme, die nichts vergessen lassen, erzeugen soziale Stigmata, die wir zeitlebens mit uns herumzutragen gezwungen sind. Das kann nicht einmal der größte Fan von Online-Transparenz ernsthaft wollen.

Tim Cole mit Mitbegründer der Analystengruppe Kuppinger Cole, die sich auf Themen rund um digitales Identity Management, Governance, Risk und Compliance, sowie Cloud Computing spezialisiert haben.

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