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Digitale Agenda: Europäische Kommission fordert einheitliche Regelung für Cloud Computing EU-weite Zertifizierung vertrauenswürdiger Cloud-Anbieter

Redakteur: Florian Karlstetter

In einer Rede vor dem Europäischen Parlament in Brüssel formulierte Neelie Kroes, Vize-Präsidentin der Europäischen Kommission eine neue EU-weite Strategie für Cloud Computing. Primär geht es um ein einheitliches Regelwerk mit dem Ziel, die Akzeptanz und damit den Einsatz von Cloud Computing europaweit zu fördern - und damit den Wettbewerb gegenüber anderen Staaten - allen voran den USA - zu stärken.

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Cloud-Strategie der EU fordert unter anderem eine einheitliche Zertifizierung vertrauenswürdiger Cloud-Anbieter, aber auch die Möglichkeit des Anbieterwechsels sowie Förderung des öffentlichen Sektors.
Cloud-Strategie der EU fordert unter anderem eine einheitliche Zertifizierung vertrauenswürdiger Cloud-Anbieter, aber auch die Möglichkeit des Anbieterwechsels sowie Förderung des öffentlichen Sektors.
(© kbuntu - Fotolia.com)

Die von der Europäischen Kommission am 27.9.2012 öffentlich vorgelegte Cloud-Strategie (PDF, engl., 16 Seiten) stößt in der Industrie und bei Verbänden auf breite Akzeptanz. So sollen nicht nur Datenschutz, IT-Sicherheit und Urheberrechte künftig europaweit vereinheitlicht werden, sondern auch sichergestellt werden, dass Anwender ihre Daten zwischen den Rechnerwolken übertragen oder auch wieder ganz abziehen können.

Beide Aspekte, sowohl Sicherheit und Datenschutz, als auch das so genannte Vendor-Lock-In halten noch immer viele Unternehmen davon ab, auf Cloud Computing zu setzen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, mit dem neuen Regelwerk europäische Unternehmen im Wettbewerb mit ausländischen – insbesondere US-amerikanischen – Firmen zu stärken.

In einem aktuellen Blog-Eintrag "Making Europe cloud active" äußert sich Neelie Kroes zum Thema und geht dabei insbesondere auf kleinere Firmen ein, die mit Hilfe der Cloud einen günstigen Zugang zu IT-Services erhalten können. "But only if we get the framework policies right", wie die Vize-Präsidentin der Europäischen Kommisisson ausführt.

Um dieses Ziel zu erreichen, sei auch der Ausbau von Breitband-Netzen essentiell, schließlich verdoppele sich der Netzwerk-Bedarf alle zwei, drei Jahre. Schnelle Netzanbindungen sind jedoch beim Bezug von Cloud Services unabdingbar.

Einer IDC-Analyse (PDF) über Chancen und Hindernisse für Cloud Computing in Europa zufolge könnten europäische Unternehmen durch neue Innovationschancen und den Zugang zu produktivitätssteigernden Technologien das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der EU zwischen 2015 und 2020 um mehrere hundert Milliarden Euro steigern.

Die von der Europäischen Kommission vorgelegte Strategie verfolgt vier zentrale Ziele:

  • Gewissheit für Nutzer, dass Daten zwischen Rechnerwolken übertragen oder ganz abgezogen werden können
  • EU-weite Zertifizierung vertrauenswürdiger Cloud-Anbieter
  • Musterverträge für das Cloud-Computing, die rechtliche Verpflichtungen klar darstellen
  • Eine europäische Cloud-Partnerschaft zwischen dem öffentlichen Sektor und der Industrie, um Bedarf zu ermitteln und zu gewährleisten, dass der europäische IT-Sektor diesen decken kann. Dies wird die europäischen Unternehmen im Wettbewerb mit ausländischen – insbesondere US-amerikanischen – Firmen stärken

Statements von Verbänden und aus der Industrie

Der Hightech-Verband BITKOM hat die in Brüssel präsentierte Strategie der EU-Kommission zum Cloud Computing begrüßt. „Wir brauchen europaweit einheitliche Standards für das Cloud Computing, damit diese innovativen Dienste schnell und in aller Breite eingesetzt werden können. Dazu zählen EU-weite Vorgaben zum Datenschutz und zur Datensicherheit sowie einheitliche Vertragsbedingungen“, sagte BITKOM-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Der Flickteppich rechtlicher Vorschriften hat die stärkere Nutzung von Cloud-Diensten in der EU bisher gebremst. Die Cloud-Strategie der Kommission muss hier gegensteuern.“

Reformvorhaben der EU

Aktuell haben eine Reihe von Reformvorhaben der EU Auswirkungen auf das Cloud Computing. Dazu zählen u.a. die EU-Datenschutzverordnung, die Modernisierung des Urheberrechts sowie neue Regelungen im allgemeinen Vertragsrecht („Europäisches Kaufrecht“). „Mit der Cloud-Strategie sollen die Anforderungen der Cloud-Technologie in den unterschiedlich Politikbereichen stärker berücksichtigt werden“, sagte Rohleder. „Das ist ein wichtiger Schritt, um die Cloud-Dienste in der EU voranzutreiben.“ Insbesondere die Datenschutzverordnung und damit die Vereinheitlichung des Datenschutzrahmens in Europa sei wichtiger Schritt für mehr Rechtssicherheit beim Cloud Computing. „Inhaltlich wird man in Bezug auf Cloud Computing und die Auftragsdatenverarbeitung noch über den einen oder anderen Punkt diskutieren müssen“, sagte Rohleder.

Fokus on: Public Sector

Positiv bewertet der BITKOM auch die Schaffung einer Europäischen Cloud-Partnerschaft, um Cloud-Dienste für den öffentlichen Sektor attraktiver zu machen. „Im öffentlichen Sektor steckt ein großes Potenzial, die IT-Ausgaben durch Cloud-Services zu senken und gleichzeitig Angebote für die Bürger zu verbessern“, sagte Rohleder.

BSA: Politik ist gefordert

Auch die Business Software Alliance bezeichnet die aktuelle Cloud-Strategie der EU als Schritt in die richtige Richtung. Allerdings kann das Ziel nicht eine "Europäische Cloud" sein, weil das größte Potenzial in der globalumspannenden Cloud liegt.

"Bei der Umsetzung der EU-Strategie muss die Politik eine Modernisierung der Regeln von Datenschutz und Sicherheit vornehmen", so Thomas Boué, Director of Government Relations EMEA der BSA. So müsse sichergestellt sein, dass Daten grenzüberschreitend frei fließen können. Daten quasi an den EU-Außengrenzen zu blockieren würde zu unnötigen Behinderungen führen und europäischen Firmen von den Cloud-Märkten in Asien abschneiden, welche weltweit am schnellsten wachsen.

Nach Ansicht der BSA ist der Markt für Cloud Computing in Europa im Wesentlichen national geprägt. Dies führe zu einem Mosaik inkompatiber Cloud-Netzwerke, wodurch die breite Annahme von Cloud Computing-Diensten in Europa behindert wird. Eine aktuelle Analyse der BSA ergab, dass weniger als ein Viertel (24 Prozent) aller europäischen PC-Anwender Cloud-Dienste nutzen. Im Vergleich: weltweit sind es 34 Prozent.

Der Erfolg der EU-Strategie hänge davon ab, dass verschiedene Ämter sich koordinieren und zusammen arbeiten. Zwar gäbe es bereits einige Stellen, die an entscheidenden Akten zum Thema Cloud arbeiten. Diese müssen jedoch vorausschauende Regeln erlassen, da die Innovation stets schneller vonstattengehen wird als die Gesetzgebung.

Das sagt AMD

Auch der Chip-Hersteller AMD begrüßt die Cloud Computing Strategie der EU: "Wir begrüßen die Cloud Strategie der Europäischen Union, vor allem die Priorität auf erweiterten Wettbewerb durch den Einsatz offener, nicht proprietärer Standards", so Darren Grasby, Vizepräsident bei AMD und Geschäftsführer EMEA. "Der Fokus der Europäischen Kommission auf Interoperabilität und Wettbewerb unter Cloud-Anbietern wird dabei behilflich sein, vor allem kleine und mittelständische Unternehmen zu fördern und Anwendern einen breiten Zugang zu den Vorteilen von cloud-basierten Diensten wie E-Mail, Videos und sonstigen Services sicherzustellen."

Zusammen mit anderen Unternehmen engagiert sich AMD bereits in der Arbeitsgruppe "Connect" im Rahmen der Digitalen Agenda der EU. Die Abteilung beschäftigt sich primär mit Themen rund um Communications Networks, Content und Technologie.

Noch Zukunftsmusik: Shared Services über Ländergrenzen hinweg

Der systematische, länderübergreifende Austausch von Dienstleistungen und Ressourcen zwischen den EU-Verwaltungen ist allerdings noch keine gängige Praxis, wie das Beratungsunternehmen Steria Mummert Consulting herausgefunden hat. Zwar arbeiten die öffentlichen Einrichtungen der EU national und lokal daran, ihre Daten und IT-Infrastruktur miteinander zu teilen. Eine Kooperation über Ländergrenzen hinweg, beispielsweise beim Archivieren von Daten, befindet sich dagegen noch am Anfang.

Vor dem Hintergrund, Kosten zu reduzieren, haben viele EU-Verwaltungen so genannte Shared Service Center eingerichtet. Diese bieten die Möglichkeit, bestimmte, immer wiederkehrende Verwaltungsabläufe effizient an einer zentralen Stelle abzuwickeln. Nach Angaben der Steria-Gruppe nutzen in Deutschland bereits 60 Prozent der Verwaltungen Shared Sevice Center, auch in Großbritannien und Frankreich wurden große Investitionen in diesen Bereich getätigt.

Nächster Schritt: Länderübergreifende Basis-Dienste

Ein länderübergreifendes Teilen von Dienstleistungen sei zwar der nächste Schritt, ist aber derzeit noch Zukunftsmusik. Technisch denkbar wären beispielsweise Basisdienste, zum Beispiel auf dem Gebiet der E-Akte oder der Langzeitarchivierung von Daten. Diese Ansätze lassen jedoch noch auf sich warten.

"Neben rechtlichen Hürden stehen die EU-Verwaltungen aktuell noch vor der Aufgabe, den Nutzen ihrer nationalen Projekte zu steigern. Es geht beispielsweise darum, mehr Behörden dazu zu bewegen, die zentralen Dienste immer dort, wo es auch unter fachlichen Gesichtspunkten tatsächlich möglich ist, in Anspruch zu nehmen", sagt Axel Drengwitz, Experte für E-Government bei Steria Mummert Consulting.

So seien in Großbritannien die Shared Services zum Beispiel vielfach nicht ausgelastet, weil deren Nutzung freiwillig ist. Zudem haben viele Behörden mit Shared-Service-Center-Anschluss ihre alten Abläufe beibehalten. "Damit verlagern die Verwaltungen viele individuelle Prozesse an einen zentralen Ort, anstatt ein gemeinsames Verfahren zu nutzen und erschließen leider nicht das organisatorische Nutzenpotenzial von Shared Services", so Drengwitz.

Die erzielten Einsparungen halten sich deshalb bislang in Grenzen. Bei der britischen Verwaltung stehen bislang 160 Millionen Britische Pfund an operativen Einsparungen zu Buche.

Nach Ansicht der Europäischen Kommission sollte bis Ende 2013 geklärt sein, ob weitere Maßnahmen oder Rechtsvorschriften zur Förderung des Cloud Computing notwendig sind. Bleibt abzuwarten, wieviel bis dahin von dem aktuellen EU-Vorhaben umgesetzt sein wird.

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