Treuhändermodell angeblich nicht mehr nachgefragt

Ist die Deutsche Cloud am Ende?

| Autor / Redakteur: Dr. Dietmar Müller / Florian Karlstetter

Branchenstimmen zum Status quo Deutsche Cloud.
Branchenstimmen zum Status quo Deutsche Cloud. (Bild: gemeinfrei (tvjoern / pixabay) / CC0)

Vor kurzem ließ Microsoft mit der kolportierten Aussage aufhorchen, dass die Nachfrage nach der Microsoft Cloud Deutschland (MCD) und damit nach einer Public Cloud, die mit deutschen Datenschutzrechtsverständnis konform geht und bei der T-Systems als Treuhänder fungiert, nur wenig nachgefragt würde. Wir haben uns in der Branche umgehört, ob sich das Treuhändermodell für die Deutsche Cloud erledigt hat.

Selten war der Datenschutz präsenter in den Köpfen als heute, kurz nach Inkrafttreten der DSGVO. Doch Insider treibt das Thema seit Jahren um, insbesondere, wenn es um den Datenschutz vor amerikanischen Behörden aller Art geht. Cloud-Angebote von amerikanischen Unternehmen wurden daher lange Jahre verschmäht. Microsoft reagierte darauf, in dem es die Microsoft Cloud Deutschland (MCD) initiierte. Darin wurden und werden Kundendaten ausschließlich in Deutschland gespeichert. „Die Kontrolle und Entscheidungsgewalt über die Daten obliegt den Kunden selbst. Die Tochtergesellschaft der Deutschen Telekom T-Systems – der Datentreuhänder – agiert unter deutschem Recht und überwacht den Zugriff auf die Kundendaten.“

Datenschutz hat weiter Priorität

Dieses Modell steht nun am Scheideweg – im März erklärte Microsoft via Handelsblatt, dass man neue Rechenzentren in Deutschland bauen werde – ohne T-Systems als Treuhänder. Die Publikation berichtete, dass die Nachfrage nach der MCD „gering“ sei. Laut „übereinstimmenden“ Aussagen „zahlreicher Branchenkenner“ sei das Angebot „zu teuer, zu rückständig“.

Das wollten wir genauer wissen. Zunächst wendeten wir uns an Frank Strecker - er verantwortet als Senior Vice President das Cloud-Geschäft von T-Systems. Sieht er einen Hang der Anwender zur Public Cloud OHNE deutschen Datenschutz? Seine kurze Antwort: „Nein.“

Das unterschreibt auch der Analyst Matthias Zacher, Research & Consulting Manager bei IDC: „Unsere Analysen und unsere Gespräche mit Unternehmen zeigen immer wieder, dass die Mehrzahl der Unternehmen auf eine Datenspeicherung in Deutschland oder auf einen Vertrag nach deutschem Recht Wert legt. Viele der großen Cloud-Anbieter bieten aus diesen Grund Cloud Services aus Standorten in Deutschland an. Zudem profitieren die Unternehmen dann ebenfalls von geringen Latenzen. Technische, kulturelle und rechtliche Aspekte gehen bei der Nutzung von Cloud Services Hand in Hand.“

Zacher räumt allerdings ein, dass Unternehmen für viele Anwendungsszenarien aber auch einen europäischen Datenstandort bzw. europäisches Recht akzeptierten. „Für alle Cloud Services gilt, dass die Leistungen zu solchen Kosten angeboten werden müssen, die für eine möglichst große Zahl an Unternehmen interessant sind und das die Angebote State-of-the-Art sind.“ Das sieht auch T-Systems-Cloud-Chef Strecker so: „Es geht darum, welche Daten in der Public Cloud verarbeitet werden sollen. Nehmen wir als Beispiel sensible Patientendaten. Das Start-up Teleclinic.com, das Sprechstunden aus der Cloud anbietet, setzt auf unsere Public Cloud aus einem deutschen Rechenzentrum. Mit der europäischen Datenschutzgrundverordnung werden viele Unternehmen jetzt zusätzlich sensibilisiert, auf Compliance-Regeln zu achten. Aber natürlich ist es auch so, dass am Ende auch der Preis eine Rolle spielt.“

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Multi-Clouds machen Azure und Co gesellschaftsfähig

Im Zeitalter von Hybrid- und Multi-Cloud unterscheiden also auch deutsche Unternehmen genau, welche Angebote zu welchem Preis für welche Daten sinnvoll sind. Der Datenschutz scheint nicht mehr das Totschlagargument gegen die Nutzung von Azure, AWS oder andere Clouds US-amerikanischer Anbieter zu sein. Grundsätzlich habe sich hier viel bewegt, berichtet Andreas Zipser, Vice President Sales Central Europe bei Sage und damit ausgewiesener Experte für den Mittelstand in Deutschland: „Ich erlebe den deutschen Mittelstand in den vergangenen drei Jahren völlig verändert. Vor drei Jahren gab es noch sehr zynische Kommentare zur Cloud, zur Sicherheit in der Cloud, zur Geschwindigkeit, Verfügbarkeit, und und und. Inzwischen ist die Cloud-Adoption-Rate aber sehr viel höher geworden.“

Doch gerade im Mittelstand gebe es große Unterschiede in der Art der Nutzung: „Vor allem kleine Unternehmen setzen auf unsere Public Cloud-Angebote auf AWS-Basis, um darüber vor allem Finanz- und Lohnbuchhaltung zu machen. Alleine in Deutschland sind das 16.000 bis 18.000 Unternehmen. Bei produzierenden Unternehmen mit streng gehütetem Know-how und entsprechenden Intellectual Properties sieht das natürlich anders aus. Denen raten wir zu unserer Private Cloud-Lösung.“

Bis zu 18.000 mittelständische Sage-Kunden schieben also aktuell ihre sensiblen Daten in einer Public Cloud herum, ganz ohne Beteiligung eines Treuhänders – das lässt allerdings Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des deutschen Cloud-Modells aufkommen! Erst im April hat Sage die Sage Business Cloud mit Lösungen für Unternehmen jeder Größenordnung vorgestellt. Die neue Lösung integriert Anwendungen von der Buchhaltung für kleine Unternehmen bis hin zu anspruchsvollem Finanzmanagement und branchenspezifischer Software für größere mittelständische Unternehmen.

Globalisierung lässt Deutsche Cloud alt aussehen

Wir fragten weiter. Mit Christian Gehring, Pre-Sales Director Germany bei VMware, antwortete uns auch ein Vertreter der US-amerikanischen Anbieter. Er hat eine klare Botschaft: „Unsere Kunden nutzen schon geraume Zeit zahlreiche Cloud-Services. Zunächst wurden vor allem Entwicklungsansätze verfolgt, nun wollen die Kunden mehr und die Public Cloud ausgiebiger nutzen. Dabei erfahren wir, dass das Treuhändermodell eigentlich gar nicht mehr nachgefragt wird.“

Gehring kann das plausibel erläutern: „Der Grund dafür ist, dass die ‚Deutsche Azure Cloud‘ auch rein auf Deutschland fokussiert ist, während unsere Kunden durch die Verknüpfung der internationalen IBM oder AWS-Rechenzentren den VMware Cloud Service global nutzen können. So können Kunden ihre Applikationen überall auf der Welt nutzen. Ein Beispiel wäre etwa ein deutscher Hersteller, der in Asien Workloads oder Anwendungen aus der Cloud benötigt. Er kann die Anwendung in Frankfurt entwickeln und hosten und dann bei Bedarf nach Fernost verschieben.“

In dieselbe Kerbe haut Sören Hühold, Head of IT Transformation und Cloud Services bei Arvato Systems: „Entsprechend den Aussagen unserer Kunden würde ich die Deutsche Cloud mit Treuhändermodell als Auslaufmodell bezeichnen. Per Definition handelt es sich dabei um ein Modell für Deutschland, und in dem steckt man dann fest. Selbst kleinere Mittelständler mit nur 100 Mitarbeitern sind oft international tätig, und da funktioniert das Treuhändermodell nicht mehr.“

Die Deutsche Cloud lebt, wird aber immer unbedeutender

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Treuhandmodell für Daten in der Cloud lebt – aber offenbar tatsächlich immer weniger nachgefragt wird. Der Druck der Globalisierung auf deutsche Unternehmen, die in der Regel dem Mittelstand zuzurechnen sind, zwingt diese zur Nutzung von Multi-Clouds. Dadurch gewinnen vergleichsweise günstige Public Cloud-Angebote an Boden und werden in immer größeren Umfang gerade von kleineren Mittelständlern eingesetzt, denen der Datenschutz nicht ganz so wichtig ist. Ein Malerbetrieb aus der Eifel kann das auch getrost tun, seine Abrechnungsdaten sind für die NSA eher uninteressant. Global agierende Unternehmen aus Deutschland müssen weiter ganz genau überlegen, welche Daten in welcher Cloud abgelegt werden – für einige dürfte das Treuhandmodell unverzichtbar sein.

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10.04.18 - Deutschland ist bei der Absicherung von Daten in der Cloud international führend. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte lautet, dass der Feind nie schläft. Das gilt insbesondere in Zeiten des Internets und der Schatten-IT. Wo also müssen deutsche Anwender (und Anbieter) die Sicherheitsschrauben noch weiter anziehen? lesen

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