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Trusted Cloud Jahreskongress 2014 Mittelstand zögert noch beim Cloud Computing

Autor / Redakteur: Lothar Lochmaier / Florian Karlstetter

Wie vertrauenswürdig ist die „Mittelstands-Cloud“ wirklich? Der Jahreskongress des Technologieförderprogramms Trusted Cloud zeigte vor allem eines: Gefragt sind statt markiger Versprechen der Anbieter handfeste Lösungen, die im robusten Alltagseinsatz bestehen.

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Auf dem Trusted Cloud Jahreskongress 2014 in Berlin kamen Experten aus Politik und Wirtschaft zusammen, um über die Entwicklung und Erprobung innovativer, sicherer und rechtskonformer Cloud Computing Anwendungen zu diskutieren. Von neuen, cloud-basierten Diensten sollen dabei jetzt vor allem die bis dato vernachlässigten mittelständischen Unternehmen profitieren.
Auf dem Trusted Cloud Jahreskongress 2014 in Berlin kamen Experten aus Politik und Wirtschaft zusammen, um über die Entwicklung und Erprobung innovativer, sicherer und rechtskonformer Cloud Computing Anwendungen zu diskutieren. Von neuen, cloud-basierten Diensten sollen dabei jetzt vor allem die bis dato vernachlässigten mittelständischen Unternehmen profitieren.
(© Victoria - Fotolia.com)

Bereits im September 2010 hatte das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) die Initiative Trusted Cloud als Wettbewerb gestartet. Mittlerweile hat diese sich zum Technologieförderprogramm weiter entwickelt, als ein zentraler Bestandteil der IKT-Strategie "Deutschland Digital 2015" und der "Hightech-Strategie" der Bundesregierung.

Datensicherheit und -schutz im öffentlichen Fokus

Ein Grund: Spätestens seit dem flächendeckenden Ausspähen von Nutzerdaten im Netz durch ausländische Geheimdienste steht das Thema Datensicherheit bzw. –schutz verstärkt im öffentlichen Fokus. So gesehen erhält die Initiative weiteren Rückenwind, auch um mit Cloud-Lösungen „made in Germany“ auf dem Weltmarkt zu reüssieren.

Allerdings sei das Cloud Computing längst zum internationalen Wettbewerbsfaktor geworden - und lasse sich so gesehen kaum mehr an spezifischen Landesgrenzen wie der Europäischen Union oder Deutschland festmachen, betont Andreas Weiss, Sprecher beim EuroCloud Deutschland_eco e.V.. In dem Expertennetzwerk sind rund 300 Cloud-Spezialisten aus 22 europäischen Ländern versammelt.

„Wer nur die Cloud verkauft, ist auf dem Irrweg, was zählt sind Lösungen“, betont Weiss. Folglich zählen aus Sicht der Anwender klar berechenbare Use Cases. Bis Anfang 2015 stellt das BMWi für die insgesamt 14 Projekte zur Trusted Cloud mit jeweils unterschiedlichem Branchenfokus ein Fördervolumen von rund 50 Millionen Euro bereit. Durch Beteiligungen weiterer Projektpartner ist das finanzielle Gesamtvolumen der zunächst bis zum kommenden Jahr befristeten Initiative mittlerweile auf rund 100 Millionen Euro angewachsen.

Entwicklung sicherer und rechtskonformer Cloud Computing Anwendungen

Das Ziel des Technologieprogramms liegt dabei in der Entwicklung und Erprobung innovativer, sicherer und rechtskonformer Cloud Computing Anwendungen. Von neuen, cloud-basierten Diensten sollen dabei jetzt vor allem die bis dato vernachlässigten mittelständischen Unternehmen profitieren. Die Projektpartner erarbeiten dazu prototypisch grundlegende Technologien sowie Cloud-Anwendungen, etwa für die Bereiche Industrie, Handwerk, Gesundheit und den öffentlichen Sektor, die sich sukzessive auch auf andere Sektoren übertragen lassen sollen.

Derzeit arbeiten die beteiligten Lösungspartner daran, die Vorteile anhand konkreter Pilotanwendungen in die unternehmerische Praxis zu übertragen. „Wir wollen die Initiative weiter unterstützen, um daraus marktreife Lösungen und Produkte made in Germany zu entwickeln“, betont Staatssekretär Stefan Kapferer vom BMWI.

Datenschutz-Zertifizierung

Er sieht als Voraussetzung für den künftigen Erfolg den Umstand an, dass alle relevanten Unternehmensdaten beim Cloud Computing sicher aufgehoben und hohe Datenschutzstandards gewährleistet sein müssen. Und genau aus diesem Grunde wertet das Bundeswirtschaftsministerium gerade Pilotprojekte wie die Datenschutz-Zertifizierung von Cloud-Diensten als großen Schritt nach vorne.

Nachdem sich bisher jedoch vor allem größere Konzerne mit verteilten Organisationsstrukturen und globalen Niederlassungen dem Thema Trusted Cloud angenähert haben, stehen nun verstärkt kleine und mittelständische Unternehmen im Fokus. Denn das Cloud Computing offeriere vielfältige Chancen für die gesamte deutsche Wirtschaft, sagen die Projektinitiatoren. Denn über die Cloud erhielten mittelständische Unternehmen, kleine Betriebe oder Start-ups den Zugriff auf innovative Technologien, die bislang fast ausschließlich den großen Unternehmen vorbehalten seien.

Die Riege der IT-Anbieter wirbt dabei vor allem mit dem Argument, die Unternehmen müssten fortan nicht mehr selbst in eine große, aufwendige und unflexible IT-Infrastruktur investieren, da die Cloud alle notwendigen Ressourcen von einem professionellen IT-Anbieter deutlich preisgünstiger und effizienter per Mietmodell offeriere. Schließlich zahle der Kunde nur nutzungsabhängig für die tatsächlich benötigten Leistungen, sprich die gerade benötigten Rechen- oder Speicherkapazitäten sowie weitere kollaborative Dienste.

Doch wie steht es wirklich um die „Mittelstands-Cloud“? Worauf legen die Unternehmen besonderen Wert? In Berlin trafen sich Anfang Juni dazu die Projektpartner beim Bundeswirtschaftsministerium zum Trusted Cloud Jahreskongress 2014. Im Vordergrund stand der Status Quo einzelner Vorhaben mit Blick auf den Mittelstand (KMU). Ein Überblick über die laufenden Forschungs- und Entwicklungsvorhaben findet sich hier

Deutlich wurde vor allem, dass viele Anwender nach wie vor mit dem Schwenk in die Computerwolke zögern. „Je nach Rolle der Anbieter bewerten die KMU die Mehrwerte von Cloud Computing völlig unterschiedlich“, gibt Beraterin Karin Sondermann von DriveChange! – Consulting zu bedenken. Nach wie vor gebe es beim Gros der mittelständischen Anwender erhebliche Bedenken, vor allem aus Sicherheitsgründen, hier beim IT-Management einen radikaleren Schwenk zu vollziehen. Daneben bremsten weiterhin betriebswirtschaftliche Kriterien wie die Kalkulation der Total Cost of Ownership (TCO), und weitere, teils ebenfalls schwer kalkulierbare Kosten für neue Infrastrukturen die Produktivität in den Unternehmen.

Software-as-a-Services als neues Geschäftsfeld

„Andererseits entdecken die Mittelständler gerade die Vermarktung von Software-as-a-Services als neues Geschäftsfeld“, so die Expertin weiter. Handfeste Beispiele untermauern diesen Trend: So habe der Industriespezialist RUD Ketten von einer hybriden Cloud-Business-Architektur unmittelbar profitiert, und zwar nicht direkt durch Kosteneinsparungen, sondern durch die Schaffung eines cloud-basierten neuen Prüfsystems, mit dem das Unternehmen nun auch in die Vermarktungsphase dieser selbst mit Partnern entwickelten Lösung eingetreten ist.

Zum Hintergrund: Bei der RUD-Ketten-Gruppe handelt es sich um ein traditionsreiches mittelständisches Anwenderunternehmen, der als Spezialist für Kettensysteme und Bauteile bereits seit 1875 auf dem Markt existiert. Die RUD-IT entwickelte mit RUD-ID-NET immerhin die erste SaaS-fähige Prüfmanagementsoftware, ein industrieübergreifendes Cloud-Angebot. Ganz nebenbei entstand so eine kollaborative Plattform zum Austausch von prüfrelevanten Industrieprozessen.

Sicheres Auslagern von Unternehmensdaten

Weitere Beispiele machen den Mittelständlern Mut: So gehört „Sealed Cloud“ zu den Vorreitern beim sicheren Auslagern von Unternehmensdaten. Gerade wenn Unternehmen ihre Daten in der Cloud speichern und verarbeiten, ist der Schutz der Informationen vor Angriffen und Diebstahl von größter Bedeutung. Viele Cloud-Anwendungen verschlüsseln deshalb zwar den Datenverkehr zwischen Nutzer und Cloud-Anbieter, sodass Unbefugte von Außen nicht darauf zugreifen können.

Trotzdem erscheint es vielen Unternehmen immer noch riskant, ihre Daten in die Cloud auszulagern. Denn dort liegen sie nicht mehr auf Servern im eigenen Haus, sondern bei einem Drittanbieter. An dieser sensiblen Schnittstelle kommt nun das Projekt Sealed Cloud ins Spiel, ein umfassendes Konzept bzw. Technologie zur Sicherung der Daten gegen unbefugten Zugriff, sowohl von Dritten als auch vom Cloud-Anbieter selbst. Das Ziel: Eine „versiegelte“ Infrastruktur fürs Cloud Computing, der Unternehmen beruhigt ihre Daten und Geschäftsgeheimnisse jederzeit sicher anvertrauen.

Beispiel Deutsche Börse Cloud Exchange

Dass zwischen den Versprechen so mancher Anbieter und den Bedürfnissen der Anwender immer noch eine größere Kluft existiert - und es somit noch kein gemeinsames Sprachverständnis gibt, zeigen komplexere Projekte mit längerer Laufzeit. Ein Beispiel ist das Joint Venture „Deutsche Börse Cloud Exchange“, vom Berliner IT Spezialisten Zimory und der Deutschen Börse ins Leben gerufen. „Wir möchten einen anbieterneutralen Marktplatz fürs Cloud-Computing an den Start bringen, das von Public über die Private bis hin zur Hybrid Cloud unterschiedliche Betreibermodelle umspannt“, betont Randolf Roth, CEO von Zimory.

Im Prinzip soll die "Deutsche Börse Cloud Exchange“ wie der Handel von Aktien an der Börse funktionieren, bei der sich Angebot und Nachfrage binnen Sekundenbruchteilen treffen und zusammen kommen. „Also eine Art Over-the-Counter-Handel für die Cloud“, so der Experte weiter. Die Tücke lauert jedoch im Kleingedruckten. Denn die Contracting-Modelle, die Anbieter und Anwender zusammen bringen, sind oftmals standardisiert. Dies wiederum widerspricht dem oftmals sehr spezifischen individuellen Bedarf der Mittelständler, was sich häufig gerade im Aspekt der Vertragsgestaltung negativ auswirken kann.

„Wir möchten deshalb Transparenz und Glaubwürdigkeit schaffen in einem einzigartigen Cloud-Netzwerk“, betont Randolf Roth. Derzeit befindet sich das Projekt allerdings noch in einem „Soft Launch“, d. h. die Dienste sind derzeit nur probeweise für geschlossene Nutzergruppen zugänglich. Der CEO von Zimory ist aber zuversichtlich, das Vorhaben bald erfolgreich wie geplant an den Start zu bringen.

Fazit

Neue Cloud-Konzepte sollten aus Sicht der mittelständischen Anwender nicht nur integrationsfähig in bestehende Lösungen sein, ohne dass dabei Zeitbudget und Kosten aus dem Ruder laufen. Aus gutem Grund scheut so manches Unternehmen auch die Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter. Und drittens: Als Speicherort für die Daten bevorzugen die Unternehmen in der Regel deutsche oder zumindest Anbieter auf EU-Ebene, bilanziert jedenfalls der Bundesverband IT-Mittelstand e.V. Und Paul Schwefer vom VOICE Verband der IT-Anwender e.V. ergänzt: „Die Vorteile von Cloud Computing können nur greifen, wenn die Risiken und Verantwortlichkeiten klar verteilt sind.“

Aber auch bei den Mittelständlern selbst gebe es noch erhebliche Defizite, etwa durch die mangelnde Bereitschaft inflexible und veraltete Software-Architekturen abzulösen. Fest steht aber auch: Die derzeit auf dem Markt präsenten Geschäftsmodelle in der Cloud lassen in vielerlei Hinsicht noch wichtige Fragen offen. Sie seien zum überwiegenden Teil zu anbieterorientiert gestaltet, „und damit in der Regel zu teuer und unflexibel“, fasst Experte Paul Schwefer den Diskussionsstand zusammen.

Mit anderen Worten: Mehr Dialog zwischen Anwender und Anbieter auf der Basis handfester und nachprüfbarer Argumente lautet das Gebot der Stunde.

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