Ein Plädoyer

Vernetzte Souveränität durch eine digitale Realpolitik

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In einer Welt, die immer digital vernetzter wird, ist eine solche Grundannahme – wenn sie zutrifft – sehr problematisch und betrifft uns alle: Das Vertrauen, das notwendig ist, um global Technologien der nächsten Generation auszurollen – sei es das Internet der Dinge, Cloud-Computing, oder alle „as-a-Service-Ansätze“ – ist damit unterhöhlt.

Das heißt, wir können nicht mehr weitermachen, wie bisher. Es reicht auch nicht aus, nationale Lösungen zu fordern oder den Kopf in den Sand zu stecken. Wir müssen realistisch ein ausreichend hohes Sicherheitsniveau erreichen. Denn das Vertrauen in eine utopistisch angehauchte Netzpolitik ist verloren. Wir müssen es schaffen, die Dinge, die wir als Gesellschaften erarbeitet haben und die uns lieb und teuer geworden sind, wie den Schutz der Privatsphäre und die Integrität persönlicher Daten, in die digitale Netzwerkgesellschaft zu übersetzen.

Das Wissen, dass im Netz abgelegte Daten nicht sicher sind, hat unser Selbstverständnis als Individuen und Gesellschaft verändert. Wir begegnen dem mit Galgenhumor, Schulterzucken oder mit einem nur durch Bauchgefühle begründeten Rückzug aus Cloud-Diensten und sozialen Medien, wie Facebook, WhatsApp und Dropbox. Als Unternehmen, Verwaltungen und Gesellschaften verschärfen wir Sicherheitsmaßnahmen und versuchen objektive und subjektive Gefahren besser zu managen – heute noch nicht hinreichend erfolgreich.

Das Thema wird allerdings noch immer nicht auf oberster Entscheidungsebene behandelt. Meist endet die Diskussion mit Regeln, die zum Beispiel besagen, dass alles was auf den eigenen Servern läuft, in Ordnung ist (ohne deren Sicherheit vor Industrie- und anderer Spionage zu hinterfragen). Oder, dass Server auf deutschem Territorium stehen müssen und die Firmen, die diese Services anbieten, am besten deutsch sein sollten (ohne dass wir unsere Risiken damit wirklich in den Griff bekommen). Politisch rufen wir zur Stärkung der deutschen IT-Industrie auf, im Zweifelsfall gewürzt mit einer Prise „Open Source“, um die Transparenz zu erhöhen.

In der Diskussion um die digitale Souveränität in der deutschen digitalen Agenda wird von einer europäischen Cybersicherheitsstrategie zur Rückgewinnung der technologischen Souveränität, von der Förderung einer „deutschen IT-Industrie“ oder von der Nationalisierung der Internet-Infrastruktur Deutschlands („Schland-net“, „Schengen-Routing“, „deutsche email“) gesprochen. Emotional scheint das richtig, aber ist es auch sinnvoll? Erhöht ein solcher Diskurs auch unsere Sicherheit in hinreichendem Maße?

Die strukturelle Logik unserer Zeit ermöglicht Organisationen und Prozesse, die anders geschnitten sind als im 20. Jahrhundert. Wo es im 20. Jahrhundert darum ging, 1-zu-n Beziehungen („Massen-Technologien“) zu organisieren und abzusichern (Radio, Fernsehen oder das Fließband), geht es im 21. Jahrhundert darum, n-zu-n Netzwerke (Internet, Social Media, Software Development Communities) zu strukturieren und zu sichern. Und dafür brauchen wir ein Verständnis von der Sicherheit in offen vernetzten Organisationen, das nicht bei mittelalterlichen Bildern von Burggräben stehen bleibt.

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