Gefährdungspotential für kritische Infrastrukturen

Wenig Sicherheit für Smart Grids in Deutschland

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Energiewende nur mit Smart Grids

Das Risiko, Opfer eines Angriffs zu werden, lauere voll beim Endkunden, so Pohl. „Der Kunde sendet Verbrauchsdaten ins Netz und in Zukunft sollen sogar Maschinen durch die Intelligenz im Stromnetz gesteuert werden. Dadurch öffnet der Kunde seine Produktion und ermöglicht ein Eindringen in seine Systeme“, legt der Bonner nach. International gibt es eine ganze Reihe schwerer Angriffe auf die nicht so hoch abgesicherten Smart Meter und die Stromnetze, wie vom BSI gefordert, behauptet der Rheinländer.

„Doch ohne Smart Grids keine Energiewende“, mahnt Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energieagentur (Dena) auf einem Energieeffizienz-Kongress in Stuttgart. Die prominenten Firmenlenker lauschten den Ausführungen des Dena-Chefs, sprachen sich für Energieeffizienz in der Produktion aus, wollen Industrie 4.0-Ansätze implementieren und sind in der Mehrheit wohl unwissend, welche Risiken in den intelligenten Netzen lauern, die auch den Traum von der „smart factory“ bedrohen könnten. Doch Pohl beruhigt: „Es existieren Lösungen am Markt, die Schutz bieten. Fünf Anbieter arbeiten an Smart Meter Gateways auf der Basis der BSI-Richtlinie. Zertifizierte Smart Meter Gateways könnten eine starke, verbesserte Firewall sein, die das Netz schützen.“

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Kommentar
Eine Netzaffäre?

Als das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Herbst 1962 seine Titelgeschichte zum Zustand der Bundeswehr mit „bedingt abwehrbereit“ überschrieb, da witterten einige Politiker schnell Landesverrat – die Spiegelaffäre nahm ihren Anfang und Redakteure feierten Weihnachten im Gefängnis. Heute titeln wir unbekümmert wieder „bedingt abwehrbereit“ beziehen die Aussage aber auf die intelligenten Stromnetze der Gegenwart und Zukunft. 1962 standen sich zwei hochgerüstete Militärblöcke gegenüber – ein bipolares, geordnetes System mit weitgehend berechenbaren Akteuren. Bomben, Panzer und Soldaten bestimmten den Kalten Krieg. Heute sprechen wir von Cyberwar, verdeckten Angriffen auf die kritischen Infrastrukturen eines Staates. Die Angreifer kommen nicht mehr ausschließlich aus dem Osten, sind teilweise politisch-ideologisch verblendet und auch Kriminelle verschaffen sich Zugang zu unseren Netzen. Und die Reaktion? Bis 2016 bleiben deutsche Netze weitgehend ungesichert, auch wenn intelligente Elemente bereits implementiert werden. Dazu kommt: Das Schutzniveau in anderen EU-Staaten ist nicht einmal ansatzweise vergleichbar mit Anforderungen, die in Deutschland angestrebt werden. Sind wir Deutsche zu ängstlich, wie es manche Gesprächspartner immer wieder behaupten? Nein! Die Energiewende braucht flexible Netze, aber bitte sicher, denn die Stromversorgung ist elementar für die Volkswirtschaft – dafür auch gerne ein hohes Sicherheitsniveau, ohne politische Verzögerungstaktiken durch mächtige Lobbygruppen. Doch auch die europäischen Nachbarn müssen mitziehen, denn viele Mittelständler produzieren in Spanien, England oder Tschechien. Wir können uns in Europa keine Blackouts, auch kleinerer Dimension, leisten. Doch in der Industrie und bei den Privathaushalten ist die Gefahrenlage nicht präsent. Deutschland und Europa sind weder physisch noch psychisch abwehrbereit. Robert Weber

Andere Meinungen bitte an robert.weber@vogel.de

Aber es hapert noch an der Zertifizierung der Lösungen. Zwei Firmen befinden sich laut BSI zurzeit in dem Prüfungsprozess des Amts. Die Antragssteller sind die Landis + Gyr AG sowie die Openlimit Sign Cubes AG mit der Power Plus Communications AG. Der Behörde BSI den schwarzen Peter zuzuschieben ist allerdings nicht zielführend, denn im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) findet sich schon heute die Aufforderung, wenn Smart Meter Gateways verfügbar seien, diese dann auch einzusetzen. Das Problem, so Experten: Die Bundesregierung habe die Sicherheitsrichtlinie TR-03109 nicht zügig freigegeben und deshalb arbeite man erst seit kurzem an der Prüfrichtlinie. Bei der Power Plus Communications AG planen die Entwickler 2015 erste Proberollouts. Ein Jahr später fällt dann der Startschuss für den flächendeckenden Einbau.

Die Anforderungen an die Systeme: Der Gateway der Geräte muss drei Netzwerk-Domänen sicher miteinander verbinden können. Dafür muss am Gateway ein zusätzliches Sicherheitsmodul installiert sein, das sämtliche Messwerte signiert und kryptografisch verschlüsselt.

„Wir befinden uns in der Erprobungsphase. Gegenwärtig testen wir mit Energieversorgern den Einsatz der Smart Meter Gateways. Ziel ist es, anstehende Prozessveränderungen durch den Einsatz der neuen Technik früh zu erkennen“, erklärt Thomas Wolski, Produktmanager bei Power Plus Communications AG. Denn auf die Versorger kommen mit den Gateways neue Rollen, Prozesse und Systemlandschaften und Kosten zu. „Der Preis pro Stück liegt wohl bei unter 100 Euro“, meint Pohl. Annegret-Cl. Agricola, Bereichsleiterin Energiesysteme und Energiedienstleistungen bei der Dena rechnet bei einer Ausstattung von einer Million Messpunkten mit Investitionssummen zwischen 467 bis 837 Mio. Euro. „Die Kosten umfassen neben der Anschaffung der Endgeräte auch den Aufbau der notwendigen Infrastruktur, also auch die Anschaffung von Gateway-Technik. Inwieweit diese Kosten auf die Verbraucher umgelegt werden, ist aktuell noch in der Diskussion und hängt unter anderem auch davon ab, ob sich günstige Marktlösungen durchsetzen und den Verbrauchern durch den Einsatz von intelligenter Steuerung zukünftig auch ein Nutzen erwächst“, erklärt die Expertin. Große Energieunternehmen werden die Systeme zügig installieren, kleinere Stadtwerke wohl kaum. Die warten ab, lassen sich verklagen und handeln dann erst, vermutet ein Fachexperte, der ungenannt bleiben will.

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