Betörende Bequemlichkeit Wie sich unser Online-Verhalten auf Datenschutz und -sicherheit auswirkt

Autor / Redakteur: Rainer Rehm, (ISC)²-zertifizierter CISSP / Stephan Augsten

In Zeiten des Online-Shopping und Social Networking scheinen wir kaum etwas so bereitwillig herzugeben, wie unsere persönlichen Daten. Schon früh wurde uns eingetrichtert, dass es so sein muss, wenn wir ein Bedürfnis schnell online befriedigen wollen. Dabei wäre ein bisschen mehr Zurückhaltung bei der Datenweitergabe angemessen.

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Wer im Internet nicht durchleuchtet werden möchte, der muss seine Online-Aktivitäten kritisch hinterfragen.
Wer im Internet nicht durchleuchtet werden möchte, der muss seine Online-Aktivitäten kritisch hinterfragen.
( Archiv: Vogel Business Media )

Je mehr wir die Welt des elektronischen Business erobern, desto bequemer können wir unsere Bedürfnisse befriedigen. Die meisten Dinge kann man mittlerweile problemlos online bestellen, so auch die Pizza beim Italiener um die Ecke.

Dieses Einkaufsprinzip ist uns mittlerweile so vertraut, dass sich in uns kaum noch Widerstand regt, wenn wir online zur Weitergabe persönlicher Informationen aufgefordert werden. Während wir das Internet-Formular ausfüllen, sind wir mit den Gedanken meist bereits beim nächsten Schritt; wo es darum geht, aus dem unendlich großen Sortiment unseres Lieblings-Onlinehändlers etwas auszuwählen.

Keine einfache Aufgabe, zumal zur gleichen Zeit die brandneuen Angebote der Konkurrenz nur drei Mausklicks weit entfernt sind. Mitten im Bestellrausch verschwenden wir keinen Gedanken darauf, ob wir noch den Überblick über die Datensammlungen haben und fragen uns nicht, wohin das Ganze führt.

Ist es überhaupt noch möglich, sich dem Masterfile zu entziehen oder sich gegen die massive Datenspeicherung zu wehren? Weil wir so sehr damit beschäftigt sind, uns im Online-Dschungel einen Überblick über die besten Angebote zu verschaffen anstatt über den Schutz unserer Daten nachzudenken, bleibt diese Frage meist ungestellt. Und unsere Orientierungslosigkeit machen sich die Online-Anbieter wiederum zunutze.

Um zu den besten Angeboten zu gelangen, werden uns freundlicherweise „intelligente“ Suchmaschinen zur Verfügung gestellt. Dort bekommen wir alle Informationen, die wir suchen, egal ob über Urlaubsflüge, Musikhitlisten oder das Wetter in Timbuktu. Doch wer stellt diese Informationen zur Verfügung? Welches Geschäftsmodell betreiben die Anbieter solcher Suchmaschinen?

Seite 2: Teil der Statistik

Teil der Statistik

Google beispielsweise speichert die Anfragen der Nutzer, um die Daten anschließend detailliert und gezielt auszuwerten. So brüstet sich Google gerne damit, eine Grippewelle etwa drei Tage vor den offiziellen Gesundheitsämtern ankündigen zu können.

Für solche Vorhersagen benötigt Google keine hellseherischen Fähigkeiten. Es reicht völlig, zu analysieren, wieviele Nutzer sich in den letzten Stunden oder Tagen nach Grippesymptomen und nach den Mitteln zur Bekämpfung erkundigt haben. Diese Anfragen häufen sich bei einer beginnenden Grippewelle offenbar so stark, dass relativ genaue Prognosen über den Beginn einer Grippewelle gemacht werden können.

Die Auswertung solcher Abfragen beschäftigt mittlerweile eine große Anzahl von Menschen in den unterschiedlichsten Unternehmen. Besonders verbreitet ist diese Praxis natürlich in den werbe- und marketingnahen Branchen, aber auch in der Politik und in den Konzernen.

Wie Stephen Baker in seinem Buch „Die Numerati“ ausführt, ist die Auswertung solcher Abfragen hochkomplex und stellt eine große Herausforderung für Mensch und Maschine dar. Nichtsdestotrotz werden solche Statistiken erstellt. Anscheinend ist die Nachfrage so hoch, dass der Aufwand gerechtfertigt ist.

Wenn es also gelingt, die auf Anfragen in Suchmaschinen basierenden Daten von Millionen Nutzern zu speichern, zu korrelieren und auszuwerten, was passiert dann, wenn wir unseren Alltag immer mehr unter das Diktat der elektronischen Verfügbarkeit stellen? Denn die Datensammlungen die den Menschen insgesamt noch beschreibbarer und damit sein Verhalten noch vorhersehbarer machen, werden stetig weiterentwickelt.

Wir produzieren am laufenden Band Daten, die Rückschlüsse auf unser Verhalten ermöglichen. So nutzen wir zum Beispiel GPS-Mobiltelefone mit verfolgbaren Bewegungs- und Kommunikationsspuren oder Online-Videorecorder, die eine History der von uns bestellten Videos und aufgenommenen Fernsehsendungen speichern. Ganz zu schweigen von unseren Konto- und Kreditkartenumsätzen, die detailliert dokumentiert werden und ein glasklares Bild unseres Kaufverhaltens wiedergeben. Die unglaubliche Menge an persönlichen Daten, die in sozialen Netzwerken ungeniert dargeboten wird, rundet das Ganze noch ab.

Seite 3: Das Leben als gläserner Kunde

Das Leben als gläserner Kunde

Keiner hat uns je dazu gezwungen, die Kundenkarten der Fluglinien, Kaufhäuser, Tankstellen, Apotheken und Videotheken zu benutzen. Wir sind nicht unter Zwang zu Online-Suchmaschinen-Junkies geworden. Und keiner hat uns je verboten, unsere Bücher im Buchhandel zu kaufen anstatt online zu bestellen.

Wir machen das alles freiwillig, während um uns herum die Konvergenz der elektronischen Systeme zunimmt und Daten trotz gesetzlicher Regelungen ohne unser Einverständnis genutzt werden. Hinzu kommt, dass es bei der enormen Anhäufung von Daten immer schwieriger wird, das Verlust- und Missbrauchsrisiko zu kontrollieren.

Wer beschenkt hier eigentlich wen?

Auch wenn uns die vielen Risiken teilweise bewusst sind, lassen wir uns immer weiter in den Strudel der Online-Datensammlung ziehen. Das liegt meiner Meinung nach vor allem daran, dass wir eine neue Stufe der Bequemlichkeit erreicht haben, deren Preis vordergründig gering erscheint: ein bisschen weniger Dateneigentum.

Manchmal bekommen wir dafür sogar noch einen Geschenkgutschein – für etwas das wir meist nicht brauchen. Oder ist das ein Versehen, dass mir zusammen mit meinen neu erworbenen Laufschuhen ein Gutschein für bunte Krücken zugeschickt wurde?

Bei aller Bequemlichkeit und allen vermeintlichen Vorteilen sollten wir innehalten und uns fragen, ob wir die Hosen wirklich so weit herunterlassen möchten. Wenn wir erst beim nächsten Online-Einkauf in der Wartezeit bis zur Bestellbestätigung, also nach der freiwilligen Angabe unserer persönlichen Daten über den Schutz nachdenken, ist es bereits zu spät.

Jeder kann selbst entscheiden, daher empfiehlt es sich die Prinzipien der Datensparsamkeit, Datenvermeidung und Zweckgebundenheit/Erforderlichkeit einzuhalten. Wenn irgendwo online einmal wieder Daten abgefragt werden, sollte man sich die Frage stellen: Würde ich diese Information auch einem Fahrgast im Bus mitteilen? Hinterfragen Sie ruhig auch, wozu der Versender eines per E-Mail zugestellten Dokuments eine persönliche Telefonnummer oder die Adresse benötigt (Zweckgebundenheit)? Warum soll ich auch noch angeben, welche anderen Marken ich toll finde oder ob ich verheiratet bin (Datenvermeidung / Datensparsamkeit)?

Jeder hat seine Datenumwelt selbst im Griff und kann sich vor den Datensammlern dieser Welt schützen. Es liegt an uns, dies auch zu tun.

Rainer Rehm

Rainer Rehm, (ISC)²-zertifizierter CISSP, arbeitet als Security Architect im Global Security Department bei Nokia Siemens Networks.

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