Mitarbeiter-Datenschutz Wissensmanagement und Persönlichkeitsanalysen

Autor / Redakteur: Joachim Jakobs* / Stephan Augsten

Unternehmen sind bestrebt, Fachwissen in der Firma zu halten und neue Mitarbeiter zu finden, deren Persönlichkeit zur Unternehmensphilosophie passt. Neue Analysesysteme können dabei helfen, bieten aber natürlich auch Missbrauchspotenzial.

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Bei Entlassungen und Neueinstellungen können automatisierte Analysen künftig stärker zum Tragen kommen.
Bei Entlassungen und Neueinstellungen können automatisierte Analysen künftig stärker zum Tragen kommen.
(Bild: Archiv)

Personalfachleute glauben, 80 Prozent des Firmenwissens sei „Erfahrungswissen“, das notwendig ist, um Probleme zu lösen. Die übrigen 20 Prozent bestünden in „Buchwissen“. Angesichts der sich umkehrenden Alterspyramide kämpfen die Personaler also nicht nur um junge Mitarbeiter mit viel Buchwissen.

Letztlich droht auch die Erfahrung, altersbedingt auszuscheiden. Dieses „intellektuelle Ausbluten“ zu verhindern, ist das Ziel der Firma Starmind im Schweizerischen Küssnacht. Zu den Starmind-Kunden zählen die Schweizer Bank UBS, das Telekomunternehmen Swisscom, die Kommunikationsagentur Ogilvy & Mather und der Maschinenbauer Mettler-Toledo

Starmind errichtet in der Firma ein Know-how-Netzwerk. Ein Arbeitnehmer stellt eine Frage, die dann per Algorithmus an bis zu fünf Experten innerhalb des Unternehmens weitergeleitet wird. Die Fragenden können nicht erkennen, wer um Antwort gebeten wird – so soll die Hemmschwelle gesenkt werden, um Hilfe zu bitten.

Die Kunden hoffen zum einen, dass sich über die Zeit ein komplexes Wissensnetz entwickelt, das die Erfahrungen der Firma vollständig abbildet. Andererseits sollen „persönliche Wissenskarten von Starmind-Nutzern aufzeigen, in welchen Bereichen sie über besondere Expertise verfügen“ – so eine Firmenbroschüre.

Die Wissenskarte könnte dann noch im Mitarbeitergespräch am Jahresende zur Leistungsbeurteilung dienen. Um das Wissen der Firma zu erschließen, nutzt Starmind eigenen Angaben zu Folge eine „selbstlernende Technologie“, die „neueste Erkenntnisse der Neurowissenschaft und der künstlichen Intelligenz“ einsetzt.

Das Wissen der Mitarbeiter ist für den Personalentwickler aber nur einer unter mehreren Parametern, die sich mit Hilfe von Software analysieren lassen: Ein Buchhalter benötigt eine andere Persönlichkeit als ein Autoverkäufer. Derlei Persönlichkeiten lassen mit Hilfe des „Fünf-Faktoren-Modells“ erkennen.

Die fünf Persönlichkeitsfaktoren

Nach Ansicht der Universität Bielefeld ist dieses Modell „wissenschaftlich gut abgesichert“. Zu den fünf Faktoren gehören:

1. Begeisterungsfähigkeit – sie gibt Aufschluss darüber, ob eine Person lieber „im stillen Kämmerlein“ vor sich hin brütet oder eher gesellig ist und mit anderen ins Gespräch kommt. Die psychologischen Parameter heißen Introversion und Extraversion.

2. Neurotizismus – er spiegelt den Umgang mit emotionalen Belastungen; ist der Neurotizismus schwach ausgeprägt, handelt es sich um eine selbstsichere, ruhige Person – umgekehrt geprägte Menschen verhalten sich „emotional“ und verletzlich.

3. Verträglichkeit – sie beschreibt, inwieweit eine Person ihren Mitmenschen Verständnis, Wohlwollen und Mitgefühl entgegenbringt. Personen mit niedrigen Verträglichkeitswerten beschreiben sich im Gegensatz dazu als widerstreitend, egozentrisch und misstrauisch.

4. Gewissenhaftigkeit – sie beschäftigt sich mit dem Grad an Selbstkontrolle, Genauigkeit und Zielstrebigkeit, über die eine Person verfügt. Personen mit hohen Gewissenhaftigkeitswerten handeln organisiert, sorgfältig und überlegt. Personen mit niedrigen Gewissenhaftigkeitswerten handeln spontan und sind unzuverlässig.

5. Offenheit (im Sinne von Aufgeschlossenheit) – sie erfasst das Interesse an neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken. Personen mit hohen Offenheitswerten verfügen häufig über eine rege Fantasie, nehmen ihre positiven und negativen Gefühle deutlich wahr und sind vielseitig interessiert. Personen mit niedrigen Offenheitswerten neigen demgegenüber eher zu konventionellem Verhalten und vertrauen auf Bewährtes und Bekanntes anstatt zu experimentieren.

Möglichkeiten der Mitarbeiter-Analyse

Zahlreiche Software-Anbieter schreiben ihren Anwendungen die Fähigkeit zu, automatisiert „Talente“ identifizieren zu können. Sie wollen also die Frage beantworten können, wer ausreichend gewissenhaft und charakterfest ist, um beispielsweise die Position des Buchhalters zu bekleiden.

Viele dieser Anbieter stammen aus den USA – was womöglich auch mit den weniger strikten Datenschutzbestimmungen zusammenhängt. Für „The Intelligent Crowd Forum“ scheint das Überwachen der Mitarbeiter geboten, da „die meisten Mitarbeiter Internetseiten besuchen, die nichts mit der Arbeit zu tun haben“.

In die gleiche Kerbe schlägt der Journalist Gery L. Deer: Wer vom Arbeitgeber mit Bürogeräten ausgestattet werde, solle diese bitte für betriebliche Belange nutzen. Der Arbeitgeber habe das Recht, die tatsächliche Verwendung zu überwachen. Daraus folgt für Deer: „Erwarte keine Privatsphäre am Arbeitsplatz!“ So werden etwa Tastaturrekorder angeboten: Für knapp 40 US-Dollar lassen sich Datenzugriffe, Internetbesuche und Tastaturanschläge beim Mailen und Chatten der Mitarbeiter verfolgen.

Mit Tastaturrekordern kann nicht nur beobachtet werden, ob die Mitarbeiter tun, was sie sollen, es lassen sich viele weitere Schlüsse ziehen. Das Tippen eines Menschen auf einer Tastatur beispielsweise ist einmalig: Der eine tippt mit zwei, der andere mit zehn Fingern, die eine langsamer, die andere schneller. Ebenso variieren Tastendruck und die Verweildauer des Fingers auf der Tastatur.

Viele Tippfehler könnten auf einen Mangel an Genauigkeit hindeuten. Viele Mails lassen wiederum auf eine extrovertierte Persönlichkeit schließen – ob dies gut oder schlecht ist, kommt wiederum auf die Tätigkeit des Mitarbeiters und die Adressaten an. Häuft sich der Befehlston in den Mails, dann könnte das ein Hinweis auf eine herrschsüchtige Natur sein.

Wissen als Dienstleistung für alle

Vor Jahren will Clayton Epp in seiner Masterarbeit an einer Kanadischen Universität herausgefunden haben, das sich Intelligenz und emotionale Zustände mithilfe solcher Protokoll-Software feststellen lassen. Solch tiefen Einblick in die Psyche der Starmind-Nutzer zu gewinnen, wäre sicher interessant – egal ob es sich dabei um die Fragenden oder die Antwortenden handelt.

In Deutschland ist der Einsatz von Tastaturrekordern am Arbeitsplatz nach Ansicht des Fachportals iRights nicht zulässig. Was aber, wenn die Mitarbeiter einer Deutschen Niederlassung von der US-Amerikanischen Mutter überwacht würden? Selbst wenn der Nachweis der Überwachung und des Gesetzesverstoßes zu erbringen wäre, könnte es sich als schwierig erweisen die Mängel abzustellen.

Starmind will insbesondere bei deutschen Kunden zunächst beim Betriebsrat um Vertrauen werben, bevor es der Geschäftsleitung ein entsprechendes Angebot macht. Vor dem Hintergrund der technischen Möglichkeiten sicher eine gute Idee.

Interessant ist in dem Zusammenhang, dass die Software von Starmind nicht beim Kunden installiert, sondern als Service (SaaS) angeboten wird. Nur auf besonderen Wunsch hin wird die Anwendung beim Kunden vor Ort eingerichtet. Die Vision des technischen Direktors von Starmind Marc Vontobel ist, „Millionen von Menschen mit ihren Milliarden von Erfahrungen zu verbinden“.

Datenschutz-Probleme sind unausweichlich

Mit den ehrgeizigen Zielen sind Probleme verbunden: Wer immer derartige „Dienste“ statt Software anbietet, könnte zusätzliche Geschäfte mit dem Wissen der Firma betreiben; da es sich um proprietäre Software handelt, könnten in der lokal installierten Anwendung Hintertüren enthalten sein, zusätzlich könnten Anbieter und Kunde in den Focus der Geheimdienste rücken.

Schon das Auslagern der Lohnbuchhaltung birgt erhebliche Risiken – jetzt soll das gesamte Wissen aus den Köpfen aller Mitarbeiter der Wolke anvertraut werden. Dieses ausgelagerte Wissen könnte im Hochwasser der Schweizer Berge untergehen oder per DDoS blockiert werden. Derlei Bedrohungen würden dem Unternehmen aber wohl nicht dauerhaft schaden. Anders sähe es aus, wenn das Wissen durch Unachtsamkeit verloren ginge oder gar gestohlen würde.

Technisch scheint Vontobel alles Mögliche für die Sicherheit seiner Kunden zu tun: Starmind verschlüsselt seine Systeme nach eigenen Angaben mit AES und TLS, ist nachweislich nach ISO 27001 zertifiziert und hat offenbar die Terreactive AG im Schweizerischen Aarau als Penetration Tester engagiert. Terreactive bestätigt diese Geschäftsbeziehung.

Offen ist, was man einer versuchten Beschlagnahme von Daten – etwa durch Geheimdienste – entgegensetzen kann. Vontobel hofft, etwaige Ansprüche der US-Behörden durch eine juristische Trennung des US-Geschäfts abwehren zu können – ehrlicherweise bekennt Vontobel, er sei sich nicht sicher, ob sich diese Verteidigungsstrategie tatsächlich durchhalten ließe, wenn es denn tatsächlich zu entsprechenden Forderungen käme.

Unrealistisch sind derartige Befürchtungen nicht – Apple wollte sich jedenfalls vor Jahren nicht dazu äußern, ob sie bereits Stimmprofile an die Behörden weitergeben mussten. Ein US-Gericht verlangte aber bereits Daten von Microsoft, die in Irland gespeichert waren. Im Zweifel wäre das nicht nur für den Starmind-Kunden bedrohlich, sondern auch für dessen Mitarbeiter.

Kombination von Wissensmanagement und Sprachanalyse

Solche Analysen lassen sich nicht nur an Hand getippter Worte, sondern auch mit Hilfe erkannter Sprache anstellen: Heerscharen von Wissenschaftlern beschäftigen sich mit Themen wie den „Sprachverstehenssystemen“ -- Systemen, die Sprache in Text umwandeln und anderen Systemen zur Weiterverarbeitung bereitstellen.

So wollen Apple und IBM ihre Systeme Siri und Watson in einem Gemeinschaftsprojekt kombinieren – um Bauern sagen zu können, wann sie aussäen sollen. Genauso soll Watson die Ärzte, Anwälte und Architekten sowie die Kunden von Banken, Reiseunternehmen und Versicherungen beraten. IBM beschäftigt 200 Entwickler, die Watson fachspezifische Kenntnisse beibringen sollen – damit will der Konzern das Ende der Call Center einläuten.

In dem Augenblick könnte der Starmind-Anwender zum Siri- und Watson-nutzenden Kunden werden. Der Unterschied: Jetzt generiert er kein Wissen, sondern nutzt das von Dritten. Die Stimme aber ermöglicht einen noch tieferen Einblick in die Persönlichkeit, als das nur anhand von geschriebenem Text möglich gewesen wäre. Da bleibt nur zu hoffen, dass das Starmind-Profil getrennt bleibt von dem, was mit Hilfe von Siri und Watson erstellt wird.

Eine Studie italienischer und britischer Forscher will herausgefunden haben, dass sich Menschen anhand ihrer Stimme mit einer Genauigkeit von 80 Prozent automatisch nach dem Grad ihrer Persönlichkeitsmerkmale im Fünf-Faktoren-Modell sortieren lassen. Und die Stimme unserer Gesprächspartner entscheidet mit darüber, ob wir positive oder negative Gefühle zu anderen entwickeln oder womöglich gar eine Partnerschaft eingehen.

Dieses Wissen lässt sich in Beziehung setzen – wahlweise mit den Gesundheitsdaten der jeweiligen Person, ihrem Verhalten im vernetzten Heim und im vernetzten Auto. Der Spracherkennungsspezialist Nuance schreibt in einer Pressemitteilung: „Die neue Generation von Sprachdialogsystemen kann nicht nur das Gesprochene verstehen, sondern auch schlussfolgern und dazulernen.“

Man kombiniere die Analyse von Kontext, Standort und den Spracheingaben des Benutzers mit dessen Gesten, Mimik und Blickbewegungen. Dies erlaube eine individuelle, freie Dialoggestaltung. „Damit wird eine noch intuitivere und natürlichere Kommunikation mit Fahrerassistenzsystemen, Service-Robotern und der Haustechnik möglich, so dass der Mensch sich nicht der Technik anpassen muss, um diese sinnvoll zu nutzen“, so Nuance.

Experten warnen vor dem Missbrauchspotzenzial

All das erinnert an Googles Absicht, uns künftig Tipps zu geben, was wir morgen tun sollen. Wenn Google das aber kann, kann der Konzern wohl auch prognostizieren, mit welcher Wahrscheinlichkeit wir dieser Empfehlung folgen werden. Und welcher Anreiz nötig ist, uns von diesem Vorhaben wieder abzubringen. So stellt sich für die Interessenten von derlei Prognosen nur noch die Frage, ob es lohnt, die Prognosen über unsere künftigen Erwartungen zu erwerben und ob es den Aufwand Wert ist, uns von den mutmaßlichen Plänen wieder abzubringen.

Im Februar 2015 behauptete eine Protokolldatei auf dem Handy eines investigativ tätigen Journalisten aus Hamburg, sein Eigner sei zu einem bestimmten Zeitpunkt in Köln gewesen – der Eigner jedoch bestreitet das. Wie das zuging, ist dem Journalisten unverständlich. So ist nicht auszuschließen, dass die betroffene Person im Zweifel schnell in Schwierigkeiten geraten könnte. Diese wären umso größer, je mehr Parameter und/oder damit verbundene Algorithmen Fehler enthalten; dem „Schmetterlingseffekt“ sei Dank.

Der Physiker Stephen Hawking und einige hundert weitere Wissenschaftler haben zur künstlichen Intelligenz einen offenen Brief veröffentlicht – darin bringen sie eine ganze Reihe von Befürchtungen zum Ausdruck – die geringste scheint dabei die Vorstellung steigender Arbeitslosigkeit zu sein.

Da sich „viele“ Arbeiten automatisieren ließen, müssten sich insbesondere die Geringqualifizierten, die Kreativen und verschiedene Arten der „Wissensarbeiter“ Sorgen um ihre Zukunft machen. Das aber wären nur die kurzfristigen Folgen. Langfristig, so schreiben die Autoren unter Verweis auf Erkenntnisse der Stanford Universität, seien „Superhirne“ zu erwarten, die sich der menschlichen Kontrolle entziehen könnten.

* Joachim Jakobs ist freier Journalist und Autor des Buchs „Vernetzte Gesellschaft. Vernetzte Bedrohungen – Wie uns die künstliche Intelligenz herausfordert“.

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