Offener Brief Über 600 Experten kritisieren Überwachung durch Chatkontrolle

Von Melanie Staudacher 3 min Lesedauer

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Morgen, am 12. September, findet die nächste Verhandlung der EU-Kommission zur Chatkontrolle statt. In einem offenen Brief äußern 638 Experten aus 35 Ländern Kritik. Sie haben jedoch auch konkrete Empfehlungen.

An der Chatkontrolle werden vor allem die Ungenauigkeit der Erkennungstechnologie sowie das Aushebeln der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung kritisiert.(Bild:  Dall-E / Vogel IT-Medien GmbH / KI-generiert)
An der Chatkontrolle werden vor allem die Ungenauigkeit der Erkennungstechnologie sowie das Aushebeln der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung kritisiert.
(Bild: Dall-E / Vogel IT-Medien GmbH / KI-generiert)

Wird die Chatkontrolle umgesetzt? Darüber wird die EU-Kommission am Freitag, den 12. Sep­tember 2025, erneut diskutieren. Hinter der Frage um die Chatkontrolle steht eine mögliche EU-Verordnung, die das Ziel hat, mithilfe von client-seitigem Scannen von Messenger-Diens­ten, Hinweise auf sexuellen Kindesmissbrauch aufzudecken – die „Regulation to Prevent and Combat Child Sexual Abuse“ (CSAR).

Kritik an der Chatkontrolle

Nach der letzten Diskussionsrunde wird am 14. Oktober 2025 die finale Entscheidung über den Beschluss der EU-Verordnung erfolgen. Das Ziel, Kindesmissbrauch zu verhindern, sehen Da­ten­schutzexperten zwar als unterstützenswert an, die Mittel dazu stehen jedoch in der Kritik. So haben am 9. September 638 Expertinnen und Experten mit akademischem und wis­sen­schaft­lichem Hintergrund aus 35 Ländern einen offenen Brief unterzeichnet, der die Chatkontrolle kritisiert. Die Experten begrüßen zwar die Verbesserungen des derzeiteigen CSAR-Vorschlags im Vergleich zu seinen früheren Fassungen, doch sie bemängeln die technischen und ge­sell­schaftlichen Implikationen der Regulierung. Die zentralen Kritikpunkte sind:

  • Unzureichende Genauigkeit der Erkennungstechnologie: Die geplante Erkennung von bekannten und neuen kinderpornografischen Darstellungen (child sexual abuse material, CSAM) in großem Maßstab ist den Experten zufolge technisch nicht realisierbar. Weder Bild- noch URL-Analysen seien zuverlässiger als Texterkennung, da sie sich leicht umgehen ließen und hohe Fehlerraten verursachten. Auch KI-gestützte Verfahren würden das Problem verschärfen, weil sie besonders fehleranfällig und einfach zu täuschen seien.
  • Schwächung der Verschlüsselung durch On-Device-Scanning: Das On-Device-Scanning schwäche nach Ansicht der Wissenschaftler zwangsläufig die Ende-zu-Ende-Ver­schlüs­selung, da Inhalte vor der Verschlüsselung überprüft würden. Dadurch entstehe ein zentraler Schwachpunkt, der ein attraktives Angriffsziel darstelle, und es bestehe die Gefahr einer Zweckausweitung auf andere Inhalte wie politische Kommunikation. Der Messenger-Dienst Signal habe zudem angekündigt, sich im Falle eines verpflichtenden On-Device-Scannings aus der EU zurückzuziehen.
  • Risiken zusätzlicher technischer Maßnahmen: Die Pflicht zur Einführung zusätzlicher Maß­nahmen wie Altersverifikationen erhöhe laut den Forschern die Komplexität der Systeme, ohne wirksamen Schutz zu gewährleisten. Solche Verfahren ließen sich leicht umgehen und gefährdeten zugleich Anonymität, Informationsfreiheit sowie den Einsatz von Sicherheits­technologien wie VPNs. Darüber hinaus bestehe die Gefahr, dass Europa durch unausgereifte Lösungen in eine zunehmende Abhängigkeit von großen Technologiekonzernen gerate.

Empfehlungen der Unterzeichner

Statt auf unsichere Technologien zu setzen, fordern die Wissen­schaftlerinnen und Wissen­schaftler laut Investitionen in bewährte gesellschaftliche und pädagogische Maßnahmen. Dazu zählten sie eine bessere Aufklärung über Konsens, Werte und digitale Kompetenzen, Hotlines mit geschultem und sensibilisiertem Personal für Betroffene sowie Schlagwort-basierte In­ter­ventionen. Nur durch die Bekämpfung des eigentlichen Missbrauchs lasse sich auch die Ver­breitung entsprechender Darstellungen verhindern, ohne die Sicherheit digitaler Kom­mu­ni­ka­tion zu gefährden. Zudem empfahlen sie, die Transparenz des Themas zu erhöhen, die Öffent­lichkeit stärker einzubeziehen und den Dialog mit Fachleuten zu suchen, um wirksame Lösungen zu entwickeln.

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