Der Eurostack als europäische Digitalstrategie So könnte Europas digitale Souveränität konkret aussehen

Von Melanie Staudacher 5 min Lesedauer

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Mit dem Eurostack will Europa digitale Souveränität erreichen – in Form einer gemeinsamen, offenen Tech-Infrastruktur für KI, Cloud und Chips. Erste Pilotprojekte laufen. Das Ziel ist die technologische Unabhängigkeit von den USA und China.

Martin Hullin, Director, Network for Technological Resilience & Sovereignty bei der Bertelsmann Stiftung, stellte bei der Fachkonferenz des Nationalen Koordinierungszentrums für Cyber­sicher­heit den „Eurostack“ vor.(Bild:  NKCS)
Martin Hullin, Director, Network for Technological Resilience & Sovereignty bei der Bertelsmann Stiftung, stellte bei der Fachkonferenz des Nationalen Koordinierungszentrums für Cyber­sicher­heit den „Eurostack“ vor.
(Bild: NKCS)

„Kooperativ wenn möglich, autonom wenn nötig.“ Unter diesem Titel stellte Martin Hullin, Director, Network for Technological Resilience & Sovereignty bei der Bertelsmann Stiftung, am 30. Oktober auf der Fachkonferenz des Nationalen Koordinierungszentrums für Cyber­sicher­heit (NKCS) die „Eurostack“-Initiative vor. Damit gemeint ist ein Gedankenmodell, das ein euro­pä­isches, digitales Ökosystem beschreibt, welches aus miteinander verbundenen techno­lo­gischen Schichten besteht. Das Ziel des Eurostack ist es, digitale Souveränität zu schaffen, in­dem offene, interoperable und wertebasierte Infrastrukturen aufgebaut und abgesichert wer­den. Wie dies konkret aussieht und gelingen kann, erläutert die Bertelsmann Stiftung in einem Whitepaper.

Was ist der Eurostack?

Das Konzept der Bertelsmann Stiftung eines eigenen, europäischen Techstacks verfolgt das Ziel, die Abhängigkeiten von ausländischen Technologieanbeitern zu reduzieren. Erstmals angekün­digt wurde die Initiative am 24. September 2024 im Europäischen Parlament. Derzeit befindet sich der Eurostack noch in der Aufbauphase. Erste Pilotprojekte zu souveränen Datenräumen und Cloud-Infrastrukturen laufen bereits, während Wirtschaft, Forschung und Politik ge­mein­sam die Grundlagen für eine europäische digitale Infrastruktur schaffen.

Die Kernkomponenten dieses Techstacks sind laut Hullin folgende:

Komponente Bedeutung
SovereignAI & DataCommons Europäische Plattformen für KI-Entwicklung und sicheren Datenaustausch nach EU-Regeln.
SmartEurope IoT Vernetzte IoT-Systeme für Industrie, Energie und Städte – interoperabel und datenschutzkonform.
EuroConnect Sichere europäische Netz- und Backbone-Infrastruktur für schnelle, souveräne Datenverbindungen.
EuroChips Eigene europäische Halbleiterproduktion für mehr technologische Unabhängigkeit.
SovereignCloud Föderierte, europäische Cloud-Plattformen mit Datenschutz und Interoperabilität.
EuroOS Offenes, europäisches Software-Ökosystem auf Basis von Open Source und EU-Standards.

Soweit das Ideal. Doch um dieses zu erreichen, braucht es erst einmal eine Bestandsaufnahme: Wo bestehen technologische Abhängigkeiten zwischen Europa und Drittstaaten? Auch hierauf ging Hullin bei seiner Keynote auf der Jahrestagung des NKCS ein.

Wo ist Europa digital abhängig?

Die Übersicht von Hullin zeigte, dass vor allem USA und China in vielen Technologiebereichen eine Vorreiterrolle einnehmen. Deutschland kann in den Bereichen Software und Internet of Things & Devices mit den Unternehmen SAP, Samsung, Siemens und Bosch mithalten. Finnland ist mit Nokia in der Auflistung vertreten, Schweden mit Ericsson und die Niederlande mit ASML, einem Halbleiterhersteller. Ansonsten dominieren neben China die asiatischen Länder Taiwan und Südkorea.

Technologiebereich Dominierende Länder Wichtige Unternehmen
Data & Artificial Intelligence USA, China OpenAI, Microsoft, Google, Meta, Anthropic, XAI, Amazon, Baidu, Tencent, Alibaba, DeepSeek
Software USA, China, Deutschland Microsoft, Apple, Alphabet, Meta, Amazon, Salesforce, SAP, ByteDance, Tencent
Cloud USA, China Amazon, Microsoft, Alphabet, Alibaba
Internet of Things & Devices USA, China, Korea, Deutschland Amazon, Google, Apple, Samsung, Huawei, Bosch, Siemens, Xiaomi
Networks USA, China, Europa, Japan Huawei, Nokia, Ericsson, ZTE, SpaceX, NEC
Chips Taiwan, Korea, USA, Niederlande TSMC, Samsung, Intel, NVIDIA, AMD, ASML
Raw Materials, Energy & Water USA, China, Russland Chinesischer Staat (staatseigene Unternehmen, z. B. China Rare Earth Group), ExxonMobil, Gazprom

Überlebensfähigkeit deutscher Unternehmen ohne Digitalimporte(Bild:  Bitkom e.V.)
Überlebensfähigkeit deutscher Unternehmen ohne Digitalimporte
(Bild: Bitkom e.V.)

Auch wenn Deutschland, wie auch andere europäische Länder, einige Mal von Hullin genannt wurden, ist die Abhängigkeit von China und den USA gerade im Bereich Künstliche Intelligenz und Chips besorg­nis­erregend. Dies verdeutlicht eine Bitkom-Studie von Februar 2025. Dafür wurden 603 Unternehmen in Deutschland mit min­des­tens 20 Beschäftigten befragt. Nur drei Prozent von ihnen gaben an, ihr Unter­nehmen könne länger als 25 Monate ohne den Import digitale Produkte und Kompo­nenten bestehen. 39 Prozent gaben eine Über­lebensfähigkeit ohne Digitalimporte von 13 bis 24 Monaten an, 36 Prozent einen Zeit­raum von sieben bis zwölf Mo­na­te und 17 Prozent gaben eine sehr kurze Über­lebens­dauer ohne Digitalimporte von bis zu sechs Monaten an.

Wer souverän sein will, muss entwickeln

Der Gedanke des Eurostacks setzt voraus, dass Europa – um digital souverän zu sein – eigene Technologie entwickeln muss. Dazu gehören auch Innovationen im Bereich Chips, Cloud und KI, wo Europa derzeit noch hinterher hinkt. Die Vision des Eurostack setzt Hullin zufolge dabei auf Offenheit und Wettbewerbsfähigkeit, allerdings ohne strategische Naivität. Europa müsse ge­zielt strategische Kapazitäten aufbauen und eigene Wettbewerbsvorteile formulieren, um wider­standsfähige digitale Infrastrukturen zu schaffen und sich strategische Handlungsfreiheit zu sichern. Statt nur „First to market“ zu sein, solle Europa künftig vor allem „First to be trusted“ werden.

Als zentrale Handlungsfelder, um dieses Ziel zu erreichen, nannte Hullin zum einen den Aufbau einer gemeinsamen europäischen digitalen Infrastruktur, um technologische Abhängigkeiten zu verringern. Zudem sollten digitale Schlüsseltechnologien mit hoher Wirkung gezielt durch sogenannte „Grand Challenges“ gefördert und der Einsatz von souveräner KI sowie föderierten Datenräumen gestärkt werden. Europa müsse sich außerdem als führender Akteur in Zu­kunfts­technologien positionieren und strategisch in grundlegende digitale Bausteine investieren, um Innovation und Vertrauen gleichermaßen zu fördern.

Hullin brachte ein konkretes Beispiel zum NKCS Fachkongress mit: der Verteidigungs- und Sicherheitssektor. Dieser Bereich solle künftig Teil der Eurostack-Architektur werden, um Europas Abhängigkeit von außereuropäischen IT-Diensten zu verringern. Ziel sei es, die be­trieb­liche Kontinuität auch dann zu sichern, wenn nicht-europäische Services ausfallen, und gleichzeitig die Resilienz durch dezentrale Datenräume zu erhöhen, um Angriffsflächen zu re­duzieren. Darüber hinaus soll der Vendor-Lockin in sicherheitskritischen Entscheidungs- und Informationssystemen verringert werden.

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Die nächsten Schritte für den Eurostack

Für ein digital souveränes Europa gilt es jedoch noch, einige Hürden zu überwinden. Dazu gehört vor allem, die Fragmentierung und widersprüchlichen Strategien innerhalb Europas zu beseitigen und eine gemeinsame Vision für technologische Resilienz zu entwickeln. Zudem sollen globale Allianzen gestärkt werden, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sollen dabei zusammenwirken: Entscheidungsträger sollen strategischer bei der öffentlichen Beschaffung agieren und einen europäischen Technologiefonds voranbringen, Industrievertreter in lokale Forschung und Entwicklung investieren und Testfelder für neue Technologien schaffen. Zivilgesellschaft und Wissenschaft wiederum sollen die Diskussion über Datenhoheit und digitale Gestaltung vertiefen und inklusive, vertrauenswürdige Lösungen fördern.

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