KRITIS-Dachgesetz fordert belastbare Risikoanalysen Digitale Informationszwillinge für kritische Infrastrukturen

Ein Gastbeitrag von Hans Karl Preuß 4 min Lesedauer

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Das KRITIS-Dachgesetz verlangt von Betreibern kritischer Infrastrukturen Risikoanalysen, die weit über statische Dokumentation hinausgehen. Digitale Informationszwillinge bilden Anlagen kontinuierlich ab, machen Abhängigkeiten sichtbar und schaffen nachvollziehbare Datenbasen für Entscheidungen. Resilienz lässt sich so von Beginn an planen statt kostenintensiv nachzurüsten.

Das KRITIS-Dachgesetz führt Unternehmen zu einem systematischen, überprüfbaren Umgang mit Risiken. Digitale Informationszwillinge helfen hier, weil sie Komplexität beherrschbar machen.(Bild: ©  putilov_denis - stock.adobe.com)
Das KRITIS-Dachgesetz führt Unternehmen zu einem systematischen, überprüfbaren Umgang mit Risiken. Digitale Informationszwillinge helfen hier, weil sie Komplexität beherrschbar machen.
(Bild: © putilov_denis - stock.adobe.com)

Belastbare Risikoanalysen und wirksame Resilienzkonzepte: Unter anderem so setzt das KRITIS-Dachgesetz neue Sicherheitsmaßstäbe für Betreiber von kritischer Infrastruktur. Digitale Informationszwillinge können die Erfüllung dieser Anforderungen auf eine neue Stufe heben. Sie machen aus statischen Berichten ein dynamisches Führungsinstrument. Doch welche Rolle spielen Digitale Informationszwillinge genau dabei, aus Regulierung echte Handlungsfähigkeit zu machen?

Das KRITIS-Dachgesetz fordert von Betreibern kritischer Infrastrukturen eine Risikoanalyse, die weit über eine einmalige, statische Dokumentation hinausgeht. Gemeint ist kein Ordner im Regal und kein PDF, das einmal im Jahr aktualisiert wird, sondern ein belastbares, fortlaufend nutzbares Instrument. Digitale Informationszwillinge ermöglichen hier einen grundlegenden Paradigmenwechsel. Während klassische Risikoanalysen häufig in Tabellen oder Berichten vorliegen und nur periodisch angepasst werden, bildet ein Digitaler Informationszwilling die Anlage kontinuierlich und strukturiert ab. Im Zwilling sind technische Objekte, ihre Funktionszusammenhänge und die zugehörigen technischen Dokumente nach dem in der Anlage verwendeten Kennzeichensystemmiteinander verknüpft. Risiko- und Resilienzkonzepte werden nicht losgelöst formuliert, sondern basieren auf aktuellen Informationen. Dadurch lassen sich Stör- oder Angriffsszenarien theoretisch beschreiben und auf Basis valider, aktueller Daten realitätsnah durchspielen. Änderungen an der Anlage, neue Prüfberichte oder angepasste Betriebsweisen fließen unmittelbar in den digitalen Informationszwilling ein. Aus einer formalen Risikoanalyse wird so faktisch ein dynamisches Entscheidungsinstrument.

Vernetzte Infrastrukturen, vernetzte Risiken

Ein zentraler Fokus des KRITIS-Dachgesetzes liegt auf der Vernetzung kritischer Infrastrukturen und den daraus entstehenden Kaskadeneffekten über Sektorgrenzen hinweg. Digitale Informationszwillinge machen diese Abhängigkeiten erstmals systematisch sichtbar. Im Modell sind etwa elektrische Versorgung, Prozessführung, räumliche Lage von Anlagenteilen sowie Notstrom- und Redundanzkonzepte miteinander verbunden. Ein Stromausfall wird dadurch nicht isoliert betrachtet, sondern in seinen Folgen für Pumpen, Steuerungen, Wasserversorgung oder sicherheitsrelevante Teilsysteme analysiert. Ursache-Wirkungs-Ketten lassen sich nachvollziehen und bewerten. Betreiber erkennen, welche Systeme voneinander abhängen und wo sich Ausfälle sektorenübergreifend fortpflanzen würden. Notfall- und Resilienzkonzepte können direkt mit diesen Abhängigkeiten verknüpft werden. Kaskadeneffekte werden damit nicht nur verstanden, sondern aktiv begrenzbar. Wenn digitale Informationszwillinge zu einer derartigen Grundlage von Entscheidungen im Krisenfall werden, gewinnt die Qualität der Daten eine unmittelbare haftungsrechtliche Bedeutung. Das KRITIS-Dachgesetz setzt voraus, dass Betreiber ihre Anlagen vollständig kennen und dass sicherheitsrelevante Informationen korrekt, aktuell und nachvollziehbar vorliegen. Ein Digitaler Informationszwilling erfüllt diese Anforderungen, wenn er als zentrale, konsolidierte Wissensbasis dient. Es müssen technische Dokumente, Prüfberichte, Schaltpläne und Sicherheitsnachweise strukturiert, klassifiziert und eindeutig den jeweiligen Anlagenteilen zugeordnet werden. Dadurch ist jederzeit nachvollziehbar, auf welcher Datengrundlage Entscheidungen getroffen wurden und ob diese Informationen zum Entscheidungszeitpunkt gültig waren. Diese Transparenz ist essenziell, um im Rahmen von Audits oder im Haftungsfall nachweisen zu können, dass Entscheidungen auf einer belastbaren und gesetzeskonformen Informationsbasis beruhten.

Sicherheit wirtschaftlich denken

Resilienzmaßnahmen stehen häufig im Spannungsfeld zwischen sicherheitstechnischer Notwendigkeit und wirtschaftlicher Tragfähigkeit. Digitale Informationszwillinge helfen, dieses Spannungsfeld aufzulösen: Sie sind ein wirkungsvolles Instrument für Informationsmanagement und technische Betriebsführung und kommen daher über den gesamten Lifecycle einer Energie erzeugenden Anlage täglich zum Einsatz. Gerade bei KRITIS-Neubauten oder umfangreichen Modernisierungen trägt dieser Ansatz dazu bei, Resilienz nicht nachträglich und kostenintensiv herzustellen, sondern von Beginn an effizient und bedarfsgerecht zu planen. Der Digitale Informationszwilling enthält zwangsläufig hochsensible Informationen über kritische Anlagen und potenzielle Schwachstellen. Seine Absicherung ist daher integraler Bestandteil des Gesamtkonzepts. Klare Zugriffskonzepte und eine saubere Datenstruktur sind entscheidend. Rollenbasierte Berechtigungen stellen sicher, dass Nutzer nur die Informationen sehen, die sie für ihre Aufgabe benötigen. Die strukturierte Anlage nach DCC-Klassen und Ablage gemäß dem realisierten technischen Kennzeichnungssystem verhindert unkontrollierte Datenkopien und schafft Transparenz über Nutzung und Verantwortung. Gleichzeitig ermöglicht der Zwilling, Schwachstellen gezielt zu identifizieren und abzusichern, statt sie unbewusst zu übersehen. Damit wird er zu einem aktiven Instrument zur Erhöhung der physischen und organisatorischen Sicherheit im Sinne des KRITIS-Dachgesetzes.

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Vom Dokument zur Führungsplattform

Das KRITIS-Dachgesetz markiert einen Wendepunkt: Weg von der formalen Erfüllung regulatorischer Pflichten, hin zu einem systematischen, überprüfbaren Umgang mit Unsicherheit. Digitale Informationszwillinge passen genau in diesen Anspruch, weil sie Komplexität beherrschbar machen. Sie zwingen Organisationen dazu, Technik, Prozesse und Verantwortung neu zu denken – nicht als getrennte Welten, sondern als integriertes System. Wer einen Digitalen Informationszwilling einführt, entscheidet sich für ein umfassendes Werkzeug, das auch eine andere Form der Steuerung ermöglicht. Wissen wird nicht mehr verteilt in Abteilungen, Ordnern oder Einzelanwendungen gehalten, sondern zentral gebündelt. Entscheidungen basieren nicht länger auf Annahmen oder Erfahrungswerten allein, sondern auf überprüfbaren Zusammenhängen. Das verändert auch die Kultur im Umgang mit Risiko: von punktueller Kontrolle hin zu kontinuierlicher Aufmerksamkeit. Langfristig entsteht daraus ein strategischer Vorteil. Betreiber, die ihre Anlagen digital durchdrungen haben, können schneller reagieren, besser priorisieren und klarer kommunizieren – intern wie extern. Das stärkt die Resilienz im Sinne des Gesetzgebers und die Glaubwürdigkeit gegenüber Aufsicht, Öffentlichkeit und Partnern. Der Digitale Informationszwilling wird damit zu einem verbindenden Element zwischen Technik, Recht und Management. Am Ende geht es nicht darum, Risiken zu eliminieren – das wäre illusorisch. Es geht darum, sie durch eine aktuelle, valide Daten- und Informationsbasis sichtbar, nachvollziehbar und steuerbar zu machen. Genau hier liegt die eigentliche Rolle Digitaler Informationszwillinge im Kontext des KRITIS-Dachgesetzes: Sie übersetzen abstrakte Anforderungen in konkrete Handlungsfähigkeit. Und sie machen aus Regulierung einen Impuls für bessere Entscheidungen.

Über den Autor: Hans Karl Preuß ist geschäftsführender Gesellschafter der GABO IDM mit Sitz in Erlangen. Er leitet das Unternehmen seit über einem Jahrzehnt und ist Experte für die Digitalisierung kritischer Infrastrukturen. Er ist spezialisiert auf Wissensmanagement und die Erstellung von Digitalen Informationszwillingen. Zudem vertritt er GABO IDM seit 2014 im Branchenverband vgbe und ist Mitglied des Kongress-Komitees sowie Experte für Kennzeichnungssysteme.

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