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Security-Insider.de: Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik unterstreicht jedenfalls die Vorteile „Freier Software“.
Dr. Sudhof: Es handelt sich hier um eine strategische Empfehlung, die wir berücksichtigen. Auch wenn wir die Ziele dieser Empfehlung grundsätzlich unterstützen, so wollen wir doch dort proprietäre Software einsetzen, wo es zweckmäßig ist und nicht im Widerspruch zu der Empfehlung steht. Die Herstellung einer größeren Vielfalt an Software unterstützen wir zum Beispiel dadurch, dass wir für die Finanzämter auch zahlreiche Server auf Linux-Basis an zentralen Stellen einsetzen.
Das BSI stellt aber selbst fest: „Der Einsatz Freier Software bietet per se keine Gewähr für ein sicheres System.“ Da wir ein sicheres System auch umsetzen können, ohne insbesondere OpenOffice einzusetzen, überwiegen für uns andere Argumente, wie zum Beispiel aus Sicherheitssicht die Verfügbarkeit des Gesamtsystems oder aus verwaltungsökonomischer Sicht die Bereitstellung von Dokumentenvorlagen. Dies können wir mit einem Programm, das in der Mehrheit der anderen Bundesländer eingesetzt wird, besser verwirklichen.
Security-Insider.de: Wird Ihre Entscheidung zu Microsoft Office vor diesem Hintergrund Ihrer eigenen Definition zur IT-Sicherheit gerecht?
Dr. Sudhof: Ja. Zu allen Sicherheitslücken und Hintertüren ist zu sagen: Sie setzen primär auf eine Erreichbarkeit des Datennetzes von außen. Unser Finanzamtsnetz ist jedoch vom Netz der übrigen Berliner Verwaltung und vom Internet abgeschottet. Selbst die Zugriffe aus dem Berliner Landesnetz sind sehr eingeschränkt und können nur über eine von der Steuerverwaltung administrierte Sicherheitsstruktur (Proxyserver, Firewall) erreicht werden.
Die zugehörige Empfehlung des BSI, also der Baustein 4.1 – Heterogene Netze, ist bei uns umgesetzt. Innerhalb des Finanzamtsnetzes kommunizieren die Finanzämter mit dem Rechenzentrum nur über eigene verschlüsselte Leitungen der Steuerverwaltung, die nur uns gehören (sogenannte DarkFibre).
Die Eingänge in unser Finanzamtsnetz sind streng kontrolliert. Sämtliche E-Mail-Eingänge werden vom IT-Dienstleistungszentrum (ITDZ Berlin) mit einem Spamfilter sortiert. Auch können die Beschäftigten in den Finanzämtern nicht direkt über das Internet per E-Mail erreicht werden.
Alle Eingänge werden an einen zentralen Eingang geroutet und von einem sachkundigen IT-Sachbearbeiter gesichtet. Bestimmte Dateianhänge, wie zum Beispiel ausführbare Dateien (.exe), können nur von wenigen Berechtigten geöffnet werden. Das reduziert das Risiko, zum Opfer einer Phishing-Attacke zu werden, erheblich.
Der Zugang zum Internet ist für die Beschäftigten in den Finanzämtern nur mit einer sogenannten Kapselung möglich. Das heißt, dass die Endgeräte der Beschäftigten in den Ämtern nicht selbst mit dem Internet verbunden sind, sondern dass dieser Zugang über eine dazwischengeschaltete Infrastruktur erfolgt.
Außerdem sind sämtliche Funktionen von Office rund um die „Public Cloud“ in den Finanzämtern deaktiviert. Insbesondere werden wir weder die „SkyDrive-Integration“ bzw. „Microsoft OneDrive“ noch die „Office WebApps“ bzw. das „Office 365-Abonnementmodell“ nutzen.
Die rund jährlich 4,2 Millionen Steuerbescheide werden nicht mit MS Word erstellt. Das automatisierte Steuerfestsetzungs- und -erhebungsverfahren wird im Hochsicherheitsrechenzentrum des ITDZ Berlin (Datacenter) in eigener Hoheit als sogenanntes Housing betrieben.
Eine weitere wichtige Rolle spielt für uns das Programm MS Excel bzw. bisher OpenOffice Calc, sowohl in der Zusammenarbeit zwischen den Finanzämtern und der Senatsverwaltung für Finanzen als auch im Kontakt mit den Steuerberatern. Auch hier ist ein Austausch per E-Mail nicht vorgesehen; die Dokumente sollen nur innerhalb des abgeschotteten Netzes geöffnet werden, nachdem sie von einem Malware-Scanner auf Computerviren und Ähnliches geprüft worden sind.
Security-Insider.de: Nehmen wir an, ein Geheimdienst hätte einen „Generalschlüssel“ zu MS-Office und hätte Zugriff auf jede Outlook-Mail, jedes Word-Dokument und jede Excel-Tabelle der Berliner Finanzverwaltung. Wären dann die finanziellen Verhältnisse aller Berliner Bürger und Unternehmen für diesen Geheimdienst transparent?
Dr. Sudhof: Nein. Wie schon dargestellt, arbeitet die Berliner Steuerverwaltung in einem besonders abgeschotteten Datennetz. Außerdem sind die steuerlichen Daten der Berliner Bürger nicht in Word-Dokumenten, Excel-Tabellen oder Outlook-Mails abgespeichert, sondern in speziellen, wiederum gesicherten Datenbanken.
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