Cybersicherheit im Weltraum Europas Satelliten gezielt schützen

Ein Gastbeitrag von Mathieu Bailly 5 min Lesedauer

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Satellitentechnologien sind essenziell für viele kritische Sektoren. Neben Telekommunikation sind auch Bankenwesen, Energieversorgung, Transport und Logistik, Erdbeobachtung sowie Öl- und Gasindustrie auf sie angewiesen. Besonders wichtig und zugleich gefährdet ist zudem der Verteidigungssektor.

Die Sicherheit und Resilienz der europäischen Raumfahrtindustrie steht unter Druck: Jeder Satellit im Orbit – egal, ob kommerziell oder staatlich – ist heute ein potenzieller Angriffspunkt für Cyberkriminelle.(Bild: ©  Sono Creative - stock.adobe.com)
Die Sicherheit und Resilienz der europäischen Raumfahrtindustrie steht unter Druck: Jeder Satellit im Orbit – egal, ob kommerziell oder staatlich – ist heute ein potenzieller Angriffspunkt für Cyberkriminelle.
(Bild: © Sono Creative - stock.adobe.com)

In der Vergangenheit zählten kommerzielle Raumfahrtunternehmen selten zu den Zielen von Cyberangriffen. Doch aufgrund ihrer zunehmenden Bedeutung für die Verteidigung werden sie immer anfälliger für Angriffe. Die Grenzen zwischen kommerziellen und staatlichen Systemen verschwimmen, sodass Cyberangriffe auf Satelliten heute sowohl den kommerziellen als auch den staatlichen Sektor betreffen. Gleichzeitig könnte die volatile Lage in den USA zusätzliche Risiken für die Cybersicherheit mit sich bringen. Angesichts dieser Tatsachen und vor dem Hintergrund eines beschleunigten „Wettlaufs“ im All sind Unternehmen und die globale Infrastruktur weiterhin schlecht darauf vorbereitet, sich wirksam zu verteidigen.

Was wir jetzt brauchen, um die Sicherheit und Resilienz der europäischen Raumfahrtindustrie zu gewährleisten, sind verschärfte Vorschriften, verbesserte Sicherheitsstandards und Normen sowie eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen institutionellen und privaten Akteuren.

Der Weltraum wird zum Zentrum der Cyberkriegsführung

Beim Thema Weltraumsysteme treffen die Interessen staatlicher Akteure, von Unternehmen und Cyberkriminellen aufeinander. Der Cyberangriff auf die polnische Weltraumagentur im März zeigt deutlich, dass der Sektor ins Visier der Cyberkriminellen geraten ist. Das stellt uns vor neue Herausforderungen. Jeder Satellit im Orbit – egal, ob er zu einer kommerziellen, telekommunikativen oder staatlichen Konstellation gehört – ist heute ein potenzieller Angriffspunkt, und auch die damit verbundenen Infrastrukturen sind nicht ausgenommen. Im Ökosystem der Raumfahrt stellt jedes Element eines Projekts oder einer Mission ein Risiko für die Cybersicherheit dar.

Cybersicherheitsbedrohungen im Weltraum zielen in erster Linie auf die Bodeninfrastruktur und weniger auf die Satelliten selbst. Das liegt zum einen an der Anfälligkeit der Lieferketten, von denen der Sektor abhängig ist, zum anderen an den zahlreichen Angriffsflächen am Boden. Dennoch sollten die Bedrohungen im Zusammenhang mit Satelliten im Weltraum nicht außer Acht gelassen werden. Der jüngste Bericht der ENISA über die Bedrohungslage im Weltraumsektor (Space Threats Landscape 2025) hebt zahlreiche Risiken im Zusammenhang mit den Satelliten selbst hervor – darunter die Verwendung handelsüblicher Komponenten (COTS) von nicht geprüften oder nicht als sicher eingestuften Drittanbietern, mangelnde Transparenz aufgrund der Entfernung der Systeme, der Verzicht auf Verschlüsselungstechnologien, potenzielle menschliche Fehler und die zunehmende Raffinesse von Cyberangriffen.

Die Folgen sind vielfältig und potenziell dramatisch: Satellitenkollisionen, Ausfälle und Ausfallzeiten kritischer Dienste, Datenverluste, wirtschaftliche Schäden, verschärfte geopolitische Spannungen – und allem voran die Schwächung souveräner Verteidigungssysteme.

Was der Cyber-Resilienz im Wege steht

Trotz des zunehmenden Bewusstseins für die Notwendigkeit von mehr Cyber-Resilienz im Weltraum steht die Branche weiterhin vor zahlreichen Herausforderungen.

Die erste große Hürde ist der Mangel an Fachkräften und Know-how. In der Cybersicherheit herrscht nach wie vor ein Fachkräftemangel, und die fehlende interdisziplinäre Ausbildung verlangsamt die Integration von Experten in die Raumfahrtindustrie. In den kommenden Jahren wird es unerlässlich sein, mehr Ingenieure und Cybersicherheitsexperten auszubilden.

Zweitens ist der Raumfahrtsektor noch nicht ausreichend durch einheitliche Vorschriften und verbindliche Normen geregelt. Trotz zunehmender gesetzlicher Anforderungen und EU-Initiativen zur Stärkung der Sicherheit von Weltraumsystemen (NIS 2, CRA usw.) verläuft deren Umsetzung sehr schleppend und ist oft von Land zu Land unterschiedlich. Darüber hinaus fehlen verbindliche Sicherheitsstandards, die im Alltag einzuhalten wären. Diese fehlende Verbindlichkeit – oder gar das Wissen über bestehende Standards – hat zur Folge, dass extern kein ausreichender Druck besteht, Sicherheitsmaßnahmen umzusetzen. Cybersicherheit wird daher vielerorts eher als Kostenfaktor denn als Notwendigkeit betrachtet. Ohne entsprechende Anreize wird der Handlungsdruck weiterhin gering bleiben.

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Auf europäischer Ebene sorgen die Marktfragmentierung und die Vielzahl an Akteuren für zusätzliche Herausforderungen. Angesichts der Ambitionen auf der anderen Seite des Atlantiks gewinnt die Sicherheit von Weltraumkonstellationen zunehmend an strategischer Bedeutung.

IRIS² – eine Herausforderung für Europas Souveränität

Die Konstellation IRIS² soll Europa eine souveräne Alternative zu außereuropäischen Angeboten bieten, bringt jedoch zugleich neue Sicherheitsherausforderungen mit sich.

Während die Konstellationen Kuiper und Starlink vertikal integriert sind – also die gesamte Kette intern verwalten (Satellitenherstellung, Betrieb der Konstellation, Verkauf der Dienstleistungen) – und dadurch leichter einen „Security-by-Design“-Ansatz verfolgen können, sind an IRIS² Dutzende Unternehmen beteiligt. Das führt automatisch zu unterschiedlichen Sicherheitspraktiken und vertraglichen Verpflichtungen, was die Freiheit und Flexibilität einschränkt. Ein mit den amerikanischen Konkurrenten vergleichbares Sicherheitsniveau zu erreichen, ohne dabei Leistungsfähigkeit und Nutzererlebnis zu beeinträchtigen und dennoch im vorgegebenen Budget zu bleiben, wird für IRIS² eine große Herausforderung.

Normen durchsetzen und Innovation fördern

Es steht außer Frage, dass die Festlegung strengerer Sicherheitsstandards notwendig ist. Der zitierte ENISA-Bericht ist in diesem Punkt eindeutig: Cybersicherheit „by design“ und „by default“ muss ebenso vorgeschrieben werden wie klarere und einheitlichere Standards. Schrittweise sollten strengere Anforderungen eingeführt werden, an die sich insbesondere Akteure aus dem New-Space-Ökosystem halten müssen. Denn wenn Europa seine strategische Überlegenheit wahren will, sind gerade diese Unternehmen im zunehmend umkämpften Weltraum entscheidend.

Um unsere Position und Verteidigungsfähigkeit zu sichern und die europäische Souveränität zu bewahren, müssen wir in der Lage sein, uns wirksam gegen Cyberangriffe zu schützen. Finanzielle Anreize sind nach wie vor ein wirksames Mittel: Subventionen und öffentliche Aufträge sollten Sicherheitsanforderungen zur Voraussetzung machen (z. B. im Rahmen von Programmen wie IRIS²).

Unternehmen aus dem privaten Sektor sind entscheidend für die Verwirklichung europäischer Raumfahrtambitionen – und gleichzeitig für die Gewährleistung der Sicherheit. Gerade der New-Space-Sektor zeichnet sich durch seine Fähigkeit zur schnellen und agilen Innovation bei der Entwicklung sicherer, widerstandsfähiger Systeme aus. Er revolutioniert die Verteidigung mit Technologien, die auf Künstlicher Intelligenz, Cloud Computing und Quantentechnologien basieren. Mit der zunehmenden Militarisierung des Weltraums wird New Space zu einem Schlüsselakteur in Verteidigungsstrategien – und der Reifegrad dieser Unternehmen in Bezug auf Cybersicherheit steigt.

Ihr Vorteil liegt in der Innovationskraft, doch häufig fehlen ihnen die Ressourcen und Kompetenzen großer Konzerne, denen wiederum die Flexibilität fehlt, auf neue Anforderungen staatlicher Akteure zu reagieren. Deshalb ist die Zusammenarbeit aller Akteure des Ökosystems von entscheidender Bedeutung. Ebenso unerlässlich sind interdisziplinäre Programme und europaweite Austauschplattformen für Wissenstransfer und Zentralisierung von Know-how.

Cybersicherheit als Grundvoraussetzung

Cybersicherheit im Weltraum muss zu einer Grundvoraussetzung und integralen Bestandteil jedes Projekts werden – nicht bloß als zusätzlicher Kostenfaktor gelten. Europa hat die Chance, durch klare Richtlinien und gezielte Förderung eine Sicherheitskultur im Weltraum zu etablieren, bevor Schwachstellen zu echten Krisenherden werden.

Die geopolitischen Spannungen der letzten Monate haben das Bewusstsein für die Herausforderungen der Cybersicherheit im Weltraum geschärft – nun gilt es, die richtigen Rahmenbedingungen und Synergien zu schaffen, um diesen Herausforderungen wirksam zu begegnen.

Über den Autor: Mathieu Bailly leitet die Raumfahrtaktivitäten bei CYSEC, einem Datensicherheitsunternehmen mit Sitz in der Schweiz. Mathieu Bailly hat einen Doktortitel in Materialwissenschaften und hat seine gesamte Karriere in der Raumfahrtindustrie in Positionen der Geschäftsentwicklung und des Vertriebs verbracht.

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