Keine Fehlerkultur ist auch keine Lösung So geht konstruktive Fehlerkultur in der Cybersicherheit

Ein Gastbeitrag von Okay Güler 5 min Lesedauer

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In der schnelllebigen digitalen Welt gewinnt das Konzept der Fehlerkultur als kritischer Bestandteil organisatorischer Resilienz und Innovation aktuell an Bedeutung. Konkret bedeutet das: konstruktiver Umgang mit Fehlern und Misserfolgen. Statt Vorfälle zu stigmatisieren, werden sie in diesem Ansatz als wertvolle Lerngelegenheiten begriffen, die wesentlich zur Förderung von Verbesserungen und Innovationen beitragen können.

In einer Umgebung, in der Fehler nicht offen angesprochen werden dürfen, werden Sicherheitsvorfälle oft nicht gemeldet, aus Angst vor Schuldzuweisungen oder negativen Konsequenzen. (Bild:  Andrey Popov - stock.adobe.com)
In einer Umgebung, in der Fehler nicht offen angesprochen werden dürfen, werden Sicherheitsvorfälle oft nicht gemeldet, aus Angst vor Schuldzuweisungen oder negativen Konsequenzen.
(Bild: Andrey Popov - stock.adobe.com)

Das Wesen einer gesunden Fehlerkultur liegt in der strategischen Reaktion auf Fehler: Es geht darum, ein kulturelles Umfeld zu schaffen, das offene Diskussionen über Fehler nicht nur fördert, sondern auch diejenigen unterstützt, die sie eingestehen. Dieser Ansatz betrachtet jeden Fehltritt als Gelegenheit, das kollektive Wissen und die Gesamtleistung zu verbessern. In der Cybersicherheit und der agilen Softwareentwicklung, wo jeder Fehler eine Chance zum Lernen und Verbessern darstellt, ist das kulturelle Paradigma der Fehlerkultur ein entscheidender Faktor für Erfolg und die sichere Weiterentwicklung.

Anstatt mit Schuldzuweisungen zu reagieren, konzentriert sich eine effektive Fehlerkultur darauf, die Ursachen zu verstehen und aus diesen Erkenntnissen zu lernen, um Systeme und Prozesse zu stärken. Besonders in schnelllebigen Zeiten wie heute ein eigentlich unverzichtbares Vorgehen. Trotzdem tun sich viele Unternehmen schwer dabei, eine solche Kultur zu etablieren und aufrechtzuerhalten - aus unterschiedlichen Gründen.

Es gibt Herausforderungen

Denn die Umsetzung einer gesunden Fehlerkultur in Unternehmen ist ein komplexes Unterfangen, das oft an mehreren Hürden scheitert.

  • Mindset: Der Wandel in der Denkweise, weg von Schuldzuweisungen hin zum lernorientierten Umgang mit Fehlern ist ein weiter Weg, der oft unterschätzt und nicht ausreichend durch kontinuierliche Bildung und Kommunikation unterstützt wird.
  • Organisation: Anpassungen, die eine solche Kultur fördern würden, wie die Überarbeitung von Richtlinien und Prozessen, werden in vielen Fällen vernachlässigt und Mitarbeiter, die für das Verständnis und die Umsetzung dieser Kultur notwendig sind, häufig nicht genug gefördert.
  • Kontinuität: Für die Verankerung der Prinzipien und Werte einer gesunden Fehlerkultur ist kontinuierliches Engagement von Führungskräften und Teams erforderlich.
  • Reflexion: Ohne regelmäßige Bewertung der Erfolge und Herausforderungen und anschließende Anpassung bleibt die Entwicklung einer gesunden Fehlerkultur unvollständig und ineffektiv.

Insgesamt ist es diese Kombination aus fehlendem Engagement, unzureichender Anpassung und Mangel an strategischer Umsetzung, die die Etablierung einer effektiven und nachhaltigen Fehlerkultur in vielen Unternehmen behindert.

Keine Fehlerkultur ist auch keine Lösung

Denn ohne eine gesunde Fehlerkultur stößt Cybersecurity in Unternehmen auf signifikante Hindernisse. In einer Umgebung, in der Fehler nicht offen angesprochen werden dürfen, werden Sicherheitsvorfälle oft nicht gemeldet, aus Angst vor Schuldzuweisungen oder negativen Konsequenzen. So bleiben Sicherheitsrisiken unerkannt und das Unternehmen wird anfälliger für Datenverluste und andere Sicherheitsbedrohungen. Zudem verhindert eine Kultur, die Fehler nicht als Chance zum Lernen sieht, dass wichtige Erkenntnisse für die Verbesserung der Sicherheitsstrategien und -systeme gewonnen werden.

Eine restriktive Fehlerkultur hemmt auch die Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit des Unternehmens, was in der schnelllebigen Cybersecurity-Welt besonders problematisch ist. Mitarbeiter fühlen sich in solchen Kulturen oft nicht ermächtigt, eigenständig zu handeln und proaktiv Sicherheitsrisiken zu identifizieren. Dies führt zu einer verminderten Wachsamkeit und einem geringeren Engagement in Bezug auf Cybersicherheit, was das Vertrauen der Stakeholder in die Fähigkeit des Unternehmens, effektiv mit Sicherheitsproblemen umzugehen, nennenswert schwächt. Diese Kombination aus mangelnder Offenheit, fehlenden Lernchancen und eingeschränkter Innovationsbereitschaft gestaltet es schwierig, eine effektive und adaptive Cybersicherheitsstrategie aufrechtzuerhalten und gefährdet somit die Sicherheit und Integrität des gesamten Unternehmens.

Verbesserung ist möglich und nötig

Die gute Nachricht: Die besprochenen Probleme können nachhaltig gelöst werden – durch eine gesunde Fehlerkultur. Entscheidend für den Aufbau einer solchen sind eine klare Vision, konstante Anstrengungen und ein Verständnis des einzigartigen Kontexts der Organisation. In der agilen Softwareentwicklung kann man das Potential des Kulturwandels deutlich sehen, da dort Fehler bereits als integraler Bestandteil des Lern- und Entwicklungsprozesses betrachtet werden. Agile Teams arbeiten in iterativen Zyklen, die es ermöglichen, schnell Feedback zu erhalten und kontinuierlich Verbesserungen vorzunehmen. Fehler werden in diesem Prozess als natürlicher und erwarteter Teil des Lernens angesehen und offen diskutiert, um frühzeitig Probleme zu identifizieren und kollektive Lösungen zu entwickeln. Dies wird durch regelmäßige Retrospektiven unterstützt, bei denen Teams am Ende jedes Sprints reflektieren, was gut funktioniert hat und was verbessert werden kann, um eine Kultur kontinuierlicher Verbesserung zu fördern.

Gesunde Fehlerkultur meets “Security by Design”

Hier setzt auch der "Security by Design" Ansatz an, der Sicherheit als zentralen Bestandteil jeder Phase des Entwicklungsprozesses etabliert. Dabei kommt es auf einige Schlüsselfaktoren an.

  • Proaktivität: Teams, die proaktiv potenzielle Risiken identifizieren, bewerten und gewinnen ein besseres Verständnis für Sicherheitsfragen. Gleichzeitig wird eine offene Diskussionskultur über Sicherheitsbedenken gefördert, genauso wie eine Umgebung, in der Fehler nicht verborgen, sondern als wertvolle Lern- und Verbesserungsmöglichkeiten betrachtet werden.
  • Agilität: Durch Anwendung agiler Methoden werden weniger disruptive und stattdessen iterative Herangehensweisen ermöglicht, was eine gesunde Fehlerkultur mit Schwerpunkt auf Prozessen, Menschen und Automatisierung schafft.
  • Integration: Die frühe Integration von Sicherheitsaspekten in den Softwareentwicklungsprozess legt ein solides Fundament für eine Kultur, die sowohl die Sicherheit als auch das konstruktive Lernen aus Fehlern in den Vordergrund stellt. Schwachstellen, Fehlkonfigurationen und -entscheidungen werden dabei differenziert priorisiert und nach ihrer Komplexität eingestuft, um gezieltes Arbeiten zu ermöglichen.
  • Retrospektiven: Durch regelmäßiges Rückschauen und Analysieren in einem offenen Setting wird zum einen wiederum eine konstruktive Umgebung für Kritik und Diskussionen geschaffen. Zum anderen werden so alle Teammitglieder ermutigt, aktiv an der Verbesserung der Sicherheit Praktiken teilzunehmen, um so eine starke, gemeinschaftlich getragene Sicherheitskultur zu schaffen.

Insgesamt trägt "Security by Design" entscheidend dazu bei, eine umfassende und adaptive Cyber-Sicherheitskultur zu etablieren, die für moderne Technologieunternehmen unerlässlich ist.

Vorteile über Unternehmensgrenzen hinaus

Ein offener Umgang mit IT-Sicherheitsvorfällen ist auch ein Katalysator für die Verbesserung der Fehlerkultur innerhalb und außerhalb der Unternehmensgrenzen. Indem Details über Sicherheitsverletzungen geteilt werden, tragen Organisationen zu einer globalen Wissensbasis bei, fördern das grenzüberschreitende Lernen und helfen, Branchenbenchmarks zu setzen.

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Sicherheit bis zum Schluss

Eine Fehlerkultur ist also entscheidend in der agilen Softwareentwicklung, da sie kreatives Risikobewusstsein fördert und Rückschläge als Lernmöglichkeiten ansieht, was für die iterative Entwicklung grundlegend ist. Es werden nicht nur Innovationen vorangetrieben, sondern auch die Fähigkeit des Teams gestärkt, sich kontinuierlich anzupassen und zu verbessern. Organisationen können diese Kultur unterstützen, indem sie Sicherheit frühzeitig in den Entwicklungsprozess einbetten, eine transparente Umgebung fördern, in der Fehler konstruktiv diskutiert werden und klare Metriken zur Messung der Wirksamkeit von Cybersicherheitsmaßnahmen setzen. Darüber hinaus stellt die Anpassung von Sicherheitspraktiken an die Kultur der Organisation und die Bereitstellung gründlicher Schulungen sicher, dass Sicherheit zu einem integralen Bestandteil des organisatorischen Ethos wird. Die gesunde Fehlerkultur von heute wird so zum Wegbereiter für ein cybersicheres Morgen sein.

Über den Autor: Okay Güler ist Gründer von Cloudyrion. Nachdem er im Banking und Automotive-Bereich Erfahrung als Ethical Hacker sammeln konnte, gründete Güler 2020 Cloudyrion. Drei Jahre später zählt das StartUp bereits 20 Köpfe, die von 15 externen Partnern unterstützt werden - alles ohne Investorengelder. Seine Motivation: Unternehmen zu helfen, die neuen Herausforderungen im Cyberspace zu bewältigen und Awareness für secure by design zu schaffen.

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