Cyberkriminalität braucht echte Konsequenzen Täter statt Opfer: Was sich im Umgang mit Cybercrime ändern muss

Ein Gastbeitrag von Mike Puglia 5 min Lesedauer

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Cyberkriminalität bleibt ein florierendes Geschäft – weil sie zu selten bestraft wird. Statt die Opfer in die Verantwortung zu nehmen, braucht es globale Strafverfolgung, Kontrolle anonymer Zahlungen und klare politische Antworten. Nur so lässt sich die Spirale digitaler Kriminalität stoppen.

Solange Cyberkriminelle kaum Konsequenzen fürchten müssen, bleibt Cybercrime ein Wachstumsmarkt – trotz aller Sicherheitsmaßnahmen auf Unternehmensseite.(Bild: ©  Arthur Kattowitz - stock.adobe.com)
Solange Cyberkriminelle kaum Konsequenzen fürchten müssen, bleibt Cybercrime ein Wachstumsmarkt – trotz aller Sicherheitsmaßnahmen auf Unternehmensseite.
(Bild: © Arthur Kattowitz - stock.adobe.com)

Ransomware folgt demselben Muster wie nahezu alle Formen von Kriminalität – ob analog oder digital Solange hohe Gewinne bei geringem Risiko und ohne besondere Fachkenntnisse zu erzielen sind, wird die Kriminalitätsrate weiter steigen.

Die Unternehmen sollen ihre IT-Sicherheit zwar immer weiter stärken und riskieren bei Verstößen hohe Strafen. Doch dabei wird ein zentraler Punkt übersehen: Selbst die beste Abwehr stoppt Cyberkriminalität nicht vollständig.

Da ein hundertprozentiger Schutz nicht möglich ist, darf die Verantwortung nicht allein den Betroffenen zugeschrieben werden. Ein grundlegender Wandel im Umgang mit Cyberkriminalität ist nötig - sie muss als das ernsthafte Verbrechen behandelt werden, das sie ist, statt weiter die nur Opfer verantwortlich zu machen.

Cybersicherheit ist komplexer als ein Tresor

Entscheidende Treiber für steigende Kriminalitätsraten sind einfache Möglichkeiten, Straftaten zu begehen sowie das Gefühl der hohen Wahrscheinlichkeit, ungestraft davonzukommen. Die effektivste Methode zur Bekämpfung von Cyberkriminalität ist daher, Straftaten zu erschweren und harte Konsequenzen bei Vergehen zu schaffen.

Zum Vergleich: Banken sichern den Zugang zu physischen Vermögenswerten durch Beschränkungen, Sicherheitsprotokolle und mehrstufige Alarmsysteme rigide ab. Selbst Tankstellen setzen auf Kameras und Sicherheitsmaßnahmen. Der Schutz richtet sich dabei immer nach dem Wert dessen, was geschützt werden soll. Und vor allem gilt: Es folgen mit langen Haft- und Geldstrafen harte Konsequenzen. Im Cyberspace hingegen ist nahezu alles von überall aus zugänglich. Geschäftsdaten müssen rund um die Uhr für eine Vielzahl von Interessengruppen wie Mitarbeiter, Kunden, Berater und Drittanbieter verfügbar sein. Das führt zwangsläufig zu Schwachstellen, die einen perfekten Schutz unmöglich machen.

Der Wandel zu Ransomware und anonymen Zahlungen

Cyberkriminalität hat sich stark verändert. Ransomware hat den Diebstahl von Kreditkarten- oder Bankdaten weitestgehend verdrängt. Ransomware ist weniger aufwendig, schneller, effektiver und profitabler. Kurz gesagt: Es ist deutlich einfacher, Daten zu verschlüsseln und die Entschlüsselung zu erpressen, als Käufer für gestohlene Kreditkartendetails zu finden.

Kryptowährungen haben diese Entwicklung weiter verstärkt. Kriminelle können jetzt jederzeit und weltweit anonyme Zahlungen empfangen und ohne großen Aufwand in echtes Geld umwandeln. Die anonyme Auszahlung hat das Verhältnis von Risiko und Gewinn für Cyberkriminelle stark verändert und eines der mächtigsten Werkzeuge der Strafverfolgung ausgeschaltet – die Geldverfolgung. Solange diese Umwandlung möglich bleibt, behalten Täter einen entscheidenden Vorteil.

Die juristische Herausforderung

Ein weiterer begünstigender Faktor für Cyberkriminalität ist die Gerichtsbarkeit. Viele Cyberkriminelle agieren aus Ländern, in denen westliche Regierungen keine Handlungsmöglichkeiten haben. Als Beispiel: Im Falle eines Ransomware-Angriffs auf ein US-Unternehmen durch einen in Irland ansässigen Angreifer würden die US-Behörden eine Auslieferung verlangen. Irland würde diesem Antrag wahrscheinlich zustimmen.

Wenn diese Kriminellen jedoch aus nicht-kooperativen Ländern heraus operieren, werden ihre Aktivitäten mutmaßlich toleriert oder sogar stillschweigend unterstützt.

Anonyme Zahlungssysteme und sichere Zufluchtsorte sind also entscheidendeFaktoren, die Cyberkriminalität begünstigen und deren Verfolgung behindern. Gegen diese Faktoren sind einzelne Unternehmen allerdings machtlos. Sie können lediglich den Zugang zu ihren Systemen erschweren.

Ein Umdenken ist erforderlich

Eine gesellschaftliche Debatte über den Umgang mit Cyberkriminalität ist längst überfällig. Der erste entscheidende Schritt: Cyberkriminalität muss wie jede andere Form von Kriminalität behandelt werden – vor allem in ihren finanziellen Dimensionen. Aktuell machen wir im Grunde die Opfer für den Schaden verantwortlich und hoffen, dass jedes Unternehmen sich in eine uneinnehmbare Festung verwandelt.

Wenn jemand physisch überfallen wird, ermittelt die Polizei, hilft bei der Wiederbeschaffung und verfolgt die Täter. Bei Cyberangriffen hingegen drohen den Opfern Schuldzuweisungen, Bußgelder, Imageschäden und höhere Versicherungsprämien. Statt die Tat als Verbrechen anzuerkennen, wird gefragt, was das Opfer alles unterlassen hat.

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Dieser Umgang mit Opfern muss sich ändern. Trotz der immensen Bedrohungslage wälzen wir die Verantwortung vollständig auf die Geschädigten ab – anstatt die Täter endlich konsequent als das zu behandeln, was sie sind: Kriminelle.

Zentrale Maßnahmen

Um das Problem der Cyberkriminalität zu lösen, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Institutionen und der Privatwirtschaft erforderlich:

  • Die Schuld darf nicht länger nur bei den Betroffenen gesucht werden. Regierungen und Gesellschaft müssen anerkennen, dass Cyberangriffe echte Straftaten gegen Unternehmen und Einzelpersonen darstellen und nicht nur Versäumnisse der Opfer sind. Viele westliche Staaten haben ihre Maßnahmen gegen Cyberkriminalität ausgeweitet, doch die verfügbaren Mittel reichen angesichts der wachsenden Bedrohung nicht aus.
  • Die anonyme Bezahlung über Kryptowährungen muss stärker kontrolliert werden. Viele Staaten sind inzwischen auf Steuereinnahmen aus digitalen Finanzströmen angewiesen. Dennoch müssen Regierungen Wege finden, um die Umwandlung von Kryptowährungen in staatlich kontrollierte Währungen besser zu überwachen. Ohne diese Kontrolle und Rückverfolgbarkeit behalten Kriminelle einen entscheidenden Vorteil.
  • Cyberkriminalität braucht spürbare Konsequenzen. Die größte Abschreckung bleibt das Risiko, entdeckt und bestraft zu werden. Das Internet hat diese Hemmschwelle durch globale Verfügbarkeit und fehlende Strafverfolgung stark gesenkt. Daher sind Auslieferungen, Strafverfolgung und politischer Druck nötig. Nur mit klaren Maßnahmen lassen sich digitale Verbrechen eindämmen.

Regulierungen haben Grenzen

Regulierungen wie die DSGVO, HIPAA, PCI oder NIS zielen darauf ab, die Cybersicherheit zu stärken. Trotz dieser Vorschriften nimmt die Zahl der Cyberangriffe weiter zu. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der Lösung, jedoch nur dann effektiv, wenn sie mit einer gut ausgestatteten Cyber-Strafverfolgung kombiniert werden. Ermittlungsbehörden benötigen die richtigen Werkzeuge und eine ausreichende Finanzierung, um Täter auch über Landesgrenzen hinweg zur Rechenschaft zu ziehen.

Defensive Maßnahmen reichen alleine nicht aus und es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Auswirkungen konsequent bekämpft werden. Um die Situation in den Griff zu bekommen, sind effektive Schutzmaßnahmen für die Betroffenen, harte Konsequenzen für die Täter sowie systematische Maßnahmen gegen das kriminelle Netzwerk unerlässlich.

Über den Autor: Mike Puglia ist General Manager – Security Products bei Kaseya.

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