Internationale Talente rekrutieren, heimische Experten fördern Deutschlands fehlende Fachkräfte – Ein Problem, zwei Lösungen

Ein Gastbeitrag von Rania Dahmani 6 min Lesedauer

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Deutschland steht vor einer kritischen Herausforderung: Rund 149.000 IT-Stellen, besonders im Bereich Cybersicherheit, sind unbesetzt. Während Cyberkriminalität zunimmt, fehlen Fachkräfte. Lösungen liegen in der Rekrutierung internationaler Talente und der Förderung heimischer Experten, angefangen bei Schülern. Deutschland muss zudem seine Attraktivität für Fachkräfte durch bessere Unterstützung und Integration steigern, um langfristig innovativ und wettbewerbsfähig zu bleiben.

Deutschland kann den IT-Fachkräftemangel in der Cybersicherheit nur durch globale Talente und eine dynamische Ausbildungsoffensive im eigenen Land erfolgreich bewältigen.(Bild:  Nina Lawrenson/peopleimages.com - stock.adobe.com)
Deutschland kann den IT-Fachkräftemangel in der Cybersicherheit nur durch globale Talente und eine dynamische Ausbildungsoffensive im eigenen Land erfolgreich bewältigen.
(Bild: Nina Lawrenson/peopleimages.com - stock.adobe.com)

Deutschland fehlen Fachkräfte – besonders in der IT. Und das obwohl Deutschland international nach wie vor als Innovations- und Technologiehochburg wahrgenommen wird. Die jüngsten Statistiken zeigen, dass in Deutschland rund 149.000 IT-Stellen unbesetzt sind. Vor allem im Bereich der Cybersecurity gibt es eine klaffende Qualifikationslücke, die nicht nur ein konkretes Risiko für Deutschlands digitale Infrastruktur bedeutet, sondern auch unsere Fähigkeit, innovativ und wettbewerbsfähig zu sein.

Folgt man den Berichten des BSI, ist die Bedrohungslage im Cyberspace ernster denn je. Die hohe Zahl unbesetzter Stellen im Bereich der Cybersicherheit in Deutschland unterstreicht den dringenden Bedarf an Sofortmaßnahmen. Hinzu kommt, dass sich die Cyberkriminalität immer mehr professionalisiert und fortschrittliche Taktiken und "Cybercrime-as-a-Service" einsetzt. Ihr Ziel: Die steigende Zahl von Software-Schwachstellen, im Durchschnitt fast 70 neue pro Tag.

Wie also kann Deutschland diese Herausforderung meistern? Klar ist: Es gibt nicht die eine Musterlösung, sondern es bedarf einer Kombination aus nachhaltigen und zielführenden Lösungen. Zwei davon werden folgend tiefgehender erläutert. Erstens: Das Gewinnen von Fachkräften jenseits der deutschen Grenzen. Und zweitens: Das Begeistern und Ausbilden im eigenen Land.

Global talentiert, lokal rekrutiert

Auf dem kanadischen Arbeitsmarkt gibt es täglich zwischen 8.000 und 10.000 ausgeschriebene Stellen im Bereich der Cybersicherheit. Ihr Fokus: Ausländische Fachkräfte. Ein Ansatz, der einerseits die anhaltende Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften verdeutlicht und andererseits entscheidend dazu beiträgt, die Cybersicherheits-Kapazitäten des Landes zu verbessern. Auch Großbritannien hat durch die aktive Rekrutierung globaler Talente große Fortschritte gemacht und seine Cybersicherheitslandschaft erheblich verbessert.

Deutschland kann hier ebenfalls ansetzen und schnell und so effektiv kritische Positionen besetzen. Ein weiterer Vorteil: Die entstehenden Sicherheitsteams in den Unternehmen profitieren unweigerlich von den unterschiedlichen Perspektiven und Hintergründen.

Wunschland: Deutschland

Die Frage ist: Wie kann sich Deutschland von anderen Ländern abheben und besonders im europäischen Vergleich zur neuen Wahlheimat für Fachkräfte werden?

Die Antwort liegt in der Qualität der Unterstützung für Neuankömmlinge. Bürokratieabbau, bzw. Hilfe beim Einreise- und Visaprozess, Unterstützung bei der Wohnungssuche und finanzielle Anreize sind dabei bewährte Stellschrauben. Dabei stehen Politik und Unternehmen gemeinsam in der Pflicht. Es ist ein Leichtes sich vorzustellen, was für einen gravierenden Unterschied es machen kann, ob man sich den Hürden der Deutschen Behördenwelt und des Wohnungsmarkts als Fremdsprachler allein stellen muss oder nicht

So reduziert diese Art von Unterstützung nicht nur den Stress, sondern trägt auch dazu bei, dass sich neue Mitarbeiter von Anfang an willkommen und wertgeschätzt fühlen. Letzteres ist dabei keinesfalls zu unterschätzen, da das erstmalige Gewinnen für den Standort Deutschland und das langfristige Halten der Fachkräfte zwei Paar Schuhe sind. Hier können besonders Unternehmen durch Veranstaltungen und Teambuilding-Aktivitäten kontinuierlich dazu beitragen, Neuankömmlingen dabei zu helfen, Kontakte zu Kollegen zu knüpfen und ein Supportnetzwerk aufzubauen.

Ebenso wichtig ist es, kulturelle Orientierung und sprachliche Unterstützung anzubieten. Schulungen und Sprachkurse helfen neuen Mitarbeitern, die lokalen Gepflogenheiten zu verstehen und sich besser zu verständigen, so dass sie sich im Unternehmen zu Hause fühlen und sich stärker engagieren. Ich persönlich erinnere mich an eine kulturelle Schulung, an der ich teilnahm, die ganz darauf abzielte, deutsche Bräuche zu erklären und Anleitungen zu geben.

Deutsche Unternehmen und Behörden können also einiges tun, um internationale Talente für Deutschland zu gewinnen und so schnell einige der Lücken zu schließen. Für die hiesigen Fachkräfte gibt es allerdings auch noch einiges zu tun.

Hausgemachte Sicherheitsexperten

Zuerst die gute Nachricht: Das Interesse an IT und Cybersicherheit ist definitiv vorhanden. Sie zeigt sich etwa an der aktiven Teilnahme an und der Ausrichtung von zahlreichen Veranstaltungen, wie der Cyber Security Conference 2024 in Mannheim. Es besteht also eine solide Grundlage, auf der man aufbauen kann.

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Um die Qualifikationslücke zu schließen, muss Deutschland diesen Enthusiasmus nutzen und die Talente im eigenen Land fördern, angefangen bei jungen Menschen. Denn: Die frühzeitige Einbindung von Schülern ist entscheidend. Initiativen wie der Girls' Day, Berufsmessen und Schulveranstaltungen wecken das Interesse an IT und Cybersicherheit. Dabei darf auch die Lebensrealität der Jugendlichen nicht vergessen werden und Plattformen wie Instagram und TikTok inkludiert werden.

Frauen in der IT

Für mich persönlich war es sehr überraschend, dass Frauen in der IT in Deutschland immer noch relativ selten sind, da ich es aus meinem Heimatland völlig anders gewohnt bin. Umso ermutigender ist es zu sehen, welche zusätzlichen Anstrengungen dieses Land unternimmt, um Mädchen für die IT zu begeistern. Programme wie der bereits angesprochene Girls' Day und auf Frauen ausgerichtete IT-Veranstaltungen sind wichtige Bestandteile dieser Lösung. Indem man Mädchen ermutigt, in diesen Bereich einzusteigen, und das Klischee der männlich dominierten IT durchbricht, kann Deutschland mehr Stellen besetzen und Erfolgsgeschichten schreiben, die andere dazu inspirieren, ebenfalls einzusteigen.

Abenteuer Cybersicherheit

Zum Glück ist das 90er Jahre Stigma des Hackers als Nerd im Keller längst nicht mehr so prävalent wie früher, dennoch wissen zu viele (junge) Menschen nicht, wie spannend und lebendig die Welt der Cybersecurity mittlerweile ist. Von Capture-the-Flag (CTF)-Wettbewerben, über Bug-Bounty-Programme bis hin zu Ethical-Hacking-Competitions gibt es mittlerweile eine Fülle an Möglichkeiten, sich spannend mit der Materie auseinanderzusetzen. Die Aktivitäten bieten einen Vorgeschmack auf die Welt der Cybersicherheit und zeigen, dass dafür nicht immer ein formaler Abschluss erforderlich ist - nur Interesse und Engagement.

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Cooperation is Key! Mehr Universitäten sollten mit Cybersicherheitsunternehmen zusammenarbeiten, um Studenten praktische Einblicke und Erfahrungen zu ermöglichen. Mentorenprogramme, Stipendien, Praktika usw. spielen eine wichtige Rolle bei der Förderung junger Talente und dabei, ihnen die für den Erfolg erforderlichen Ressourcen und Anleitungen zu ermöglichen.

Vereint man also internationales Recruiting mit der Begeisterung und Ausbildung von lokalen Talenten, hat Deutschland einen guten Weg heraus aus dem Fachkräftemangel im Bereich Cybersicherheit. Sowohl in der kurzen als auch in der langen Frist.

Ein persönlicher Schluss

Um zu veranschaulichen, warum ich fest an diese Lösungen glaube, möchte ich den Artikel mit einem persönlichen Fazit beenden. Ich komme aus Tunesien, wo fast 50 Prozent der IT- und Cybersicherheits­positionen von Frauen besetzt sind. Entsprechend war es ein ziemlicher Kontrast, in Deutschland weniger Frauen in diesem Bereich zu sehen. Eine Erfahrung, die mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass ein vielfältiger Talentpool notwendig ist. Sowohl was Geschlechter, als auch was die Herkunft betrifft.

Auch weiß ich, was die richtigen Chancen für internationale Fachkräfte bewirken können. Als Stipendiatin kam ich mit fast 40 anderen tunesischen Ingenieurstudenten nach Deutschland. Heute arbeiten fast alle von uns hier und tragen zum Fortschritt in Deutschland bei.

Meine Arbeit und besonders der Start bei meinem Arbeitgeber hat mir aus erster Hand gezeigt, wie wichtig eine umfassende Unterstützung ist. Ich bekam Hilfe bei der Wohnungssuche, bei der Erledigung von Formalitäten, erhielt Integrationsveranstaltungen sowie Sprachkurse. Ein so großer Schritt wie der von Tunesien nach Deutschland fühlt sich so deutlich kleiner und weniger beängstigend an.

Über die Autorin
Rania Dahmani ist Telekommunikationsingenieurin aus Tunesien und kam über ein Stipendienprogramm für ihre Abschlussarbeit nach Deutschland. Nach Abschluss des Studiums startete Sie beim Düsseldorfer Cybersecurityunternehmen CLOUDYRION als Secure-by-Design Consultant. Dort bearbeitet sie verschiedene Bereiche der Cybersicherheit, mit einem besonderen Fokus auf Cloud Security und DevSecOps.

Bildquelle: CLOUDYRION

Fachkräftemangel in der IT-Security


Der Fachkräftemangel in Deutschland bedroht die Wirtschaft, besonders in der IT-Sicherheit. Unternehmen suchen dringend qualifizierte Experten, um Cyberrisiken zu bewältigen. Der steigende Bedarf an IT-Sicherheitsfachkräften verschärft das Problem weiter. In dieser Serie sprechen wir mit HR-Expertinnen und Security-Profis aus der Praxis darüber, wie Unternehmen trotz knappem Angebot die perfekt passenden Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter finden und halten können.

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