Risiken der vernetzten Welt, Teil 4

Die Entwicklung der Überwachungstechnik

Seite: 3/3

Technik als Treiber für Spionage

Die Aufklärung lässt sich schon seit langem auf Distanz betreiben. Die Miniaturisierung offeriert hier neue Möglichkeiten für die Aufklärung, eignet sich aber auch für aktive Kampfhandlungen. So erwägt die Europäische Union offenbar die Bewaffnung von Polizeidrohnen. Unklar ist mit welchen Waffen das geschehen soll.

Bei Exekutionskommandos im Nahen oder mittleren Osten werden derweil bereits Positions- und Zeitinformationen verwendet. Hier werden nach Angaben des früheren NSA-Chefs Michael Hayden Metadaten genutzt, um Menschen mit Hilfe von bombenden Drohnen zu töten – Pech hat also, wer da mit dem falschen Handy unterwegs ist. Oder sich in der Nähe des Handys befindet.

Wer wen bedroht oder von wem bedroht wird, ist nicht immer klar – die US-Bundespolizei FBI meint, dass fahrerlose Fahren sei gut zu überwachen, warnt aber gleichzeitig auch vor „tödlichen Gefahren“. Die Behörde verweist auf die Möglichkeit, ein autonomes Fahrzeug mit Sprengstoff zu beladen und eines Tages führerlos ins Ziel zu schicken.

Die USA sind nicht zimperlich bei der Wahl ihrer Mittel. Doch bislang verlangten die Mittel nach physikalischer Anwesenheit, waren entsprechend aufwendig – oder produzierten (wie die aus Deutschland unterstützten Drohnen-Morde) so viel Staub, dass die dicke Luft anschließend bis in den Berliner Reichstag zog. Da kommt den Diensten die Miniaturisierung gelegen.

Unsichtbare Angreifer

Denkbar sind in Zukunft etwa Roboter in Mückengröße, die wahlweise die Kleidung des Opfers verwanzen, es mit Nanotechnik markieren (um es per RFID-Signal verfolgen zu können) oder eine Probe des Erbmaterials entnehmen können. Was in der einen Richtung klappt, dürfte auch umgekehrt funktionieren: So ist es denkbar, dass sich per Robo-Mücken künftig auch toxische, radioaktive oder sonstige Substanzen injizieren lassen. Schwärme solcher Mücken könnten das Innere von Gebäuden aufklären.

Je nach körperlicher Konstitution des Opfers könnten auch Stromschläge mit 80.000 Volt tödlich sein. Die Firma ‚Chaotic Moon‘ hat im März 2014 eine Drohne namens CUPID UAV („Chaotic Unmanned Personal Intercept Drone – Unmanned Aerial Vehicle“) vorgestellt, deren Taser solche Spannungen während des Fluges erzeugen kann. Die Anwendung ist für Unternehmen gedacht, die damit ihr Firmengelände vor Einbrechern schützen wollen.

Nachdem der Bewegungsmelder das Eindringen wahrnimmt, startet die Drohne autonom, erkennt Berechtigte an Hand ihres Gesichts und lässt sie unbehelligt passieren. Unberechtigte sollen solang mit Stromschlägen traktiert werden, bis die Polizei kommt. Dadurch sind allerdings auch spurlose Anschläge denkbar.

Das Opfer kann aber auch schmerzfrei erheblich in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden, zum Beispiel mit Hilfe Elektromagnetischer Impulse (EMP). In natürlicher Form entstehen diese etwa bei einem Gewitter, lassen sich aber auch künstlich – zum Beispiel durch eine Atombombe – erzeugen.

Da Letztere aus der Mode gekommen sind, hat die Nordatlantische Verteidungsorganisation NATO ein Gerät entwickelt, das hochintensive elektromagnetische Strahlen abgeben kann. Damit ließen sich – so soll es ein Video belegen – Selbstmordattentäter in (wie oben beschrieben) mit Sprengstoff beladenen Autos und Booten schachmatt setzen: Deren elektromaggnetische Bauteile (und in der Folge auch der Motor) sollen durch Überspannung den Betrieb einstellen und das Gefährt mit seiner tödlichen Fracht am Erreichen des Ziels gehindert werden. Interessanterweise hat Chaotic Moon bereits eine EMP-Version von CUPID angekündigt.

Das Problem bei derlei Distanzwaffen besteht darin, dass sie sich „relativ einfach und ohne aufwändige Kosten von zivilen Personen mit entsprechenden Kenntnissen aus handelsüblichen Komponenten“ fertigen und „im Prinzip zu Sabotage- oder Erpressungszwecken eingesetzt werden“ können, wie es das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe 2006 in einer Broschüre mit Blick auf EMP Waffen formuliert hat.

Hinzu kommt für Professor Michael Brzoska, dem Leiter des Hamburger Instituts für Friedensforschung ein ethischer Aspekt: „Es ist auch so, dass Drohnen in der Regel viel kleiner sind, das heißt, man kann sie sehr viel schlechter sehen. Dadurch ist es natürlich für denjenigen, der diese Angriffe befiehlt, in diesem Fall die USA, leichter, diese Art von Krieg zu führen. Und insofern wird eine Hemmschwelle gesenkt. Die Hemmschwelle, die dadurch entsteht, dass man sich selber in Gefahr bringt. Und das ist etwas, was natürlich im Krieg immer versucht wird – jede Streitkraft versucht, irgendwie ihre eigenen Leute zu schützen, das ist ja auch legitim. Es wird aber dann ein Problem, wenn diese Art von Selbstschutz es erleichtert, auch außerhalb dessen, was das Völkerrecht erlaubt, Krieg zu führen.“

(ID:43147296)