Gastkommentar Warum Datenlokalisierung der Cybersicherheit schadet

Ein Gastkommentar von Sebastian Hufnagel 3 min Lesedauer

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In der EU wächst der Trend zur Datenlokalisierung, getrieben vom Wunsch nach digitaler Souveränität und stärkerer Sicherheit. Doch statt die Cybersicherheit zu verbessern, könnte sie diese möglicherweise sogar schwächen. Die Gründe dafür sind komplex und werfen wichtige Fragen zur Zukunft des Datenschutzes und der digitalen Sicherheit in Europa auf.

Sebastian Hufnagel von Cloudflare meint: „Wahre Datensouveränität liegt nicht in der geographischen Beschränkung von Daten, sondern in der Fähigkeit, digitale Dienste sicher zu nutzen und dabei die Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten.“(Bild:  noah9000 - stock.adobe.com)
Sebastian Hufnagel von Cloudflare meint: „Wahre Datensouveränität liegt nicht in der geographischen Beschränkung von Daten, sondern in der Fähigkeit, digitale Dienste sicher zu nutzen und dabei die Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten.“
(Bild: noah9000 - stock.adobe.com)

Sebastian Hufnagel ist Senior Public Policy Manager DACH bei Cloudflare.(Bild:  Thilo Hertwig / Cloudflare)
Sebastian Hufnagel ist Senior Public Policy Manager DACH bei Cloudflare.
(Bild: Thilo Hertwig / Cloudflare)

Schon seit längerem lässt sich in der EU ein deutlicher Trend beobachten, der darauf abzielt, dass Daten möglichst innerhalb eines Landes oder zumindest innerhalb der EU gehalten werden. Diese Entwicklung wird hauptsächlich durch zwei Faktoren vorangetrieben: zum einen durch eine restriktive Interpretation der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) seitens mancher Datenschutzbehörden, zum anderen durch Anforderungen an die digitale Souveränität bzw. strategische Autonomie aus Gründen der nationalen Sicherheit. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in verschiedenen politischen Initiativen wider, etwa in den Empfehlungen des Draghi-Berichts zur Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit oder in der Nominierung einer EU-Kommissarin für technologische Souveränität. Die Politik der neuen US-Regierung stellt den Glauben vieler Europäer an die transatlantische Wertegemeinschaft zunehmend in Frage und verleiht dem Wunsch nach mehr technologischer Unabhängigkeit von den USA noch zusätzlichen Schub.

Bei allem Verständnis für das berechtigte Streben nach Souveränität gerät dabei aus dem Blick, dass Datenlokalisierung tatsächlich nicht die Cybersicherheit stärkt, wie oft angenommen wird. Das Gegenteil ist der Fall. Ein besonders prägnantes Beispiel hierfür liefert der russische Angriffskrieg auf die Ukraine: Das Land war gezwungen, seine Gesetze zur lokalen Datenspeicherung eilig zu ändern, um sensible Daten in ausländische Cloud-Speicher zu verlagern und sie so vor dem Zugriff der Invasoren zu schützen. Dies verdeutlicht, dass geografische Nähe nicht automatisch mehr Sicherheit bedeutet.

Globale Dimension der Cybersicherheit

Der beste Schutz vor Bedrohungen im weltweiten Cyberraum erfordert eine globale Infrastruktur und Datengrundlage. Die Größenordnung aktueller Cyberbedrohungen wird an der steigenden Intensität von DDoS-Angriffen deutlich, die inzwischen Volumina im Bereich mehrerer Terabit pro Sekunde erreichen. Die Abwehr solcher Attacken ist nur mit großen, global verteilten Netzwerken möglich. Auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen zur Erkennung und Abwehr von Bedrohungen möglichst nah an ihrem Ursprung und bevor sie größeren Schaden anrichten können, basiert auf der laufend aktualisierten Analyse einer Vielzahl länderübergreifender Daten.

Die DSGVO selbst schreibt keine Datenlokalisierung vor, sondern ermöglicht Datentransfers außerhalb der EU unter bestimmten Voraussetzungen. Allerdings hat insbesondere das Schrems-II-Urteil zu einer sehr restriktiven Auslegung der Vorschriften geführt. Diese steht zumindest in einem Spannungsverhältnis zu Artikel 32 der DSGVO, der Unternehmen verpflichtet, dem Stand der Technik entsprechende Sicherheitsmaßnahmen zu implementieren.

Auswirkungen auf den Datenschutz

Paradoxerweise können übermäßig strenge Lokalisierungsanforderungen den Datenschutz schwächen. Wenn Unternehmen keinen Zugriff auf globale Bedrohungsdaten haben und moderne Sicherheitstechnologien nicht optimal einsetzen können, steigt das Risiko von erfolgreichen Cyberangriffen. Häufig zielen diese Angriffe auf den Diebstahl großer Mengen von personenbezogenen Daten wie E-Mail-Adressen, Telefonnummern und Zahlungsdaten. Die steigende Häufigkeit solcher Delikte hat inzwischen zu einer gewissen Resignation geführt, so dass Betroffene sich zunehmend machtlos gegenüber dem Missbrauch ihrer vertraulichen Daten fühlen.

Lösungsansätze für die Zukunft

Eine zukunftsfähige Lösung muss das berechtigte Interesse an digitaler Souveränität mit den Anforderungen moderner Cybersicherheit in Einklang bringen. Dabei sollten Technologien, die den Datenschutz stärken, indem sie Informationen unabhängig von ihrem Standort schützen, eine zentrale Rolle spielen. Solche Technologien ermöglichen es, Datenschutz und Sicherheit als komplementäre statt konkurrierende Ziele zu behandeln. Auch eine Klarstellung in Form von Leitlinien des Europäischen Datenschutz-Ausschusses (EDSA), dass Datentransfers zu Zwecken der Cybersicherheit im Rahmen der DSGVO zulässig sind, könnte zur Lösung beitragen.

Wahre Datensouveränität liegt nicht in der geographischen Beschränkung von Daten, sondern in der Fähigkeit, digitale Dienste sicher zu nutzen und dabei die Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten. Nur durch eine pragmatische Anwendung des Datenschutzrechts, die die Nutzung globaler Cybersicherheitsdienste ermöglicht, können wir die europäische Datensouveränität stärken, ohne dabei unsere Datensicherheit aufs Spiel zu setzen.

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Über den Autor: Sebastian Hufnagel ist Senior Public Policy Manager DACH bei Cloudflare.

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