Das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI) verändert unsere Wahrnehmung der Realität, Technologie und Menschlichkeit. Die realistische Möglichkeit von Deep Fakes, künstlicher Identitäten und anderer Technologien, die die Grenzen des Realen und des künstlich Erschaffenen verschwimmen lassen, bedroht allerdings das gesellschaftliche Vertrauen.
Die Balance zwischen fortschrittlicher Technologie und dem Schutz unserer menschlichen Identität zu wahren ist eine Gratwanderung.
(Bild: Andrea Danti - stock.adobe.com)
Transformer-Modelle wie ChatGPT erzielen stetig Fortschritte – das nutzen Großkonzerne wie Google und Microsoft, indem sie KI tiefer in ihre Unternehmensstrukturen integrieren. Ein spannendes Beispiel ist Googles KI, die Telefontermine buchen kann. Während ChatGPT von vielen noch als Chat-Spielzeug verwendet wird, eröffnet AutoGPT bereits beeindruckende Möglichkeiten, durch Interaktion verschiedener KI-Modelle zum Brainstorming, um zu einem bestimmten Ziel zu gelangen. Diese Neuerungen könnten es ermöglichen, dass KI bald zu einem persönlichen Agenten wird, der uns im Alltag unterstützt.
Heute klingt es vielleicht noch etwas utopisch, aber in Zukunft könnte ein Beispiel hierfür die eigenständige Erstellung von Online-Profilen durch KI-Modelle sein. Stellen Sie sich eine KI vor, die in der Lage ist, einen Account auf eBay, Tinder oder Lieferando zu erstellen und im Namen ihrer "Klienten" zu handeln. Was einerseits eine Erleichterung für Unternehmen wie auch für Privatpersonen sein kann, wirft viele Fragen auf, insbesondere in Bezug auf Authentizität und Verifizierung. Die realistische Möglichkeit von Deep Fakes, künstlicher Identitäten und anderer Technologien, die die Grenzen des Realen und des künstlich Erschaffenen verschwimmen lassen, bedroht das gesellschaftliche Vertrauen. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, Authentizität in einer solchen Welt zu gewährleisten, vor allem, wenn Kunden nicht mehr sicher sein können, ob sie mit einem Menschen oder einer KI interagieren. Und das ist bereits heute Realität.
In diesen Zeiten, in denen KI rasant voranschreitet und immer stärker in digitale Plattformen integriert wird, nehmen die Risiken von Identitätsbetrug und -missbrauch zu. Vor allem sensible Bereiche wie die Banken- und Versicherungsbranche sind davon betroffen. Die digitale Verifizierung ihrer Kunden mittels KI bringt dabei allerdings vielversprechende Lösungen mit sich.
KI-Systeme, speziell entwickelt für die vollautomatische Identitätsverifizierung, basieren auf fortschrittlichen Algorithmen und Gesichtserkennungstechnologien. Ziel ist es, unmissverständlich festzustellen, ob die Person hinter einem Online-Profil oder einer Transaktion tatsächlich diejenige ist, die sie vorgibt zu sein. Mit einer Genauigkeit, die traditionelle, manuelle Prüfverfahren oft übertrifft, können diese Systeme blitzschnell und auf einem hohen Sicherheitsniveau Daten analysieren. Proprietäre Lösungen eignen sich besonders gut, da sie dem Angreifer nicht verraten, wo er am besten angreifen kann. Generell ist die Erkennungstechnologie so weit fortgeschritten, sodass eine maschinelle Prüfung meist mehr Vertrauen ermöglicht als die klassische Vor-Ort-Prüfung. Beispielsweise lässt sich das Alter besser von einer KI einschätzen als von Menschen. Während ein Mensch sich hierbei durchschnittlich um 6,3 Jahre verschätzt, ermöglicht KI mit rund zwei Jahren Unterschied eine deutlich exaktere Einschätzung.
Wir brauchen dringend eine durchgängige und vertrauenswürdige Methode, um unsere menschliche Identität digital zu bestätigen. Bei öffentlichen Auftritten warnen OpenAI CEO Sam Altman und Googles ehemaliger Top KI-Entwickler Geoffrey Hinton die Allgemeinheit vor den Gefahren der KIs. Sogar sie erkennen neben dem Potenzial auch die Risiken ihrer eigenen Technologien. Ein Blick in die nahe Zukunft zeigt: Bei der raschen Weiterentwicklung der KIs können wir während eines Video-Gesprächs bald nicht mehr sicher sein, ob unser Gegenüber tatsächlich echt ist. Um ein Stück Sicherheit zurückzuerlangen, müssen wir uns deswegen auf das Einzige verlassen, dass uns Menschen von der Technik unterscheidet: unser Gesicht. Daher ist es naheliegend, dass biometrische Daten in Kürze für viele Bereiche der Online-Registrierung und -Verifizierung erforderlich werden. Tech-Riesen wie OpenAI investieren bereits große Summen in biometrische Datenbanken. Der Kampf gegen Identitätsdiebstahl, dem ich mich mit Nect vor sechs Jahren ebenfalls angeschlossen habe, hat immens an Bedeutung gewonnen.
Wie können wir nun die Vorteile technologischer Fortschritte mit den ethischen Bedenken um Privatsphäre und Authentizität vereinen? Gerade die Biometrie ist ein Schlüsselbereich, in dem sich diese Spannungen zeigen. Viele von uns nutzen bereits täglich biometrische Technologien, wie die FaceID auf dem iPhone oder Fingerabdrucksensoren auf anderen Smartphones. Diese Technologien, wenn ethisch genutzt, bieten eine unvergleichliche Gewissheit über die Identität einer Person. Doch hier stellt sich die Frage: Gibt es ein Gleichgewicht zwischen technischer Innovation und ethischer Vorsicht, bei dem das Individuum im Mittelpunkt steht?
Nutzerfreundlichkeit ist der Hauptgrund für die Popularität dieser biometrischen Lösungen. Allerdings befinden wir uns in einer Zwickmühle, wenn wir bedenken, dass wir damit unsere sensibelsten Daten oft großen US-amerikanischen Unternehmen überlassen – falls wir es denn bedenken. Die Nutzerfreundlichkeit sollte dennoch nicht auf Kosten der Sicherheit gehen. Es ist entscheidend, dass Biometrie in der KI-Ära als Mittel zur Sicherung unserer Individualität betrachtet wird und nicht als Überwachungswerkzeug. Die globale Weiterentwicklung von KI bringt schließlich immer neue, wachsende Gefahren mit sich.
Dem entgegen steht die Gefahr, bei übermäßiger Regulierung den technologischen Fortschritt zu hemmen und sich als Land im schlimmsten Fall sogar zurückzuentwickeln. Während die bereits erwähnten Großkonzerne die Ressourcen haben, ihre Technologien trotz strengerer Regeln weiterzuentwickeln, könnten nationale Regulierungen kleinere, innovative Unternehmen in Deutschland behindern. Dies würde europäische Nutzer in eine Position bringen, in der sie sich den Datenschutznormen aus den USA oder Asien beugen müssten. Ich fände es dagegen sinnvoller, transparente Sicherheitsstandards zu haben und sich auf europäische Dienstleister zu verlassen.
Stand: 08.12.2025
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Traditionelle Identifizierungsmethoden wie die eID, die mit einer PIN funktionieren, stehen in der Nutzererfahrung im Vergleich zu innovativeren Verfahren deutlich zurück. In Anbetracht der steigenden Anforderungen an digitale Verifizierung benötigen wir unkompliziertere, leicht zugängliche Alternativen. Deshalb sehe ich die Entwicklung der EUdi-Wallet in Partnerschaft mit der EU-Kommission als große Chance und einen Schritt in die richtige Richtung. Sich lediglich an die technologischen Entwicklungen anzupassen, reicht nicht aus. Wir müssen proaktiv handeln, um sie zu formen und zu beherrschen. In dieser dynamischen Landschaft ist es entscheidend, dass wir sowohl innovative als auch ethische Lösungen finden.
Statt vor dystopischen Szenarien zurückzuschrecken, sollten wir sicherstellen, dass menschliche Identitäten – physisch und digital – respektiert und geschützt, aber gleichzeitig in einem sinnvollen Maße für jeden Einzelnen nutzbar gemacht werden. Das ist entscheidend, egal wie weit die KI in unseren Alltag eindringt. Diese Aufgabe richtet sich vor allem an Unternehmen: Sie müssen in dieser neuen Ära sichere und nutzungsfreundliche Identitätslösungen in ihre Strukturen integrieren. Nur so können sie weiterhin das Vertrauen und den Zuspruch ihrer Kunden gewinnen und erhalten. Dafür braucht es staatliche Regulationsmaßnahmen, die den Weg in eine sichere Digitalisierung ebnen statt verbauen. Die Zukunft ist bereits hier, und es ist Zeit, sie aktiv zu gestalten.
Über den Autor: Benny Bennet Jürgens ist Founder & CEO der Nect GmbH.