Privatsphäre im Web

„Ich habe nichts zu verbergen!“

| Autor / Redakteur: Alain Blaes / Peter Schmitz

Diskussionen über die Privatsphäre im Web werden schnell sehr emotional, denn was für den Einen völlig normal ist, geht dem Anderen schon viel zu weit.
Diskussionen über die Privatsphäre im Web werden schnell sehr emotional, denn was für den Einen völlig normal ist, geht dem Anderen schon viel zu weit. (Bild: Pixabay / CC0)

In Diskussionen zum Thema Privatsphäre im Web wird man früher oder später immer an diesen Punkt kommen: Irgendjemand wirft genervt ein, er hätte ohnehin nichts zu verbergen, also könne ihm die ganze Debatte auch herzlich egal sein. Anhänger der Privatsphäre verdrehen jetzt vielleicht resigniert die Augen – diesem Mitbürger ist nicht mehr zu helfen, denn wer heute immer noch nicht begriffen hat…

Doch genau das ist die Gefahr bei allzu großen Selbstverständlichkeiten –dass man sich früher oder später selbst keine Rechenschaft über den Inhalt einer Position mehr ablegt. Diskussionen werden dann zum bloßen Austausch von fertigen Statements, das Thema selbst zu einer Glaubensfrage. Dabei ist es doch keineswegs so, dass es keine guten Argumente in der Sache gäbe! Es ist also nicht verkehrt, sie immer wieder mal aufzupolieren. Und zwischendurch entdeckt man vielleicht sogar neue Argumente. Damit wären wir endlich beim Thema.

„Ich habe nichts zu verbergen!“ – zum Einstieg mal ganz grundsätzlich gefragt: Ist der Verzicht auf Privatsphäre, also eine allseitige Informationsoffenheit, etwa der Normalzustand? Ist es „verbergen“, wenn man die eigenen Angelegenheiten nicht einfach so für jedermann in die Welt hinauskommunizieren möchte? Das wäre so, als ob Mitbürger, die mit Schuhen aus dem Haus gehen, ihre Füße verbergen würden. Das ist schon eine etwas verdrehte Optik. Wieso heißt Privatsphäre etwas „verbergen“? Umgekehrt ist es: privat ist normal und nicht verborgen. Warum sollte jemand, der zwischen seinem Wohnzimmer und dem Hauptbahnhof unterscheidet, damit etwas „verbergen“?

„Ich habe nichts zu verbergen!“ – der Satz ist auch nicht ehrlich. Man möchte eigentlich gleich nachfassen und nach Kontonummer, PIN oder Amazon-ID fragen. Und zu Hause kommen wir natürlich auch gleich vorbei, zu einer Uhrzeit unserer Wahl; warum auch nicht, wenn einer nichts zu „verbergen“ hat, dürfen wir doch gerne nachsehen? So war es natürlich nicht gemeint. Als ob die digitale Privatsphäre eine weniger wichtige wäre.

„Ich habe nichts zu verbergen!“ – andere aber schon. Interessanterweise lassen sich diejenigen, die unsere Privatsphäre am gründlichsten durchleuchten wollen, beispielsweise die großen Datenkraken wie Facebook und Co., selbst nicht so gerne in die Karten schauen. Das Geschäftsgeheimnis hat für sie einen ganz hohen Stellenwert. Haben sie etwa was zu verbergen? Das sollte schon zu denken geben.

„Ich habe nichts zu verbergen!“ – kann man natürlich auch politisch betrachten. Das Statement bekundet immerhin ein absolutes Einverständnis mit der Obrigkeit, und zwar nicht nur für jetzt, sondern gleich auch noch für alle Zeit. „Ich habe nichts zu verbergen!“ heißt hier: „Ich bin mit allem einverstanden“ – gelebte Untertanengesinnung.

„Ich habe nichts zu verbergen!“ – kehren wir mit einem kleinen Gedankenexperiment in die Privatwirtschaft zurück. Eine Semmel – wahlweise gerne auch Brötchen, Schrippe oder Rundstück – kostet aktuell etwa 40 Cent. Angenommen ich bin Semmel-Fan und kann nicht ohne meine geliebten Semmeln leben. Ich würde daher für eine Semmel auch zwei Euro, ja wenn es sein muss, sogar vier bezahlen. Das poste ich – zu verbergen habe ich ja nichts – quer durch alle Netze und sozialen Medien. Auf welche Idee könnte mein Bäcker, der ebenfalls in allen Netzen zuhause ist, kommen, wenn ich das nächste Mal seinen Laden betrete? Ok, es wird nichts passieren, denn in das Geschäftsmodell des Bäckers passt es nicht, Kunden zu segmentieren und Preise zu differenzieren. Bei einem Vermieter oder einer Bank sieht das schon ganz anders aus. Und je besser sich das Leben durchleuchten lässt, desto besser können diese Anbieter segmentieren. Wer da nichts verbergen kann, ist im Wortsinn bald arm dran.

Jenseits des Bäcker-Beispiels: In der Marktwirtschaft haben die Marktteilnehmer unterschiedliche Interessen, das ist geradezu konstitutiv. Und unterschiedliche Interessen funktionieren nur, wenn die Informationen nicht vollständig transparent sind. Anders kann Markt nicht funktionieren, erst recht nicht, wenn die Transparenz nur für eine Seite gilt. „Ich habe nichts zu verbergen!“ unterstellt, dass alle am gleichen Strang ziehen und jeder für jeden nur das Beste will. Das ist definitiv nicht der Fall.

„Ich habe nichts zu verbergen!“ – nach der langen Antwort nun noch eine ganz kurze: „Hast du eine Ahnung, was man alles von dir wissen will?“

Über den Autor: Nach verschiedenen Stationen als Redakteur und Chefredakteur in IT-Medien und als Freier Journalist für die Tages- und Wirtschaftspresse hat Alain Blaes 1990 die Agentur PR-COM gegründet. Neben der Unternehmensführung konzentriert er sich auf die strategische Kommunikationsberatung. Sein Fokus liegt auf PR, Social Media, Marcom, Digital Services und der Integration dieser Bereiche.

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