Ein manipuliertes npm-Paket, viele betroffene Module und ein Angriff, der sich in den automatisierten Abläufen moderner Softwareentwicklung versteckt hatte: Der Vorfall um „tinycolor“ zeigt, wie verwundbar Softwarelieferketten heute sind. Warum klassische Schutzstrategien versagen und wie Unternehmen ihre Sicherheitsarchitektur jetzt anpassen müssen.
Am 15. September 2025 schlug der Entwickler Daniel Pereira Alarm: Er entdeckte, dass das beliebte npm-Paket „@ctrl/tinycolor“ mit Malware infiziert worden war.
Im September 2025 schaffte es ein Vorfall im npm-Ökosystem in die Schlagzeilen: Über 40 Pakete, darunter auch das populäre Open-Source-Modul „tinycolor“, wurden kompromittiert und mit Schadcode versehen. Die Manipulation erfolgte über ein automatisiertes Skript, das Paketdateien herunterlud, manipulierte und erneut veröffentlichte. Die so eingeschleuste Schadfunktion suchte gezielt nach Zugangsdaten und Cloud-Credentials, die Entwickler versehentlich im Code hinterlegt hatten.
Was diesen Angriff so bemerkenswert macht, ist nicht nur sein technischer Ablauf, sondern auch seine Raffinesse: Er nutzte mit TruffleHog ein legitimes Open-Source-Tool, das üblicherweise zur Sicherheitsprüfung eingesetzt wird. Dadurch blieb die Aktivität lange unentdeckt – ein Beispiel aus dem Lehrbuch, das die neue Qualität von Lieferketten-Angriffen, die auf Vertrauen und Automatisierung in modernen Entwicklungsprozessen abzielen, verbildlicht.
Angriffe auf die Lieferkette zielen darauf ab, nicht direkt ein Unternehmen, sondern dessen Softwarelieferkette zu kompromittieren – also Werkzeuge, Bibliotheken oder Abhängigkeiten, auf die Entwickler täglich zugreifen. Statt den direkten Weg zu nehmen, infizieren Angreifer die Pfade, über die Software entsteht und verteilt wird.
Im Fall von npm wurde der Angriff automatisiert: ein manipuliertes Modul modifizierte nachgelagerte Projekte, injizierte Schadcode und veröffentlichte sie neu – alles im Hintergrund. Dass ein eigentlich legitimes Tool dabei als Vehikel diente, zeigt den Trend, dass Angreifer zunehmend auf „Living off trusted code“ setzen: Sie verstecken sich in eben jenen Mechanismen, die ursprünglich für Qualität und Effizienz sorgen sollen.
Gerade Open-Source-Ökosysteme sind dafür besonders anfällig. Vertrauen, Offenheit und schnelle Updates sind hier ein Teil der DNA – und genau diese Eigenschaften werden zunehmend ausgenutzt.
Die meisten Sicherheitsstrategien konzentrieren sich auf die Verteidigung von außen nach innen: Firewalls, Endpoint-Protection, Netzwerksegmentierung. Doch bei Supply-Chain-Angriffen kommt der Feind mit einem digital signierten, scheinbar vertrauenswürdigen Code direkt durch die Vordertür.
Ein Kernproblem liegt in der impliziten Vertrauenskette moderner Entwicklung. Sobald ein Paket oder Tool einmal als „sicher“ gilt, wird es automatisiert weiterverwendet, oft ohne manuelle Prüfung. Hinzu kommt der Trend zu KI-gestützten Entwicklungsumgebungen und sogenannten „vibe coding“-Tools wie Cursor oder Base44, die Codevorschläge oder Bibliotheken automatisch integrieren. Was Effizienz steigert, öffnet zugleich aber auch neue Angriffsflächen und verlagert das Risiko aus der Produktion in die Entwicklung.
Kurz gesagt: Die Geschwindigkeit, mit der Software heute entsteht, überholt oft die Fähigkeit, sie sicher zu gestalten.
Der npm-Vorfall zeigt, dass die Sicherheit der Lieferkette nicht nur eine technische, sondern auch eine strukturelle Herausforderung ist. Unternehmen müssen ihre Sicherheitsarchitektur so organisieren, dass Vertrauen nicht automatisch entsteht, sondern aktiv verdient werden muss.
Ein zentrales Prinzip lautet dabei „Zero Trust for Code“. Genau so, wie der klassische Zero-Trust-Ansatz jede Identität und jedes Gerät überprüft, muss auch jeder Code – ganz egal, aus welcher Quelle – validiert und kontrolliert werden, bevor er produktiv eingesetzt werden kann.
Dies umfasst:
Isolierte Testumgebungen, in denen neue oder aktualisierte Pakete geprüft werden, bevor sie in die Entwicklungs- oder Produktionsumgebung gelangen.
Policy-basierte Freigaben, um sicherzustellen, dass nur geprüfte Module genutzt werden.
Automatisierte Überwachung von Abhängigkeiten, die ungewöhnliche Änderungen oder neue Maintainer erkennt.
Ein weiterer kritischer Punkt ist der Umgang mit Zugangsdaten. Der npm-Angriff zielte proaktiv auf Tokens und Cloud-Schlüssel ab, also auf genau das, was Entwicklern oft „nebenbei“ in den Code rutscht. Secrets-Management muss daher zentralisiert, automatisiert und Teil der Sicherheitsstrategie sein. Die regelmäßige Rotation von Tokens, die Nutzung temporärer Credentials und der Einsatz von Vault-Lösungen sind keine besondere Kür, sondern schlichtweg Pflicht.
Um sich besser gegen Supply-Chain-Angriffe zu wappnen, sollten Unternehmen ihre Entwicklungs- und Sicherheitsprozesse besser verzahnen. Das bedeutet, Sicherheitsrichtlinien bereits im Code- und Build-Prozess zu verankern („Shift-Left“) – allerdings ohne die Entwickler mit manuellen Prüfungen zu überlasten.
Do´s:
Tokens und Secrets regelmäßig rotieren und automatisiert verwalten.
Neue Packages und Tools zunächst in abgeschlossenen Testumgebungen evaluieren.
Verdächtige Änderungen an Codeabhängigkeiten aktiv überwachen.
Zugriffskontrollen konsequent nach dem Least-Privilege-Prinzip umsetzen.
Wenn möglich: Just-In-Time Zugriffe / Dynamic Secrets für Machine-Kommunikation etablieren
Dont´s:
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel IT-Medien GmbH, Max-Josef-Metzger-Straße 21, 86157 Augsburg, einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von Newslettern und Werbung nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung.
Tokens oder API-Schlüssel lokal speichern oder im Code hinterlegen.
Tools oder Repositories blind vertrauen – auch nicht, wenn sie „offiziell“ oder weit verbreitet sind.
Sicherheitsfreigaben umgehen, um Entwicklungszyklen zu verkürzen.
Langfristig führt für Unternehmen kein Weg daran vorbei, ihre gesamte Softwarelieferkette, von externen Bibliotheken bis hin zu internen Build-Systemen, als kritische Infrastruktur zu begreifen.
Der npm-Angriff war kein Einzelfall, sondern Teil einer merklichen Welle von Supply-Chain-Attacken, die 2025 das Open-Source-Ökosystem erschüttert haben. Die Moral aus der Geschichte: Wer Software entwickelt, ist Teil einer Lieferkette und damit auch Teil eines Risikosystems.
Unternehmen, die ihre Entwicklungsumgebungen strikt vor Produktivsystemen trennen, Code-Zugriffe konsequent absichern und ein Zero-Trust-Verständnis auf Code-Ebene etablieren, werden langfristig resilienter sein.
Denn Sicherheit in der Softwareentwicklung bedeutet heute vor allem eines: nicht mehr automatisch zu vertrauen, sondern systematisch zu überprüfen.
Über den Autor: Fabian Hotarek ist seit 2016 in verschiedenen Pre-Sales-Positionen in der DACH- und CEE-Region bei CyberArk tätig.