Frauen in der Cybersicherheitsbranche Warum diverse Teams stärker sind

Von Melanie Staudacher 7 min Lesedauer

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Experten sind sich einig: Diverse Teams sind innovativer. Und Frauen sollten ein Teil solch diverser Teams sein – auch in der Cybersicherheit. Wir haben Expertinnen zu ihren Erfahrungen in der Branche und Wünschen für mehr Gleichberechtigung befragt.

Je diverser ein Team, desto besser die Ergebnisse.(Bild:  Sanele Gobinduku/peopleimages.com - stock.adobe.com)
Je diverser ein Team, desto besser die Ergebnisse.
(Bild: Sanele Gobinduku/peopleimages.com - stock.adobe.com)

Die IT-Welt, speziell die IT-Sicherheitswelt, ist männerdominiert. Dem „2024 Cybersecurity Workforce Report“ des Global Security Forums (GCF) zufolge fehlten der Cbyersicherheits­branche im vergangenen Jahr 2,8 Millionen Menschen, während Frauen nur 24 Prozent der Belegschaft ausmachten. Aufgrund gesellschaftlicher Vorurteile und Stigmen fällt Frauen der Einstieg in die IT-Welt oft schwer.

Frauen in der IT-Sicherheit
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Herausforderungen von Frauen in der IT

Auch Dr. Andrea C. Johnson, Chief Information Officer bei Pipedrive, sah sich lange mit Vorurteilen konfrontiert: „In meinem Informatikstudium und während meiner Zeit als Doktorandin waren die meisten meiner Mitstudierenden Männer. Auch heute noch sind viele darüber überrascht, dass ich im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) promoviert habe. Früher habe ich scherzhaft gesagt, dass ich meine Doktorarbeit in Stricken geschrieben hätte. Allerdings habe ich diese Antwort mit der Zeit zurückgehalten, da sie nur ein tieferliegendes Problem verdeutlicht hat: Als Studentin aus einem Arbeiterhaushalt brach ich bereits Normen, indem ich eine Doktorarbeit in MINT anstrebte. Indem ich dies herunterspielte, trug ich dazu bei, die Vorstellung zu verstärken, dass Frauen wie ich Ausnahmen sind. Wenn wir mehr Frauen im MINT-Bereich haben wollen, müssen wir aufhören, ihre Präsenz als außergewöhnlich zu betrachten und anfangen, sie als Norm zu sehen.“

Die IT-Branche wurde lange als Männerdomäne wahrgenommen – das zeigte sich in Vorurteilen, fehlenden weiblichen Vorbildern und geschlossenen Netzwerken. Ich habe mich nicht davon beirren lassen, sondern meinen eigenen Weg gefunden: mit Fachkompetenz, Beharrlichkeit, dem Aufbau eines starken Netzwerks sowie mit dem Mut, auch unkonventionelle Wege zu gehen.

Verica Ilievska, Director Channel DACH bei Bitdefender

Auch für Cornelia Burko, Senior Management IT Consultant bei Convista, war das Studium mit vielen Hürden verbunden: „Die größte Herausforderung für mich als Frau in der IT war rückblickend, mich für das Informatikstudium zu entscheiden und mich zu trauen, nicht – wie damals viele aus meinem Abiturjahrgang – zum Beispiel in Richtung Lehramt oder BWL zu gehen. Ich habe mich nicht von der Tatsache abschrecken zu lassen, dass ich im Hörsaal zur Minderheit 'Frau' gehörte. Bei mir 2001 gab es zu Beginn nicht mehr als zehn Frauen im Studiengang Informatik. Manchmal – aber selten – hatte ich seitdem das Gefühl, mich zunächst ein wenig beweisen zu müssen. Je offener ich war, umso schneller wurden vermeintliche Vorbehalte abgebaut – falls es überhaupt Vorbehalte gegen mich als Frau waren. Denn letztendlich zählt im Berufsleben Leistung, die auch ich von meinen Kolleginnen und Kollegen erwarte. Und ja, es gab Sprüche von Männern, bei denen ich mir auf die Zunge beißen musste – aber aus meiner Sicht waren diese nie bösartig, eher flapsig und unreflektiert. Auf der anderen Seite habe ich immer Unterstützung von allen Seiten erfahren, wenn ich sie brauchte.“

Vorteile von diversen und weiblicheren Teams

Unternehmen sollten darauf hinarbeiten, ihre Führungsteams sowie IT- und Cybersicherheitsabteilungen ethnisch und geschlechterspezifisch breit aufzustellen. Denn ansonsten könnte ihnen eine Menge Potenzial entgehen. „Ein Mangel an Diversität ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem – er stellt ein direktes wirtschaftliches Risiko dar, das Innovationen einschränken, die Entscheidungsfindung schwächen und die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens verringern kann“, sagt Johnson. „Unternehmen, die keine vielfältigen Teams aufbauen, haben Schwierigkeiten, das gesamte Spektrum der Kundenbedürfnisse zu verstehen, was zu verpassten Marktchancen und verlorenen Umsätzen führt. Homogene Teams sind außerdem anfälliger für Gruppendenken und blinde Flecken, was die Wahrscheinlichkeit schlechter Entscheidungen und kostspieliger Fehltritte erhöht.“

Vielfältige Teams sind nicht nur leistungsfähiger – sie denken auch besser. Eine Mischung aus Hintergründen, Perspektiven und Erfahrungen stellt den Denkprozess in der Gruppe auf natürliche Weise infrage, was zu klügeren Problemlösungen, kreativeren Ideen und letztlich besseren Entscheidungen führt.

Dr. Andrea C. Johnson, CIO bei Pipedrive

Somit zahlt Diversität auch auf die Effektivität bei der Bekämpfung von Cyberbedrohungen ein: Denn weil die Auswirkungen von Cyberangriffen verschiedene Gruppen betreffen, sollten auch bei ihrer Prävention diverse Teams beteiligt sein, da so neue Perspektiven und Denkanstöße entstehen, die auf unterschiedlichen Erfahrungswerten beruhen. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) untersuchte 2017 den Einfluss der Geschlechterzusammensetzung in Gruppen auf die von ihre getroffenen Entscheidungen. Eine wichtige Erkenntnis der Untersuchung: Sobald ein Geschlecht überrepräsentiert ist, mache sich geschlechtertypisches Verhalten bemerkbar. Konkret konnte das IfW das Vorurteil bestätigen, dass Männer risikobereiter und Frauen risikoscheuer sind. Es zeigte sich, dass je höher der Anteil männlicher Gruppenmitglieder, desto riskanter die gemeinsame getroffene Entscheidung. Je mehr Frauen in einer Gruppe waren, desto geringer war die Risikobereitschaft. Waren beide Geschlechter mit gleicher Anzahl an Personen vertreten, seien die getroffenen Entscheidungen ausgewogener und damit laut IfW besser gewesen.

Den Erfolg diverser Teams bestätigten verschiedene Unternehmen und Organisationen auch in anderen Studien: So erzielten Unternehmen mit einer diversen und vielfältigen Führungsebene der Boston Consulting Group zufolge um 19 Prozent höhere Umsätze durch Innovation.

Diversität braucht Vorbilder

Was braucht es, damit mehr Frauen und damit mehr Diversität in deutsche Firmen einziehen? Einer Bitkom-Umfrage zufolge, an der mehr als 500 IT-Unternehmen repräsentativ befragt wurden, wünschen sich deutsche Unternehmen mehr Frauen und Mädchen als Mitarbeitende. So sehen 90 Prozent der IT-Unternehmen in der Erhöhung ihres Frauenanteils eine Chance. 57 Prozent sprechen beim Recruiting speziell Frauen und Mädchen an. Weitere 34 Prozent planen den Einsatz von auf Frauen abgestimmter Recruiting-Maßnahmen. Am beliebtesten sind dafür Kooperationen mit Hochschulen und Schulen. Bereits 30 Prozent der Unternehmen arbeiten mit solchen Organisationen zusammen, um gezielt Frauen zu werben.

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„Schon Mädchen müssen früh für Technik begeistert werden. Unternehmen müssen Diversität aktiv fördern, Vorurteile abbauen und Frauen gezielt in Führungspositionen bringen – eine Maßnahme, die für alle Branchen gilt“, sagt Verica Ilievska, Director Channel DACH bei Bitdefender. „Dabei geht es nicht um Quoten, sondern um echte Chancengerechtigkeit. Eine vielfältige Arbeitswelt stärkt uns alle. Ebenso ist eine verlässliche Unterstützung für Familien, insbesondere eine qualitative Betreuung von Kindern, entscheidend, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern.“ Ihrer Meinung nach sind IT-Netzwerke und Mentor-Programme entscheidend. Denn: „Ein gutes Netzwerk öffnet Türen. Förderung und Begleitung geben Orientierung. Es reicht nicht, darauf zu hoffen, bemerkt zu werden. Man muss mutig neue Wege gehen und aktiv Chancen ergreifen. Diese Haltung hat mir gezeigt, dass Engagement und Eigeninitiative der Schlüssel zum Aufstieg sind.“

Auch Burko sieht die Rolle von Vorbildern als relevant an. Es sei essenziell, weibliche Vorbilder sichtbar zu machen. „Nicht, weil sie Frauen sind, sondern weil sie durch ihre Kompetenz und Führung die Dynamik im Unternehmen bereichern. Keine Frau will zur Führungskraft werden, nur weil sie eine Frau ist. Aber ein reiner Führungsbereich aus Männern lässt Frauen zweifeln, im richtigen Unternehmen zu sein. Ich bin gegen eine Frauenquote, aber plädiere dafür, dass Unternehmen sich selbständig dem Thema widmen. Sie sollten die Gründe aktiv hinterfragen und sich nicht mit dem Status quo zufriedengeben.“

Kathrin Redlich, AVP EMEA Central bei Rubrik, ergänzt: „Ich glaube zudem an das Prinzip 'Leading by Example': Es reicht nicht, nur darüber zu sprechen – wir müssen aktiv zeigen, dass Frauen in Führungsrollen gehören. Deshalb ist es mir wichtig, nicht nur innerhalb von Rubrik, sondern auch außerhalb eine Stimme für mehr Diversität in der IT- und Techbranche zu sein. Ich selbst habe lange gezögert, mich in Netzwerken oder Panels zu engagieren, weil ich nicht das Gefühl hatte, in eine 'Sonderrolle' gedrängt werden zu wollen. Doch inzwischen sehe ich es als meine Aufgabe, meine Erfahrungen zu teilen und andere Frauen zu ermutigen, sich Führungspositionen zuzutrauen.“

Dr. Julia Freudenberg spricht bei dem Thema aus Erfahrung. Sie ist CEO der Hacker School, die Kindern und Jugendlichen das Programmieren näher bringen will: „Noch immer bestehen stereotype Rollenbilder, die dazu führen, dass Mädchen seltener Informatik als Karriereweg in Betracht ziehen. Oft fehlt es an weiblichen Vorbildern, die zeigen, dass eine erfolgreiche Laufbahn in der IT unabhängig vom Geschlecht möglich ist. Dabei sind diverse Teams nachweislich kreativer und leistungsfähiger. Wenn Frauen in der Entwicklung digitaler Produkte und Lösungen mitwirken, werden auch gesellschaftlich relevante Perspektiven und Bedürfnisse besser berücksichtigt. Chancengleichheit in der digitalen Bildung ist daher nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein wirtschaftlicher und technologischer Vorteil. Die IT-Branche ist ein zentraler Treiber der Arbeitswelt von morgen, und es ist essenziell, dass Mädchen von Anfang an mit den gleichen Möglichkeiten gefördert werden. Wenn sie bereits in jungen Jahren lernen, digitale Technologien nicht nur zu konsumieren, sondern aktiv zu gestalten, steigen ihre Chancen auf eine erfolgreiche berufliche Zukunft. Dafür braucht es gezielte Bildungsangebote, Mentoring-Programme und eine Bewusstseinsänderung in Gesellschaft und Wirtschaft. Genau dafür sorgen wir mit der Hacker School. Nur wenn Mädchen früh die Möglichkeit bekommen, ihr Potenzial in der digitalen Welt zu entfalten, kann eine echte Gleichstellung in der IT-Branche erreicht werden. Wir setzen uns dafür ein, dass sie diese Chance erhalten und die digitale Zukunft mitgestalten können.“

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