Der Boom zur Automatisierung macht auch vor der Telekommunikationsbranche nicht Halt. Der richtige Einsatz von KI hilft, von der Entwicklung zu profitieren.
Daniel Meyer, CTO von Camunda, sieht in Prozessorchestrierung den Schlüssel, um KI-gestützte Automatisierung sicher zu skalieren.
(Bild: Camunda)
Der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) erfasst zunehmend auch die Telekommunikationsbranche. KI-gestützte Prozesse versprechen Effizienz und neue Services, können die Komplexität aber in die Höhe treiben. Ohne klare Steuerung droht Kontrollverlust.
Laut dem „2025 State of Process Orchestration & Automation Report“ [registrierungspflichtig] nutzen bereits 54 Prozent der Telekommunikationsunternehmen KI in Prozessen, 88 Prozent planen in den nächsten drei Jahren weitere Funktionen. Gleichzeitig fürchten 80 Prozent steigende Compliance-Risiken durch unzureichend gesteuerte Automatisierung. Das zeigt: Es geht nicht mehr darum, ob KI eingesetzt wird, sondern wie.
Wachsende Komplexität in Telekommunikationsprozessen
Telekommunikationsanbieter stehen vor einer Herausforderung. Auf der einen Seite nimmt die Menge an Daten kontinuierlich zu und die wachsenden Anforderungen an Netzwerke erfordern optimierte Prozesse. Gleichzeitig erwarten Kunden Echtzeit-Updates und nahtlose Dienstleistungen. 83 Prozent der Anbieter berichten von dadurch gestiegener Prozesskomplexität.
Unternehmen managen durchschnittlich 45 verschiedene Arten von Endpunkten – von ERP-Systemen über RPA-Tools bis zu KI/ML-Lösungen und APIs. Diese Zahl steigt exponentiell und erschwert es, Prozesse zu straffen und gleichzeitig die notwendige Transparenz zu gewährleisten. Besonders problematisch erweisen sich Altsysteme. 91 Prozent der Anbieter geben an, dass veraltete Systeme und mangelnde IT-Agilität sie bei der Umsetzung neuer automatisierter Geschäftsprozesse behindern. Weitere 87 Prozent sehen große monolithische Unternehmensanwendungen wie ERP-Systeme als Auslaufmodell. Diese gewachsenen, tief integrierten Systeme lassen sich jedoch nur schwer modernisieren und bremsen Innovationen aus.
90 Prozent der Befragten bestätigen, dass Vorschriften die Prozesskomplexität erhöht haben. Effektives Risikomanagement wird immer wichtiger, um hohe Bußgelder und Reputationsschäden zu vermeiden.
Die Gesamtlage führt dazu, dass 81 Prozent der Telekommunikationsanbieter ein "Automation Armageddon" befürchten, wenn Risiken unbeachtet bleiben. Kritisch wird die mangelnde Transparenz beim KI-Einsatz, wo 86 Prozent der Anbieter berichten, dass es dadurch zu Compliance-Problemen kommen kann.
Ein weiteres Hemmnis liegt in der mangelnden Abstimmung zwischen IT- und Geschäftsbereichen. 77 Prozent der Anbieter kämpfen mit zu langen Gestaltungs- und Abstimmungsprozessen. 82 Prozent geben an, dass Kommunikationsprobleme zwischen den Teams zu fehlerhaften Entwicklungen führen. Das Endergebnis sind verzögerte Markteinführungen, unzufriedene Kunden und frustrierte Mitarbeitende.
Prozessorchestrierung als digitaler Dirigent
Wie können Unternehmen diesen entgegentreten? Ein möglicher Ansatz ist Prozessorchestrierung, die Menschen, Systeme – inklusive KI-Systeme – und Geräte als Endpunkte zusammenbringt. Wie ein digitaler Dirigent koordiniert, überwacht und optimiert Prozessorchestrierung sämtliche Aufgaben eines komplexen, mehrstufigen Geschäftsprozesses. Jeder Endpunkt kennt seinen Einsatz und spielt harmonisch im Prozess mit.
Die Vorteile lassen sich messen:
Verbesserter Kundenservice und Kundenerlebnis (55 Prozent)
Erhöhte Prozessstandardisierung und Effizienz (44 Prozent)
Schnellere Entscheidungsfindung (42 Prozent)
Bessere Prozessintegration und -wiederverwendung (42 Prozent)
Höhere Mitarbeiterzufriedenheit (41 Prozent)
Immer mehr Unternehmen erkennen die strategische Bedeutung einer effektiven Prozessorchestrierung, denn ohne derartige Lösungen können weder Hyperautomatisierung (87 Prozent der Anbieter) noch das autonome Unternehmen (81 Prozent) erreicht werden.
Erstaunlich dabei: Obwohl bereits 91 Prozent der TK-Anbieter Prozessorchestrierung praktizieren, variiert der Reifegrad stark – nur 7 Prozent haben sie unternehmensweit implementiert. Hier liegt enormes Potenzial für weitere Verbesserungen.
Agentenbasierte Orchestrierung skaliert KI sicher und effektiv
KI transformiert die Telekommunikationsbranche durch Netzwerkoptimierung, prädiktive Wartung und Kundenservice-Automatisierung. Die Skalierung von KI-Technologien bringt jedoch neue Komplexität und Compliance-Risiken mit sich. Häufig wird KI als isoliertes System hinzugefügt, anstatt sie systematisch in die bestehende Prozesslandschaft zu integrieren. Viele Telekommunikationsunternehmen stehen beispielsweise vor der Herausforderung, KI aus einem erfolgreichen Pilotprojekt in den operativen Betrieb zu bringen. Das führt dazu, dass 89 Prozent der Anbieter beschreiben, vor großen Herausforderungen bei der Skalierung und Operationalisierung von KI zu stehen.
Stand: 08.12.2025
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An dieser Stelle kommt agentenbasierte Orchestrierung ins Spiel. Die Technologie überwindet die Beschränkung von traditionellen Prozessdesigns, indem sie deterministische (regelbasierte) und dynamische (KI-gesteuerte) Orchestrierung miteinander verbindet und damit die Grundlage für autonome Orchestrierung mit Guardrails schafft.
Beispiel von der Deutschen Telekom
Vor der Einführung einer zentralen Orchestrierungsschicht entstanden zahlreiche individuelle Workarounds und Insellösungen, die später durch RPA-Bots ergänzt wurden. Die eingesetzten Bots erzeugten eine Landschaft mit vielen Verflechtungen und geringer Transparenz, die in der Branche oft als „Spaghetti-Bot-Automatisierung“ beschrieben wird. Die Wartung dieser Infrastruktur erweist sich als sehr aufwändig. Erst durch die Einführung einer Lösung für Prozessorchestrierung konnten diese Strukturen entwirrt und nachhaltig modernisiert werden.
Durch die klare Trennung von Prozess- und Bot-Ebene koordiniert nun eine zentrale Orchestrierung Schicht alle Aktivitäten. Backend-APIs ersetzen Frontend-Bots und KI-Endpunkte werden nahtlos integriert. Das Ergebnis: Modularisierung, Prozessoptimierung und maximale Backend-Integration steigern Flexibilität und Skalierbarkeit, während technische Schulden reduziert werden.
Das System ist nun bereit dazu, weitere dazu weitere digitale Endpunkte, einschließlich KI-Agenten in Zukunft effektiv einzusetzen.
Konkrete Handlungsempfehlungen für Telekommunikationsanbieter
Um die digitale Transformation erfolgreich zu meistern und unkontrollierte Automatisierung zu vermeiden, sollten Anbieter folgende Schritte umsetzen:
1. Prozessorchestrierung muss als Baustein für End-to-End-Automatisierung und KI-Operationalisierung etabliert werden. Das erfordert eine strategische Entscheidung auf Führungsebene und die entsprechende Ressourcenallokation.
2. Der Abschied von monolithischen Altsystemen ist unumgänglich. 96 Prozent der Anbieter betonen die Bedeutung modularer Architekturen für die flexible Integration von Best-of-Breed-Lösungen. Das ermöglicht die Nutzung bestehender Investitionen und die nahtlose Integration zukünftiger Systeme.
3. Durch die Einführung offener Standards wie BPMN (Business Process Model and Notation) und DMN (Decision Model and Notation) können IT- und Geschäftsteams dieselbe Sprache sprechen und Prozesse gemeinsam visuell entwerfen und simulieren.
4. KI-Anwendungen sollten wie jeder andere Endpunkt in Prozessen behandelt werden. Die Nutzung agentenbasierter Orchestrierung hilft dabei, KI sicher, transparent und konform zu skalieren, Vertrauen aufzubauen und die Kontrolle über deren Aktionen zu behalten.
Der Automatisierungs-Boom in der Telekommunikationsbranche bietet enorme Chancen, birgt aber auch erhebliche Risiken. Ohne eine strategische und ganzheitliche Herangehensweise, die auf robuster Prozessorchestrierung und innovativer agentenbasierter Orchestrierung basiert, droht schwer zu beherrschendes digitales Chaos.
Telekommunikationsanbieter, die aktiv handeln, ihre Prozesse intelligent orchestrieren und die Zusammenarbeit zwischen Business und IT stärken, können Komplexität zähmen, Compliance sicherstellen und einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil erzielen. Wer heute modulare Architekturen, offene Standards und agentenbasierte Orchestrierung einführt, gewinnt nicht nur Kontrolle, sondern auch Geschwindigkeit, Resilienz und nicht zuletzt das Vertrauen seiner Kunden.
Über den Autor
Daniel Meyer ist Chief Technology Officer (CTO) bei Camunda und verantwortet die strategische Weiterentwicklung der Plattform für Prozessautomatisierung und Orchestrierung. Seit den Anfängen des Unternehmens prägt er als Softwarearchitekt und Technologe die Produktvision mit. Sein Fokus liegt darauf, komplexe Unternehmensprozesse durch offene Standards, modulare Architekturen und den gezielten Einsatz von KI effizient und transparent zu gestalten.