Staatlich unterstützte Cyberangriffe Palo Alto warnt vor Angriffswelle aus dem Iran

Von Melanie Staudacher 4 min Lesedauer

Der eskalierte Konflikt zwischen Israel und Iran findet auch im Internet statt. Spionage, Datendiebstahl, Störung von Online-Diensten und kritischen In­fra­strukturen sind die Folgen. Doch nicht nur für die aktiv beteiligten Staa­ten – auch Deutschland könnte ins Visier von politisch motivierten Hacker­grup­pen geraten.

Immer häufiger werden geopolitische Konflikte auch im Cyberspace ausgetragen. Und dies hat auch Auswirkungen auf Länder, die nicht direkt involviert sind.(Bild:  Pablo Lagarto - stock.adobe.com)
Immer häufiger werden geopolitische Konflikte auch im Cyberspace ausgetragen. Und dies hat auch Auswirkungen auf Länder, die nicht direkt involviert sind.
(Bild: Pablo Lagarto - stock.adobe.com)

Geopolitische Entwicklungen haben auch Auswirkungen auf die digitale Welt. Russland versus Ukraine, Amerika versus China und nun Iran gegen Israel: Bei internationalen Konflikten wer­den Cyberangriffe mehr und mehr zur Waffe. Gerade die jüngste Auseinandersetzung des Iran mit Israel und den USA könnte Cyberattacken auf kritische Infrastrukturen nach sich ziehen. Wie das Forschungsteam Unit 42 von Palo Alto Networks berichtet, habe es bisher zwar keinen dramatischen Anstieg iranisch gesteuerter Cyberangriffe beobachten können, doch die Eska­la­tionen könnten bald zu einer Zunahme der Aktivitäten staatlich geförderter Gruppen führen. Vor allem warnen die Analysten vor einer Hackergruppe: Serpens.

Iranische Bedrohungsgruppen

Unit 42 zufolge setze der Iran staatlich geförderte Gruppen häufig ein, um politische Bot­schaf­ten zu verbreiten und zu verstärken. Die Cyberangriffe würden Lieferketten, kritische Infra­struk­turen und Unternehmen ins Visier nehmen. Bei der Mehrheit der gemeldeten Attacken, die iranischen Bedrohungsgruppen zuzuordnen gewesen seien, habe es sich um Denial-of-Service-Angriffe (DoS) gehandelt. Daneben seien Zielen der Akteure gewesen, Daten zu stehlen und die Betriebstechnologie gezielt anzugreifen.

Folgende iranische Bedrohungsgruppen hat Unit 42 bisher identifiziert:

Bedrohungsgruppe Alias Beschreibung Erster Zugriff
Agent Serpens APT42, APT35, Charming Kitten Spionage- und Überwachungsgruppe mit Fokus auf Israel und die USA. Ziel sind Dissidenten, Aktivisten, Journalisten und weitere regierungskritische Gruppen. Spear-Phishing, gefälschte Anmeldeseiten, Watering-Hole-Angriffe
Agonizing Serpens Pink Sandstorm Führt Spionage, Ransomware und destruktive Malware-Angriffe aus – hauptsächlich gegen Israel und andere Ziele im Nahen Osten. Passwortangriffe, Ausnutzung bekannter Schwachstellen, Einsatz von Webshells
Boggy Serpens MuddyWater Cyberspionagegruppe, die gestohlene Daten an die iranische Regierung und andere Akteure weiterleitet. Spear-Phishing, Ausnutzung bekannter Schwachstellen
Curious Serpens Peach Sandstorm Seit 2013 aktive Spionagegruppe, die Luft- und Raumfahrt, Verteidigung und Energiebranchen in USA, Nahost und Europa ins Visier nimmt. Nutzt Cloud-Infrastruktur für C2. Passwort-Spray-Angriffe, Social Engineering, maßgeschneiderte Malware, Tools wie AzureHound und Roadtools
Devious Serpens Imperial Kitten Spionagekampagnen gegen IT-Anbieter im Nahen Osten über Lieferkettenangriffe. Social Engineering über soziale Medien, Spear-Phishing, Watering-Hole-Angriffe, Webshells
Evasive Serpens APT34 Produktive Spionagegruppe mit Fokus auf breit angelegte Angriffe zur Förderung nationaler Interessen. Spear-Phishing, Credential Harvesting, DNS-Hijacking
Industrial Serpens Chrono Kitten Proxy-Gruppe, bekannt für disruptive Angriffe wie Ransomware, Wiper-Malware und Hack-and-Leak-Kampagnen im staatlichen Auftrag. Social Engineering (Android-Spyware), Passwortangriffe, Ausnutzung bekannter Schwachstellen

Die Analysten warnen explizit davor, dass Serpens seine Aktivitäten in den kommenden Wochen verstärken könnte. Bereits Mitte Mai berichtete Palo Alto von einer Spionagekampagne, bei der Serpens die deutsche Modelagentur „Mega Model Agency“ imitiert habe. Ihr Ziel sei es gewesen, sensible Nutzerdaten zu sammeln und damit gezielte Social-Engineering-Angriffe auszuüben, insbesondere gegen iranische Regimekritiker.

Israelische Cyberkriminalität

Doch auch aus Israel heraus operieren Hackergruppen, die möglicherweise staatlich unterstützt sind, in jedem Fall aber pro-israelisch handeln. So hat sich die Hackergruppe „Predatory Spar­row“ seit 2020 mit wiederholten Cyberangriffen gegen die iranische Infrastruktur einen Namen gemacht. Zuletzt legten die Cyberkriminellen Tankstellen in Iran lahm und attackierten Banken und Krypto-Plattformen. Bekannt wurde in diesem Zusammenhang auch die Malware „Stuxnet“, die seit 2009 von Israel im Cyberkrieg gegen den Iran eingesetzt wird.

Warnung des US-Heimatschutzministeriums

Nachdem die USA sich in den Konflikt eingemischt haben und Israel unterstützen, warnte nun das US-Heimatschutzministerium vor Cyberangriffen auf US-Netzwerke durch pro-ira­nische Hacktivisten. Deren Ziel sei es, US-Infrastrukturen zu stören. Die Cybersecurity and Infrastructure Security Agency (CISA) des US-Heimatschutzministeriums stellt Unternehmen Best Practices bereit, um ihre Netzwerke abzusichern.

Bedrohung für Deutschland

Deutschland ist zwar kein primäres Ziel im Cyberkonflikt zwischen Iran und Israel be­ziehungs­weise den USA, könnte aber aufgrund seiner engen transatlantischen Beziehungen und NATO-Mitgliedschaft ein potenzielles sekundäres Ziel für Vergeltungsangriffe sein. Besonders ge­fähr­det sind Unternehmen mit US- oder israelischen Partnerschaften, Betreiber kritischer Infra­struk­turen sowie Regierungsinstitutionen.

Zudem nutzen iranische Gruppen wie Serpens häufig indirekte Angriffswege, etwa durch die Kompromittierung von Lieferketten oder über Social-Engineering-Kampagnen. Auch Hack­ti­vis­mus in Form von DDoS-Angriffen oder Web-Defacement kann eine politische Symbol­kraft entfalten und trifft in Europa zunehmend auch deutsche Behörden und Medien.

Schutz vor staatlich geförderten Cyberangriffen

Angesichts der vielen Bedrohungsakteure und ihren vielfältigen Taktiken empfiehlt Palo Alto eine mehrschichtige Verteidigung. Denn kein einzelnes Tool sei in der Lage, einen vollständigen Schutz vor diesen anpassungsfähigen Bedrohungen zu bieten.

Zu den taktischen Empfehlungen gehören:

  • Achten Sie auf Bedrohungssignale, insbesondere im Zusammenhang mit internetfähigen Ressourcen wie Websites, VPN-Gateways und Cloud-Ressourcen.
  • Stellen Sie sicher, dass die internetfähige Infrastruktur mit Sicherheitspatches und anderen bewährten Verfahren zur Absicherung auf dem neuesten Stand ist.
  • Schulen Sie Ihre Mitarbeiter zu Phishing- und Social-Engineering-Taktiken.

Zu den strategischen Empfehlungen gehören:

  • Erstellen und aktualisieren Sie Geschäftskontinuitätspläne für alle Mitarbeiter und Anlagen, die durch digitale oder physische Angriffe beeinträchtigt werden könnten.
  • Bereiten Sie Reaktionspläne vor, um wie Behauptungen über Sicherheitsverletzungen oder Datenlecks, schnell zu überprüfen und darauf reagieren zu können. Denn Bedrohungs­akteure könnten Behauptungen – auch wenn sie falsch sind – nutzen, um ihre Opfer bloßzustellen, zu schikanieren oder politische Narrative zu verbreiten.

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