Die Cybersicherheitslage im All spitzt sich zu. Seit dem Angriff auf die Ukraine geraten auch Satelliten und Weltraumsysteme stärker ins Visier. BSI-Expertin Johanna Niecknig warnt vor mangelndem Sicherheitsdesign. Der EU Space Act soll nun einheitliche Standards schaffen.
Europa reagiert auf die wachsenden Cyberbedrohungen im All mit neuen Sicherheitsstandards, milliardenschweren Investitionen und dem EU Space Act, um Satelliten, Kommunikationssysteme und Raumfahrtinfrastruktur besser zu schützen und strategisch unabhängiger zu werden.
(Bild: Generative AI-stock.adobe.com)
Die Gefährdungslage hat sich seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine verschärft – digital wie auch analog. Auch die Raumfahrt ist davon betroffen. „Weltraumsysteme sind aufgrund hoher Abhängigkeit von Weltraumdaten und -diensten – teilweise auch in kritischen Infrastrukturen – ein attraktives Ziel. Cyberangriffe bieten das ideale Einfallstor. Sie haben einen überschaubaren Aufwand und große Wirkung beziehungsweise sind oft für Angreifer die einzige Möglichkeit, Angriffe zu tätigen. Das betrifft sowohl militärische als auch zivile Systeme. Auch im militärischen Kontext können zivile Systeme ins Visier geraten und diese sind meist unzulänglich abgesichert“, beschreibt Johanna Niecknig, Vorsitzende der Expertengruppe Cybersicherheit im Weltraum des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik, die aktuelle Bedrohungslage.
Niecknig zufolge sind dies die drei derzeit größten Baustellen in Sachen Cybersicherheit im Orbit:
Fehlendes Bewusstsein bei Herstellern und Betreibern, ihre Systeme sicher zu designen, und infolge dessen: Mangel an sicher designten Systemen und Komponenten
Jamming-Angriffe und Interferenzen, physische Angriffe auf Weltraumsysteme
Fehlende einheitliche europäische Regulierung mit konkreten Vorgaben.
Mit dem geplanten EU Space Act sei der erste Schritt getan, so Niecknig. Als nächstes müsse Europa gemeinsam verbindliche Sicherheitsanforderungen und Maßnahmen entwickeln.
Aktuelle Bedrohungslage
Gerade die Absicherung von Satellitenkommunikationssystemen (SatCom Security) ist dahingehend hochaktuell. SatCom-Systeme ermöglichen weltweite Internetverbindungen, militärische Lagebilder, Schiffsfahrtnavigation oder auch IoT-Anwendungen. Damit werden die Systeme zu einem interessanten Ziel für Cyberkriminelle. Der Angriff auf den europäischen Satelliten des Unternehmens Viasat im Februar 2022 hat gezeigt, wie verwundbar die Technologien sind. Unmittelbar mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist das Satellitennetzwerk „KA-SAT“ ausgefallen. Grund dafür war eine kompromittierte Gateway-Station am Boden.
In den Vorfällen aus dem Februar 2022 sieht Niecknig ein Wachrütteln: „Das BSI war sich der Bedrohungslage natürlich auch im Vorfeld bereits bewusst, Ich denke, es war primär ein Wachrütteln derer, die wir mit unseren Empfehlungen ansprechen wollen, die Problematik wurde so präsent in der Öffentlichkeit und bei Entscheidungsträgern und hat uns geholfen, den Raumfahrt Sektor stärker auf die Dringlichkeit des Themas Sicherheit aufmerksam zu machen.“ Doch welche Maßnahmen ergreifen die Regierung wie auch die Industrie derzeit, um die Sicherheit und Unabhägigkeit im Weltraum zu fördern?
Verteidigung im All und Absicherung von Satellitenkommunikation
Auch politisch hat diese Bedrohungslage Konsequenzen nach sich gezogen. Jüngst hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius angekündigt, die Bundesregierung wolle für Weltraumprojekte und eine Sicherheitsarchitektur im All in den nächsten fünf Jahren 35 Milliarden Euro bereitstellen. Als Ziel des Programms nannte er eine belastbare Struktur aus Satellitenkonstellationen, Bodenstationen, gesicherten Startfähigkeiten ins All und den nötigen Services. „Wir härten unsere Systeme gegen Störungen und Angriffe. Das schließt ganz ausdrücklich die Cybersicherheit für alle Weltraumsysteme ein“, sagte Pistorius, wie die Deutsche Presse-Agentur (DPA) zitiert. Der Minister sprach sich auch dafür aus, dass über Offensivfähigkeiten gesprochen werden müsse. Der Begriff beschreibt Systeme, um im Weltall notfalls auch militärisch wirksam zu sein oder angreifen zu können. „Auch im Weltraum müssen wir abschrecken können, um verteidigungsfähig zu sein“, sagte Pistorius.
Als Cybersicherheitsbehörde ist das BSI für die IT-Sicherheit zuständig und somit auch für die Sicherheit von Satelliten. Dafür unterhält das BSI Niecknig zufolge einen Expertenkreis für Cybersicherheit im Weltraum, in dem unterschiedliche Aspekte des Themas in diversen Projektgruppen gemeinsam mit Vertretern aus Staat, Wirtschaft und Forschung bearbeitet werden. Im Rahmen dieses Expertenkreises seien bereits Richtlinien und Empfehlungen entwickelt worden, die Cybersicherheitsmaßnahmen enthalten und anhand derer nach einem risikoorientierten Ansatz sicherheitskritische Komponenten abgesichert werden sollen. Zusätzlich seien Prüfvorschriften entwickelt worden, die potenziell für Zertifizierungen genutzt werden können.
Stand: 08.12.2025
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Das BSI im Speziellen nehme verschiedene Rollen ein. Zum Beispiel ist das BSI bei der Verarbeitung von Verschlusssachen die zuständige Behörde für Zulassungen. Es begleitet die Entwicklung solcher Systeme evaluierend, in der Regel bei militärischen Projekten, aber auch bei europäischen Vorhaben wie etwa dem Satellitennavigationssystem Galileo. Als Teil der deutschen PRS-Behörde (Public Regulated Service) ist das BSI für das Schlüssel- und Sicherheitsmanagement des PRS-Dienstes verantwortlich und wirkt auch in sicherheitsrelevanten Gremien mit, unter anderem für IRIS2 und GOVSATCOM . Damit ist das BSI aktiv am Security-Design beteiligt und in Entscheidungsprozesse eingebunden. Der Public Regulated Service ist ein verschlüsselter, besonders sicherer Galileo-Dienst, der für staatliche Stellen und Sicherheitsbehörden vorgesehen ist, wie die Polizei, die Bundeswehr oder den Katastrophenschutz.
„Unser Ziel ist es, die identifizierten Maßnahmen europaweit zu harmonisieren und Raumfahrtunternehmen einheitlich anwendbare Anforderungen an die Hand geben zu können. Tenor bei all unseren Standardisierungs- und Zertifizierungsaktivitäten ist, auf Bestehendes zurückzugreifen und zu vereinheitlichen“, sagt Niecknig. „Die nächste Zeit wird spannend, wie wir hier im Einklang mit dem EU Space Act sowohl national als auch mit unseren europäischen Partnerbehörden vorgehen.“
Was ist der EU Space Act?
Der EU Space Act ist ein Gesetzesvorschlag der European Commission vom 25. Juni 2025, mit dem ein einheitlicher Rechtsrahmen für Raumfahrtaktivitäten in der EU geschaffen werden soll. Das Ziel ist es, neben der Sicherheit, Widerstandsfähigkeit und Nachhaltigkeit des europäischen Raumfahrtsektors auch die europäische Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Derzeit befindet sich der Gesetzesentwurf im legislativen Verfahren, das heißt, dass das Europäische Parlament sowie der Rat der EU-Mitgliedstaaten ihn prüfen. Noch bis zum 7. November 2025 kann Feedback zu dem Vorschlag abgegeben werden. Ab dem 1. Januar 2030 soll der Entwurf dann gelten.
Bemühungen der Industrie
Doch nicht nur das BSI und seine Partner arbeiten daran, die Unabhängigkeit und Sicherheit im Weltall stärken. Wie die DPA jüngst berichtete, planen Airbus, Leonardo und Thales ein Gemeinschaftsunternehmen für Raumfahrt zu gründen. Das Ziel der drei europäischen Konzerne sei es, die Autonomie Europas rund um wichtige Infrastruktur wie Telekommunikation, Navigation, Erdbeobachtung, Wissenschaft und nationale Sicherheit zu stärken. Die neue Gesellschaft solle den Regierungen auch als Partner für neue nationale Raumfahrtprogramme dienen und 2027 an den Start gehen. Europaweit will das neue Unternehmen dann 25.000 Menschen beschäftigen. Airbus-Chef Guillaume Faury, Leonardo-Lenker Roberto Cingolani und Thales-Chef Patrice Caine schrieben in einer gemeinsamen Erklärung: „All dies dient dem Ziel, Europas Autonomie im strategisch wichtigen Raumfahrtsektor mit seinen zahlreichen Anwendungen sicherzustellen.“
Der frühere Chef der Europäischen Weltraumagentur (ESA), Johann-Dietrich Wörner, reagierte verhalten auf die Ankündigung der drei Konzerne: „Zwar habe ich immer gesagt, die sogenannte Newspace, also die Öffnung der Raumfahrt nicht nur für Länder, sondern auch für Unternehmen, sei nicht nur für kleine Startups relevant, aber die großen Player müssen erst noch beweisen, sich kommerziell, flexibel, agil aufzustellen.“
Die aktuell größten und ambitioniertesten Satellitenprogramme sind Starlink und Kuiper. Mit über 6.000 aktiven Satelliten ist Starlink von SpaceX Vorreiter. Amazon mit seinem Kuiper-Projekt plant bis 2030 rund 3.200 Satelliten. Als europäische Antwort auf diese US-Projekte gilt Iris2. Wichtige Fragen aus Sicht der Sicherheit der Satellitensysteme stellen sich hinsichtlich der sicheren Kommunikation, Ausfallsicherheit und der europäischen Kontrolle über die Infrastruktur. „Da das System sich im Aufbau befindet, lässt sich die Frage besser zu einem späteren Zeitpunkt beantworten beziehungsweise jetzt recht allgemein“, kommentiert Niecknig. Ein Teil der Lösung seien Security-by-Design für jede Teilkomponente, Authentifizierung und Integritätssicherung sowie eine möglichst geringe Abhängigkeit von nicht-europäischen Systemen und Lieferanten. Was die Risikoanalysen und Schutzkonzepte von Iris2 angeht, ist das BSI involviert und kommentiert die Vorschläge der European Space Agency (ESA) und der Europäischen Kommission. Niecknig zufolge sind daraus bisher sogenannte General Security Requirements entstanden. „Auf diese Weise können nationale Interessen im Bereich Informationssicherheit – teilweise – berücksichtigt werden. Welche Interessen der Bedarfsträger hat beziehungsweise was das System für die Erbringung gewisser Fähigkeiten leisten muss, wird in anderen Gremien mit den Nutzern diskutiert, an denen das BSI nicht teilnimmt.“
Security-by-Design in Weltraum-Systeme übertragen
Weltraumtaugliche Systeme sind oft über Jahrzehnte hinweg im Einsatz. Wie kann der der Security-by-Design-Gedanke auf sie übertragen werden, wenn Technologie rasend schnell voranschreitet, sich der State-of-the-art ständig ändert und auch Cyberangreifer ihre Methoden verbessern? Niecknig erklärt, es sollten dafür teilweise Sicherheitsmechanismen gewählt werden, die den aktuellen Stand der Technik übersteigen und möglichen Risiken des nächsten Jahrzehnts entgegenstehen. Doch welche sind dies? „Dazu müssen bereits in der Design-Phase der Systeme gewisse Annahmen getroffen werden. Um diese möglichst belastbar zu machen, beobachten und bewerten wir Trends und Zukunftstechnologien. Ein gutes Beispiel ist die Anforderung, Informationen mit Postquantenkrypto zu schützen, da die Ausnutzung eines Quantencomputers in der 2030ern denkbar ist.“
Bestrebungen, weitere Standards zu setzen gebe es. Vor allem im Rahmen internationaler Kooperation. „Neben bilateralen Gesprächen und der Kooperationen mit ESA und Partnerbehörden planen wir zum Beispiel die Teilnahme am EU Space ISAC (European Space Information Sharing and Analysis Centre), von EUSPA initiiert, und sind bereits Mitglied des US Space ISAC (United States Space Information Sharing and Analysis Center). Im Expertenkreis haben wir ferner eine Projektgruppe 'Internationales und Standardisierung', in der unter anderem nationale Positionen und Erkenntnisse als Beitrag für internationale Standardisierungsgremien, wie ECSS (European Cooperation for Space Standardization) und IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers), abgestimmt werden“, ergänzt Niecknig.
Doch die Umsetzung dieser Bestrebungen kann dauern. Was laut Niecknig jedoch schon jetzt getan werden kann, ist Anreize zu setzen. „Hilfestellungen haben wir bereits in Form von Profilen mit Mindestanforderungen, Technischen Richtlinien, New Space Studie mit effizient umzusetzenden Maßnahmen insbesondere für Neulinge auf dem Gebiet der Informationssicherheit, Workshops, Vorträgen und so weiter gegeben. Es sind auch weitere Sensibilisierungsmaßnahmen geplant, um auch kleine Unternehmen und Forschungseinrichtungen abzuholen“, sagt Niecknig. „Letztendlich braucht es aber neben gutem Willen auf freiwilliger Basis verbindlich umzusetzende Mindestmaßnahmen. Das bringt uns wieder zum Space Act und NIS 2, wir müssen schauen, welche Vorgaben diese mit sich bringen werden und wie wir zu einer sinnvollen Regulierung beitragen können ohne bürokratischen Overload und mit einem ausgewogenen Kosten-Nutzen-Verhältnis.“