Cybersicherheit in der Industrie Digitale Aufrüstung als Überlebens­strategie der Industrie

Ein Gastbeitrag von Priit Kongo 4 min Lesedauer

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Industrieanlagen sind immer stärker vernetzt und damit angreifbarer als je zuvor. Cyberkriminelle nutzen diese Entwicklung für Attacken. Doch Unternehmen können sich wappnen: Wer jetzt in digitale Resilienz investiert, schützt die Produktion und die ganze Lieferketten.

Industrielle Steuerungssysteme sind ein bevorzugtes Ziel für Cyberangriffe. Die Risiken für Unternehmen wachsen zunehmend.(Bild: ©  Gorodenkoff - stock.adobe.com)
Industrielle Steuerungssysteme sind ein bevorzugtes Ziel für Cyberangriffe. Die Risiken für Unternehmen wachsen zunehmend.
(Bild: © Gorodenkoff - stock.adobe.com)

Ein Klick im falschen Moment – und die Maschinen verstummen. Produktionsstraßen stehen still, Liefertermine platzen, die Kosten laufen aus dem Ruder. Cyberangriffe auf industrielle Steuerungssysteme sind längst kein Ausnahmefall mehr. Ob Ransomware, infiltrierte Updates oder manipulierte Protokolle: Die Angreifer haben ihre Methoden perfektioniert.

Was diese Entwicklung so gefährlich macht: Während klassische IT-Systeme oft abgesichert sind, bleiben OT-Systeme in Fabrikhallen eine offene Flanke. Alte Technik trifft auf neue Vernetzung und ist ein ideales Ziel für Angreifer.

Wie real die Bedrohung inzwischen ist, zeigen prominente Fälle: Im April 2025 wurde in Bremanger, Norwegen, ein Staudamm digital kompromittiert. Angreifer öffneten die Schleusen und ließen über vier Stunden lang unkontrolliert Wasser abfließen, bevor der Vorfall entdeckt wurde. Im September 2025 traf es die Luftfahrtbranche: Ein Angriff auf die Check-in- und Boarding-Software von Collins Aerospace legte unter anderem die Abläufe an den Flughäfen Heathrow, Berlin, Brüssel und Dublin lahm. Und auch die Industrie bleibt nicht verschont: Ende August 2025 wurde Jaguar Land Rover Opfer einer Cyberattacke, die die Produktion bis Ende September komplett zum Stillstand brachte.

Angriffe mit Dominoeffekt

Eine besonders tückische Gefahr ist die Kom­pro­mit­tie­rung von Software-Updates durch Drittanbieter. Ein manipuliertes Patch kann sich blitzschnell durch ganze Lieferketten aus­brei­ten. Statt nur ein Werk zu treffen, fällt im schlimmsten Fall die Produktion einer ganzen Branche aus.

Auch maßgeschneiderte Ransomware für speicherprogrammierbare Steuerungen oder Mensch-Maschine-Schnittstellen macht deutlich: Es geht nicht mehr um verschlüsselte Dateien, sondern um stillgelegte Maschinenparks. Jeder Tag Stillstand kann Millionen kosten.

Ein besonders drastisches Beispiel für Dominoeffekte im Gesundheitswesen lieferte im Juni 2024 ein Angriff auf das Londoner Diagnostiklabor Synnovis. Ein Ransomware-Angriff legte sämtliche IT-Systeme lahm und unterbrach die Abläufe mit den Krankenhäusern. Bluttests kamen nicht rechtzeitig an, Behandlungspläne, einschließlich geplanter Operationen, konnten nicht umgesetzt werden, tausende Termine mussten abgesagt werden. Neben direkten Schäden für Synnovis von über 30 Millionen Euro führte der Angriff zu erheblichen Problemen für Patient:innen.

Von Bits zu echten Gefahren

Noch gravierender sind Szenarien, in denen Angreifer ICS-Protokolle (Industrial Control Systems) missbrauchen, um gefährliche Betriebszustände auszulösen. Überhitzte Motoren, blockierte Ventile, falsch gesteuerte Pumpen – die Folgen reichen von Produktionsstopp bis hin zu Risiken für die Mitarbeiter. Wer mehrere Fabriken gleichzeitig angreift, kann eine ganze Volkswirtschaft ins Wanken bringen.

Warum die Angriffsfläche wächst

Die Schwachstellen sind hausgemacht:

  • Legacy-Systeme ohne moderne Sicherheitsmechanismen;
  • Mangelhafte Segmentierung zwischen IT und OT;
  • Unklare Zuständigkeiten zwischen Produktion, IT und Management;
  • Blindes Vertrauen in Updates und externe Dienst­leis­ter.

Industrie 4.0 schafft enorme Effizienz. Doch jede neue Schnittstelle, jede smarte Steuerung birgt gleichzeitig das Risiko eines Einfallstors für Angriffe durch Dritt­an­bie­ter. Häufig handelt es sich dabei um scheinbar harmlose Hardware oder elektronische Steuerungen, wie etwa ein Netzadapter für ein Elektroauto. Auf den ersten Blick harmlos. Doch wenn ein solcher Adapter über das Internet gesteuert wird und ein Angreifer beispielsweise die Stromstärke erhöht, kann dies den Haus- oder Unternehmenshauptsicherungskasten lahmlegen. Die Folgen reichen weit: Wichtige Systeme fallen aus, Chaos entsteht – etwa wenn im Winter die Wärmepumpe aussetzt und Wasserleitungen durch Frost beschädigt werden.

Lösungen liegen auf dem Tisch

Die gute Nachricht: Unternehmen sind nicht machtlos. Wer Sicherheit als Teil seiner DNA begreift, kann die Risiken drastisch senken.

Zu den Kernmaßnahmen gehören:

  • Informationssicherheits-Managementsystem (ISMS) einführen: Alle Aspekte der Cy­ber­si­cher­heit professionell steuern.
  • Geschäftsprozesse analysieren: Womit wird Geld verdient und welche Folgen hätte eine Unterbrechung dieser Prozesse?
  • Cybersicherheit ins Tagesgeschäft integrieren: Sie zu einem festen Bestandteil der Pro­dukt­ent­wick­lung machen.
  • Zero Trust-Architekturen: Vertrauen ist keine Option – jeder Zugriff muss überprüft werden.
  • Netzwerksegmentierung: Strikte Trennung von IT und OT begrenzt die Auswirkungen von Angriffen.
  • Monitoring und Anomalie-Erkennung: KI-gestützte Systeme schlagen Alarm, wenn un­ge­wöhn­liche Befehle auftauchen.
  • Update-Strategie: Manipulierte Patches lassen sich durch Testumgebungen und Si­g­na­tur­prü­fung­en entlarven.
  • Trainings & Notfallübungen: Nur geübte Teams reagieren im Ernstfall schnell und richtig.

Sicherheit bedeutet Teamarbeit

Technische Maßnahmen reichen nicht allein. Es braucht ein Umdenken in der Organisation:

  • Mitarbeiter sensibilisieren und einbinden;
  • Krisensituationen simulieren: Üben, wie Teams im Ernstfall reagieren;
  • Alle Lieferanten und Abhängigkeiten identifizieren, deren Sicherheitsmaßnahmen prüfen und mögliche Alternativen überlegen;
  • Ein Software-Inventar erstellen und regelmäßig auf Schwachstellen überprüfen;
  • Lieferanten aktiv in Sicherheitsstandards verpflichten;
  • Compliance-Vorgaben wie ISO 27001 als Leitplanken nutzen;
  • Sicherheitskultur aufbauen, in der Cyberabwehr Chefsache ist.

Fazit: Bedrohung und Chance zugleich

Die Bedrohung wächst. Doch genauso wächst das Bewusstsein, dass Sicherheit ein zentraler Erfolgsfaktor ist. Digitale Aufrüstung schützt nicht nur Maschinen, sondern schafft auch Ver­trauen bei Kunden, Partnern und Märkten.

Die Frage ist nicht, ob Hacker es versuchen werden – sondern ob Unternehmen vorbereitet sind. Wer jetzt handelt, kann den Worst-Case-Szenario des Produktionsstillstands verhindern und gleichzeitig die Grundlage für nachhaltiges Wachstum schaffen.

Über den Autor: Priit Kongo ist CEO der estnischen Net Group, die auf sichere Weblösungen und E-Government spezialisiert ist. Mit der Mehrheitsbeteiligung an dem deutschen Unternehmen Cloud Ahoi bringt er estnische Cybersicherheitsexpertise nach Deutschland.

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