Notfallmanagement und Vorsorge für Krisen Hybride Angriffe treffen Deutschland unvorbereitet

Quelle: Pressemitteilung 6 min Lesedauer

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Hybride Angriffe sind Realität, dabei stehen Energie, Netze und IT im Fokus. Doch viele Firmen sind einer Umfrage des Bitkom zufolge kaum vorbereitet und können zum Beispiel ohne Internet schnell nicht mehr arbeiten. Doch auch die Politik wird zur Verantwortung gezogen.

Hybride Angriffe sind koordinierte Angriffe, die digitale Mittel wie Cyberattacken mit physischen Sabotageakten und Desinformation kombinieren, um Infrastruktur, Wirtschaft und Gesellschaft zu destabilisieren. Diese Art von Bedrohung nimmt derzeit durch geopolitische Spannungen zu.(Bild: ©  Melinda Nagy - stock.adobe.com)
Hybride Angriffe sind koordinierte Angriffe, die digitale Mittel wie Cyberattacken mit physischen Sabotageakten und Desinformation kombinieren, um Infrastruktur, Wirtschaft und Gesellschaft zu destabilisieren. Diese Art von Bedrohung nimmt derzeit durch geopolitische Spannungen zu.
(Bild: © Melinda Nagy - stock.adobe.com)

Stromausfall durch zerstörte Leitungen, gezielte Sabotage von Internetkabeln in der Ostsee oder mit Ransomware lahmgelegte Fabriken: Deutschland ist Ziel von digitalen und klassischen Angriffen, zugleich ist die deutsche Wirtschaft dem Digitalverband Bitkom zufolge schlecht auf solche hybriden Bedrohungen vorbereitet. Einer Umfrage unter 604 Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten und einem Jahresumsatz von einer Millionen Euro des Bitkom nach, könnten Unternehmen bei einem Internetausfall ihren Geschäftsbetrieb im Schnitt nur 20 Stunden aufrechterhalten. Jedes fünfte Unternehmen (21 Prozent) müsste sogar sofort die Arbeit einstellen. Umgekehrt seien nur acht Prozent sicher, länger als 48 Stunden weiter­ar­bei­ten zu können. Zugleich würden drei Viertel der Unternehmen (74 Prozent) wegen der zu­neh­men­den Spannungen zwischen Russland und der NATO mit einer erhöhten Gefahr hybrider Angriffe rechnen. Weitere 83 Prozent würden eine ernsthafte Krise in Deutschland in Folge von hybriden Angriffen erwarten. Und 53 Prozent würden sogar von einer militärischen Kon­fron­ta­tion zwischen Russland und der NATO in den kommenden fünf Jahren ausgehen.

„Anfang Januar mussten nach einem Anschlag mehr als 100.000 Menschen in Berlin bei Mi­nus­temperaturen tagelang ohne Strom auskommen, mehr als 2.000 Unternehmen waren be­trof­fen. Hybride Angriffe auf Deutschland, die sich in einer Grauzone zwischen Krieg und Frieden abspielen, sind kein potenzielles Risiko, sie sind Realität. Deshalb müssen wir die Resilienz von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft massiv hochfahren“, sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Winter­gerst. Aktuell würden 73 Prozent der Unternehmen davon ausgehen, Deutschland sei im in­ter­na­tionalen Vergleich unzureichend auf hybride Angriffe vorbereitet. Die Studie des Bitkom wurde zu Beginn der Munich Cyber Security Conference vorgestellt.

Besonders gefährdete Branchen

Im Fokus stehen den befragten Unternehmen zufolge die Energieversorgung (90 Prozent) sowie Banken und Versicherungen (89 Prozent). 77 Prozent hätten ausgesagt, die Wasser- und Ab­was­ser­versorgung sei stark gefährdet, 67 Prozent die Lebensmittelversorgung, 65 Prozent das Ge­sund­heitswesen mit Krankenhäusern und Ärzten und 64 Prozent Telekommunikation und IT. Rund die Hälfte habe Transport und Verkehr (54 Prozent) sowie die öffentliche Verwaltung (50 Prozent) genannt. Schlusslichter seien die Abfallentsorgung (28 Prozent) sowie Medien und Kultur (21 Prozent).

Große Auswirkungen auf das eigene Unternehmen hätten demnach erfolgreiche Attacken auf die Energieversorgung (97 Prozent), Banken und Versicherungen (88 Prozent) sowie Tele­kom­mu­ni­kation und IT (85 Prozent). Dahinter würden Wasserversorgung (69 Prozent) sowie Trans­port und Verkehr (67 Prozent) folgen. „Neben der Energieversorgung sind das Finanzwesen und die Kommunikation die neuralgischen Punkte der deutschen Wirtschaft“, so Wintergerst. „Zum notwendigen Schutz gehört zuallererst, es potenziellen Angreifern nicht unnötig leicht zu machen. Wir sollten darauf verzichten, Datenleitungen im Gigabit-Grundbuch öffentlich zu­gäng­lich zu verzeichnen, denn das bedeutet ein zusätzliches Risiko für Sabotageakte. Wir brauchen im Bereich kritischer Infrastrukturen Datensparsamkeit und ein strenges Si­cher­heits- und Zugangskonzept.“

So sieht das Notfallmanagement in Unternehmen aus

Doch die Wirtschaft ist den Befragten zufolge nicht nur indirekt von hybriden Angriffen be­troffen, Unternehmen würden auch ganz unmittelbar Opfer von Cyberangriffen und Sabotage. Eine deutliche Mehrheit von 59 Prozent habe es für wahrscheinlich gehalten, selbst Ziel hy­bri­der Angriffe zu werden, bei 61 Prozent sei der Schutz vor diesen Attacken Chefsache. Zugleich halte sich kein Unternehmen für sehr gut darauf vorbereitet, nur zwölf Prozent für eher gut. 38 Prozent hätten angegeben, eher schlecht vorbereitet zu sein, weitere 40 Prozent seien gar nicht vorbereitet. 35 Prozent würden jedoch planen, Vorkehrungen zu treffen, fünf Prozent hätten das nicht vor. Zehn Prozent würden keine Angaben zum Stand der Vorbereitungen auf hybride An­griffe machen wollen oder können. „Wir müssen die Lücke zwischen Gefahrenbewusstsein und Schutzniveau schnellstmöglich schließen“, so Wintergerst.

Die Unternehmen hätten zwar eine Vielzahl von konkreten Vorkehrungen zum Umgang mit erfolgreichen hybriden Angriffen getroffen, es fehle aber ein flächendeckender und um­fas­sen­der Schutz. 58 Prozent würden für solche Fälle über alternative Kommunikationsmittel ver­fü­gen, 27 Prozent würden das planen. Weitere 57 Prozent würden über Backups ihrer Daten ver­fügen und hätten auch erfolgreiche Restore-Tests durchgeführt, 15 Prozent hätten das vor. In 51 Prozent gebe es Ausweicharbeitsplätze oder Homeoffice-Regelungen für den Fall, dass im Un­ter­nehmen nicht gearbeitet werden kann, 25 Prozent hätten dies in Planung. Rund ein Viertel (28 Prozent) habe für den Krisenfall durch zusätzliche Lagerhaltung vorgesorgt, 17 Prozent würden dies planen. Und 16 Prozent hätten bereits Vereinbarungen mit alternativen Lie­fer­an­ten, 32 Prozent würden dies derzeit planen, falls die bestehenden Lieferketten ausfallen. 28 Prozent würden auf Sicherheitsüberprüfungen in sensiblen Bereichen setze, 17 Prozent darüber nachdenken. Ebenfalls 28 Prozent hätten ein Krisen- oder Notfallmanagement, 25 Prozent würden eines einführen wollen. Über eine Notstromversorgung würden 20 Prozent verfügen, 30 Prozent würden sie noch einrichten. Und nur jedes zehnte Unternehmen führe regelmäßige Krisenübungen durch, 26 Prozent hätten sich das vorgenommen. „Wir müssen bei den kon­kre­ten Vorsorgemaßnahmen für den Fall einer Krise besser werden. Einen Notfallplan braucht jedes Unternehmen, er entscheidet über die Handlungsfähigkeit in den wichtigen ersten Stun­den”, sagt Wintergerst. „Die Unternehmen brauchen konkrete Handreichungen und Unter­stützung, wie sie vorsorgen müssen und vorsorgen können.“

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Im Krisenfall fehlen Mitarbeitende

Im Fall einer militärischen Auseinandersetzung stehen Unternehmen vor einer weiteren, un­gewohnten Herausforderung: Viele Beschäftigte, die beim Zivilschutz oder bei der Bun­des­wehr tätig sind, könnten im Job fehlen. Nur 30 Prozent der Unternehmen hätten angegeben, einen guten Überblick zu haben, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Zivilschutz unterstützen, etwa bei Feuerwehren oder Technischem Hilfswerk. Und gerade einmal 20 Pro­zent würden wissen, wie viele bei der Bundeswehr tätig würden. Selbst von denen, die einen guten Überblick hätten, könne jedes fünfte (21 Prozent) keine genaue Zahl benennen, im Schnitt würden die Unternehmen, die eine Schätzung abgeben konnten, von neun Prozent ihrer Beleg­schaft ausgehen, die ausfallen würde.

Vier von zehn Unternehmen (37 Prozent) würden höhere Investitionen einplanen, dabei würden neun Prozent in diesem Jahr deutlich mehr Geld ausgeben, 28 Prozent eher mehr. 44 Prozent hätten unveränderte Investitionen für die Vorbereitung auf hybride Angriffe und deren Folgen geplant. Kein Unternehmen wolle die Ausgaben senken, fünf Prozent würden gar keine Vor­kehrungen treffen.

Forderungen an die Politik

Von der Politik würden die Unternehmen mehr Information und Prävention, aber auch kon­kre­te Aktion erwarten. So würden sich 71 Prozent eine staatliche Informationskampagne zum Ver­halten bei hybriden Angriffen wünschen und 62 Prozent, dass hybride Angreifer öffentlich be­nannt würden- Weitere 50 Prozent hätten für ein Lagebild zu hybriden Angriffen plädiert. Um die Prävention zu stärken, würden 79 Prozent verpflichtende Sicherheitsstandards mit praxis­nahen Leitlinien unterstützen, zugleich würden 68 Prozent aber auch Förderprogramme für Sicherheitsmaßnahmen erwarten. 54 Prozent hätten sich für eine massive Förderung der deutschen Sicherheitsindustrie ausgesprochen und 49 Prozent für regelmäßige bundesweite Übungen mit Bevölkerung und Unternehmen. Sechs von zehn Unternehmen (60 Prozent) wür­den Cyberangriffe der Bundeswehr gegen feindliche Hackergruppen für sinnvoll halten, 58 Prozent die Ausweitung der Überwachungsbefugnisse von Sicherheitsbehörden im digitalen Raum. 49 Prozent hätten angegeben, massive Cyberangriffe auf einen NATO-Staat sollten wie ein militärischer Angriff betrachtet werden. „Wir müssen die Resilienz von Verwaltung, Wirt­schaft, Bevölkerung und Infrastruktur zu einem Top-Thema machen“, fasst Wintergerst zu­sam­men. „Damit das schnellstmöglich gelingt, sollten wir uns an den Staaten orientieren, die dabei schon weiter sind als wir, etwa in Skandinavien.“

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