Digitale Souveränität im Wandel Wie KI die digitale Identität verändert

Ein Gastbeitrag von Ismet Koyun 5 min Lesedauer

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Der Wettlauf um die digitale Identität hat begonnen – und mit ihm eine neue Auseinandersetzung um Datenschutz, Kontrolle und digitale Souveränität. Mit Projekten wie „World“ von OpenAI-Gründer Sam Altman rückt die Frage in den Fokus: Wie können wir digitale Identitäten sicher und gerecht verwalten – und welche Rolle spielt künstliche Intelligenz dabei?

Digitale Identitäten entwickeln sich im Zusammenspiel mit KI rasant weiter – zwischen mehr Komfort, neuen Sicherheitsrisiken und der Frage nach Kontrolle und Souveränität.(Bild: ©  Aidas - stock.adobe.com)
Digitale Identitäten entwickeln sich im Zusammenspiel mit KI rasant weiter – zwischen mehr Komfort, neuen Sicherheitsrisiken und der Frage nach Kontrolle und Souveränität.
(Bild: © Aidas - stock.adobe.com)

Zu den „Nebenwirkungen“ der Digitalisierung gehört: Identität verlagert sich in den digitalen Raum. Eine vertrauenswürdige digitale Identität ist die Grundlage, um sich sicher im Internet bewegen und Online-Services nutzen zu können. Wirklich nutzerfreundlich wird dies aber erst, wenn die ID möglichst universell und zentralisiert ist. Die Idealvorstellung: Statt zahlloser Accounts und Passwörter für unterschiedliche Anwendungen reicht es, sich einmal einzuloggen – eine Authentifizierung für sämtliche Dienste.

Das bringt neben mehr Komfort jedoch auch neue Risiken in Sachen Daten- und Persönlichkeitsschutz mit sich. Die Hoheit über Daten – und erst recht über ganze Identitäten – verspricht Macht und Wettbewerbsvorteile. Der Wettlauf um die Kontrolle digitaler Identitäten hat begonnen.

Ein globales ID-Projekt wirft Fragen auf

Ein Beispiel für diese Entwicklung: das Startup „World“ von OpenAI-Gründer Sam Altman. Altman will damit eine globale Identitätsinfrastruktur schaffen – basierend auf biometrischer Iris-Erkennung. In weltweiten Stores sollen Menschen ihre Augen scannen und sich damit ihre eigene „World ID“ sichern. So erhalten sie Zugang zu einer App, die unter anderem ein digitales Wallet und ein soziales Netzwerk umfasst und mit einer eigenen Kryptowährung verknüpft ist.

Die Idee klingt ambitioniert und verlockend: eine eindeutige, digitale Identität für jeden Menschen, verifizierbar und fälschungssicher. Eine Infrastruktur, die digitale Dienste, Zahlungen und Interaktionen nahtlos ermöglichen soll. Weltweit, mit nur einem Zugang.

Doch das Projekt ist hochumstritten – zurecht. Denn es wirft fundamentale Fragen auf: Wollen wir unsere digitale Identität einem privatwirtschaftlichen Unternehmen überlassen, das Nutzerrechte an finanzielle Interessen knüpft? Welche Sicherheiten gibt es für den Datenschutz, wenn biometrische Merkmale zur einzig gültigen Eintrittskarte für das digitale Leben werden? Die digitale Abhängigkeit, die wir in Europa ohnehin immer stärker spüren, würde ein neues Level erreichen: Ein amerikanisches Unternehmen, gebunden an vergleichsweise wenig Regularien, hätte unser digitales Leben unter Kontrolle. Ohne Transparenz darüber, was mit unseren Daten passiert.

Identität ist keine Ware

Die Vision einer globalen, verbindlichen digitalen Identität ist richtig – aber sie darf nicht dazu führen, dass Identität zu einer Ware wird. Verifizierung entscheidet darüber, wer auf Dienste zugreifen darf, wer Verträge abschließen kann, wer Teilhabe erfährt. Auf keinen Fall dürfen sich daraus Abhängigkeiten und Ungleichgewichte ergeben. Wer seine Iris scannt, darf mitmachen – wer nicht, bleibt außen vor. Diese Logik, die „World“ zugrunde liegt, ist das Gegenteil von digitaler Souveränität. Biometrie-Daten sind weitgehend fälschungssicher. Aber im Gegensatz zu einem Ausweis oder Passwörter können sie im Notfall auch nicht verändert werden. Die Folgen bei Datendiebstahl oder Missbrauch sind für die Betroffenen unvorhersehbar.

Eine vertrauenswürdige ID-Infrastruktur kann daher niemals allein aus der Privatwirtschaft funktionieren. Sie braucht demokratische Kontrolle, klare Regeln und ein Fundament aus Transparenz und Rechenschaftspflicht. Sie muss von rechtsstaatlichen Prinzipien und echter Wahlfreiheit getragen werden.

Wenn KI entscheidet, wer wir sind

In der neuen KI-Ära, in der wir leben, wird die Debatte darüber noch dringlicher. Identitätsmanagement und Künstliche Intelligenz sind schon heute untrennbar verbunden. KI-basierte Systeme entscheiden darüber, wer Zugang zu digitalen Diensten erhält. Mit dem Vormarsch von Agentic AI – also KI-Systemen, die eigenständig agieren, verhandeln und Entscheidungen treffen – verschärft sich dieser Trend zusätzlich.

Das kann Lösung und Problem zugleich sein. Auf der einen Seite hat Agentic AI riesiges Potenzial, um Identitätsmanagement sicherer zu machen. Die KI kann selbstständig Betrugsversuche erkennen, etwa über untypische Muster bei Logins oder Transaktionen. KI kann auch untersuchen, wie jemand ein Endgerät benutzt – zum Beispiel anhand von Tippgeschwindigkeit, Mausbewegungen oder Scroll-Verhalten. Das Muster ist so individuell wie ein Fingerabdruck und hilft, Nutzer eindeutig zu identifizieren, ohne sensible Daten abzufragen. Basierend auf Standort, Tageszeit oder Gerätetyp kann die KI das Risiko bei einer Anmeldung oder Transaktion einschätzen. Nur bei Auffälligkeiten werden dann zusätzliche Stufen der Authentifizierung vom Nutzer verlangt.

Auf der anderen Seite entstehen durch KI auch neue Gefahren. Deepfakes, synthetische Identitäten und automatisierte Betrugsversuche bedrohen die Glaubwürdigkeit des digitalen Raums. Zum ernsten Problem werden Fake-KI-Agenten, die eigenständig handeln und dabei vorgeben, jemand anderes zu sein. Je autonomer die KI agiert, desto größer das Risiko von Kontrollverlust.

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Umso wichtiger ist deshalb die Einbettung in eine sichere Infrastruktur. Die Kontrolle über KI darf nicht bei einzelnen Ländern, geschweige denn einzelnen Unternehmen liegen. Damit KI nicht zur Datenkrake wird, muss sie im Rahmen eines transparenten gesetzlichen Rahmens eingesetzt werden.

Vertrauen durch Zero-Trust

Wie schaffen wir also ein verbindliches KI-basiertes Identitätsmanagement, ohne unsere digitale Souveränität aufzugeben? Der erste und wichtigste Schritt ist Vertrauen. Eine Technologie wird nur flächendeckend akzeptiert, wenn Menschen sich bei der Nutzung sicher fühlen. Ein zentrales Thema wie digitale Identität verdient höchste und maximal vertrauenswürdige Sicherheitsstandards.

Die Zukunft liegt in Zero-Trust-Architekturen mit robustem Identitätsmanagement. Sie vergeben nicht nur statische Zugriffsrechte, sondern verlangen eine kontinuierliche Verifizierung. Jede Interaktion, ob von Mensch oder KI, muss geprüft werden. Moderne Zero-Trust-Lösungen setzen auf starke und flexible Authentifizierung, auf Device-Bindung und auf sichere Kommunikationskanäle. Sie schützen digitale Identitäten, ohne mehr Daten als nötig zu sammeln. Biometrie ist dabei eine von mehreren möglichen Verfahren. Entscheidend ist, dass die Kontrolle beim Nutzer bleibt. Er hat volle Transparenz und entscheidet, wann er welche Daten zur Verfügung stellt.

Europäischer Gegenentwurf: SuperApp mit smarten Sicherheitstechnologien

Sicherheit und ein komfortables, nahtloses Nutzererlebnis schließen sich nicht aus – wenn beides klug verbunden wird. Ein vielversprechender Weg sind SuperApp-Plattformen. Einmal angemeldet können sich Nutzer frei darauf bewegen. Sie können beispielsweise digitale Behördendienste nutzen, Verträge unterzeichnen, shoppen, bezahlen und chatten. Dazu ist es essenziell, dass sich die Plattform strikt an der DSGVO und anderen Regularien orientiert, Server in Europa nutzt und durch mehrere Schutzebenen sowie Verschlüsselungstechnologien abgesichert ist.

Der entscheidende Unterschied zu „World“: Die SuperApp steht nicht unter Kontrolle eines Unternehmens – sie vereint Lösungen und Services verschiedener Anbieter in einem gemeinsamen, geschützten digitalen Ökosystem. Eine solche SuperApp ist keine Zukunftsvision, sondern existiert bereits. Die OneApp4All von KOBIL ist seit Jahren in Istanbul erfolgreich im Einsatz – mit mehr als fünf Millionen Nutzern – und wird aktuell auch als CityApp in Worms eingeführt. Eine standardisierte digitale Plattform, die unter anderem auf einer vertrauenswürdigen Identitätsmanagement-Lösung basiert. Das ermöglicht sichere Bezahlung, Vertragsunterzeichnung und Kommunikation. 100 Prozent datenschutzkonform und durch neueste (KI)-Technologien abgesichert.

Es gibt also Alternativen zu „World“. Lösungen, die technologische Machbarkeit nicht als Freifahrtschein nutzen – sondern die Grundlage für eine kooperative Plattform Ökonomie 4.0 schaffen. Mit vertrauenswürdigen Identitätsinfrastrukturen „made in Europe“.

Über den Autor: Ismet Koyun ist CEO und Gründer der KOBIL Gruppe. Koyun ist Pionier für digitale Identität und Sicherheit. Mit 18 Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen, hat er kurz darauf KOBIL gegründet und zum Weltmarktführer für digitale Identitäts- und Sicherheitslösungen entwickelt. Sein Fokus liegt auf sicheren, autarken digitalen Ökosystemen für ein digital unabhängiges und sicheres Deutschland.

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