Die NIS2-Richtlinie zwingt KMU zu mehr Sicherheit. Ohne Zero Trust, praxisnahe Unterstützung und Sicherheitskultur riskieren Unternehmen Überforderung, Bußgelder und fehlende Resilienz gegenüber zunehmend raffinierten Angriffen.
Die NIS2 verpflichtet KMU zu mehr Cybersicherheit. Zero Trust, praxisnahe Unterstützung und eine gelebte Sicherheitskultur machen Unternehmen resilient und compliant.
Ob Homeoffice, hybride Teams oder BYOD (Bring Your Own Device): Die digitale Arbeitswelt verändert sich rasant. Damit ändern sich auch die Anforderungen an Cybersicherheit. Viele Unternehmen, darunter insbesondere im Mittelstand, sind auf diese Entwicklung nicht ausreichend vorbereitet, wie beispielsweise die aktuelle Studie „Cybersecurity im Mittelstand” von Deloitte betont. Die Bedrohungslage nimmt zu, während gleichzeitig neue regulatorische Anforderungen wie NIS2 auf den Mittelstand zukommen. Was jetzt gefragt ist: ein Umdenken in Sachen Security – und ein stärkeres Sicherheitsbewusstsein auf allen Ebenen.
Früher war Sicherheit ein Thema für das Büro, heute ist Sicherheit ein Thema für jede Kaffeeküche, jeden Laptop im ICE, jedes Mobilgerät im Homeoffice. Der klassische Sicherheitsperimeter ist verschwunden. In einer Welt, in der Mitarbeitende von überall aus auf Unternehmenssysteme zugreifen, ist die digitale Identität zum neuen Schutzwall geworden.
Das bedeutet, dass Vertrauen nicht mehr automatisch entstehen darf, sondern bei jedem Zugriff aktiv geprüft werden muss. Dies ist ein Grundprinzip der “Zero-Trust-Architektur”. Diese Erkenntnis hat sich nur noch nicht flächendeckend durchgesetzt, und gerade kleine und mittlere Unternehmen sind häufig überfordert mit der operativen Umsetzung.
NIS2: Verpflichtung ohne Werkzeuge?
Mit der NIS2-Richtlinie wird Sicherheit zur gesetzlichen Pflicht, aber wo bleiben die praktikablen Werkzeuge für den Mittelstand? Aus Sicht der Net Group braucht es einen koordinierten Schulterschluss zwischen Politik, Wirtschaft und Interessenvertretungen, um dem Mittelstand praktikable und wirksame Hilfestellungen zur Umsetzung von NIS2 zu bieten. Regionale Industrie- und Handelskammern, IT-Bündnisse, Versicherungen und auch Berufsgenossenschaften könnten eine tragende Rolle übernehmen. Zum Beispiel durch praxisnahe Informationsangebote, branchenspezifische Leitfäden oder den Zugang zu qualifizierten IT-Security-Dienstleistern. Auch staatlich geförderte Awareness-Programme oder Beratungszuschüsse könnten helfen, die Einstiegshürden für KMU zu senken. Wichtig ist dabei: Es braucht keine neue Komplexität, sondern Umsetzungsbegleitung, die auf die realen Kapazitäten kleiner und mittlerer Unternehmen abgestimmt ist.
Damit die NIS2-Richtlinie nicht zur reinen Pflichterfüllung ohne Wirkung verkommt, braucht es gezielte Unterstützung, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen, die weder über spezialisierte Security-Teams noch über große IT-Budgets verfügen. Es ist nicht realistisch, die Anforderungen allein in den Betrieben umzusetzen. Hier sind mehrere Akteure gefragt: Industrie- und Handelskammern, Berufsverbände, Versicherer und regionale IT-Allianzen könnten als Multiplikatoren agieren: durch passgenaue Schulungsformate, Sicherheits-Audits oder standardisierte Servicepakete für typische Branchenrisiken. Auch die Politik muss stärker flankieren: mit Förderprogrammen für KMU, verpflichtenden Awareness-Kampagnen in wirtschaftsnahen Organisationen oder durch zentrale Beratungsstellen, die konkrete Unterstützung bei der Umsetzung leisten. Estland hat gezeigt, dass staatlich koordinierte IT-Sicherheitsstrategien kombiniert mit einem nutzerzentrierten digitalen Ökosystem gerade kleinen Unternehmen helfen können, Sicherheitsanforderungen nicht als Belastung, sondern als Teil ihres Erfolgsfaktors zu begreifen. Während große Unternehmen eigene IT-Abteilungen und Security-Teams aufbauen können, fehlen in KMU oft Ressourcen, Wissen und Zeit. Die Folge sind Unsicherheit, Frust oder ein Verharren im Status quo. Dabei ließe sich gerade hier mit den richtigen digitalen Werkzeugen viel erreichen.
Was es jetzt braucht, ist ein niedrigschwelliger Zugang zu professionellem Cybersicherheitsmanagement: Tools, die sensibilisieren, Risiken sichtbar machen und konkrete Maßnahmen vorschlagen, statt Unternehmen mit Checklisten und Bußgeldandrohungen allein zu lassen.
Damit die Umsetzung der NIS2-Richtlinie im Mittelstand nicht an Überforderung scheitert, braucht es eine gezielte Adressierung branchenspezifischer Herausforderungen. Die Bedrohungslage unterscheidet sich je nach Sektor erheblich, ebenso wie das digitale Reifegradniveau kleiner und mittlerer Unternehmen. Ein IT-Dienstleister im Gesundheitswesen hat andere Anforderungen als ein Maschinenbauer oder ein Handelsbetrieb. Deshalb sollten Unterstützungsangebote differenziert, modular und mit klarem Praxisbezug gestaltet werden. Denkbar wären etwa Branchen-Kits mit Vorlagen, Checklisten und Tools zur Selbsteinschätzung des Sicherheitsniveaus. Auch digitale Lernplattformen, die Wissen niedrigschwellig und bedarfsorientiert vermitteln, könnten eine Brücke schlagen zwischen Regulierung und realer Umsetzbarkeit. Nur wenn sich Unternehmen in ihrer konkreten Lage ernst genommen fühlen, wird aus regulatorischem Druck ein echter Sicherheitsgewinn.
Technische Lösungen sind wichtig, aber sie greifen zu kurz, wenn die Unternehmenskultur nicht mitzieht. In einer Zeit, in der KI auch im Bereich Cybercrime Einzug hält und Angriffe immer raffinierter werden, ist die Sicherheitskultur das entscheidende Unterscheidungsmerkmal.
Dabei geht es nicht nur um Tools, sondern um Haltung: Wie sehr ist Cybersicherheit Chefsache? Wird das Thema proaktiv angegangen, oder nur dann, wenn es bereits brennt? Und wie gut ist die Belegschaft darauf vorbereitet, Angriffe zu erkennen und darauf zu reagieren? Schulungen, klare Verantwortungen innerhalb des Unternehmens und Cybersecurity als Führungsaufgabe. Cybersecurity ist keine rein technische, sondern vor allem eine strategische Führungsaufgabe. Führungskräfte prägen durch ihr Vorbild, ihre Prioritätensetzung und klare Kommunikation das Sicherheitsbewusstsein im gesamten Unternehmen. Nur wenn die Unternehmensleitung Cybersicherheit als integralen Bestandteil der Unternehmenskultur verankert, kann eine widerstandsfähige Organisation entstehen.
Stand: 08.12.2025
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Deutschland: Markt mit Potenzial und Nachholbedarf
Mit dem Einstieg bei Cloud Ahoi bringt die Net Group estnische Cyber-Expertise nach Deutschland. Deutschland ist technologisch stark, hat aber in Sachen digitaler Resilienz noch deutlichen Nachholbedarf. Estland gilt aufgrund der nicht enden wollenden russischen Cyberangriffe seit 2007 als Vorreiter in Sachen digitale Sicherheit. Mittlerweile ist das Land Sitz des NATO-Cyberabwehrzentrums und organisiert mit „Locked Shields“ die weltweit größte Cyberabwehrübung.
Cybersicherheit darf kein Expertenthema mehr sein. Sie ist längst ein Geschäftsrisiko und damit Chefsache. Die Bedrohungslage wächst, die Anforderungen steigen, und gleichzeitig fehlen Unternehmen Orientierung, Tools und Personal.
Wichtig sind jetzt:
1. Mehr Aufklärung über reale Risiken statt Panikmache
2. Konkrete, praxistaugliche Lösungen für KMU
3. Eine Sicherheitskultur, die nicht bei der IT endet
4. Regulatorische Anforderungen mit Umsetzungsunterstützung
5. Internationale Kooperation, die Best Practices teilt, statt neue Hürden schafft
Cybersicherheit darf kein Nischenthema bleiben. Sie ist Teil der digitalen Wettbewerbsfähigkeit und eine Frage der Resilienz unserer gesamten Wirtschaft. Sie sollte als zentrales Rückgrat jeder Organisation betrachtet werden.
Über den Autor: Priit Kongo ist CEO der estnischen Net Group, die auf sichere Weblösungen und E-Government spezialisiert ist. Mit der Mehrheitsbeteiligung an dem deutschen Unternehmen Cloud Ahoi bringt er estnische Cybersicherheitsexpertise nach Deutschland.