Pwn2Own Berlin 2026 KI verkürzt das Patch-Fenster auf Stunden

Ein Gastbeitrag von Richard Werner 4 min Lesedauer

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Pwn2Own Berlin 2026 setzte mit 47 Zero Days und 1,3 Millionen Dollar Preisgeld neue Rekorde. Die bedeutendere Erkenntnis des Wettbewerbs liegt jedoch anderswo. Mehrere Teams nutzten KI maßgeblich bei der Exploit-Entwicklung, was das Patch-Fenster für Verteidiger von Tagen auf Stunden schrumpfen lässt.

Das Endergebnis des Wettbewerbs Pwn2Own 2026: Knapp 1,3 Millionen US-Dollar Preisgeld, 47 entdeckte Zero Days und ein spektakulärer Exchange-Hack.(Bild:  TrendAI)
Das Endergebnis des Wettbewerbs Pwn2Own 2026: Knapp 1,3 Millionen US-Dollar Preisgeld, 47 entdeckte Zero Days und ein spektakulärer Exchange-Hack.
(Bild: TrendAI)

Drei Tage Hochspannung im Berliner Hilton: Der von der TrendAI Zero Day Initiative (ZDI) ausgerichtete Wettbewerb Pwn2Own Berlin 2026 ging als bislang prämienstärkster Pwn2Own in die Geschichte ein. Am Rande der Offensive-Security-Konferenz OffensiveCon flossen Preisgelder in Höhe von 1.298.250 US-Dollar an die Teilnehmer. Führende Hacking-Teams und „Einzelkämpfer“ aus aller Welt, entdeckten insgesamt 47 nachweislich neue Zero-Day-Schwachstellen. Im Fokus standen klassische Enterprise-Systeme, Webbrowser und Virtualisierung, dazu erstmals in dieser Breite KI-Komponenten: lokale Inferenzdienste, KI-Datenbanken, Coding-Agenten sowie eine eigene Kategorie für NVIDIA-Produkte.

DEVCORE dominiert das Leaderboard

Team DEVCORE sicherte sich den Gesamtsieg und damit den Titel „Masters of Pwn“.(Bild:  © Morton Swimmer / TrendAI)
Team DEVCORE sicherte sich den Gesamtsieg und damit den Titel „Masters of Pwn“.
(Bild: © Morton Swimmer / TrendAI)

Den Titel „Master of Pwn“ sicherte sich souverän das taiwanesische DEVCORE Research Team mit 50,5 Punkten und 505.000 US-Dollar – fast die Hälfte des Gesamtpreisgelds. Auf Platz zwei folgten STARLabs SG (Singapur) mit 25 Punkten und 242.500 US-Dollar Preisgeld, Rang drei ging an Out Of Bounds mit 12,75 Punkten und 95.750 US-Dollar.

Das Highlight lieferte DEVCORE-Forscher Orange Tsai. Er verkettete drei Bugs, um Remote Code Execution mit System-Privilegien auf Microsoft Exchange zu erzielen und räumte damit 200.000 US-Dollar ab, den höchstmöglichen Preis in dieser Kategorie. Bereits am ersten Tag hatte DEVCORE mit vier Logikfehlern einen Sandbox-Escape in Microsoft Edge demonstriert (175.000 US-Dollar). Am Schlusstag folgte ein SharePoint-Exploit für weitere 100.000 US-Dollar. Ebenfalls spektakulär: STARLabs-Forscher Nguyen Hoang Thach knackte VMware ESXi inklusive Cross-tenant-Code-Execution mittels eines einzelnen Memory-Corruption-Bug. Dafür erhielt er ebenfalls 200.000 US-Dollar.

Hacker zwischen Triumph und Tragik

Während der Versuche herrscht bei Teilnehmern und Zuschauern gleichermaßen Hochspannung.(Bild:  © Morton Swimmer / TrendAI)
Während der Versuche herrscht bei Teilnehmern und Zuschauern gleichermaßen Hochspannung.
(Bild: © Morton Swimmer / TrendAI)

Wettbewerbe wie Pwn2Oen leben von der einzigartigen Atmosphäre vor Ort: Konzentrierte Stille, angespanntes Bangen, wenn das Zeitfenster zu verstreichen droht, erleichterter Jubel nach einem geglückten Exploit. Und immer wieder kleine Tragödien, wenn ein Forscher später erfährt, dass seine vermeintlich neue Lücke dem Hersteller bereits bekannt war oder ein anderer Teilnehmer des Wettbewerbes dieselbe Lücke bereits gemeldet hatte. In beiden Fällen reduziert sich die ausgelobte Prämie auf einen Bruchteil.

Genau solche „Kollisionen“, also Treffer, die bereits dokumentiert waren, traten in Berlin in ungewöhnlich hoher Zahl auf. Die ZDI verzeichnete etwa 40 Prozent mehr Dubletten als im Vorjahr. Hinzu kamen mehrere fehlgeschlagene Versuche, etwa bei Apple Safari oder Microsoft SharePoint, sowie zahlreiche Rückzüge von Einreichungen während des laufenden Wettbewerbes. Besonders auffällig: Im Browser-Bereich zog die Mehrheit der Teilnehmer ihre Einreichungen kurz vorher zurück. Eine plausible Erklärung liefern Sicherheitsupdates in den Tagen vor dem Event, darunter der jüngste Microsoft-Patchday und ein umfangreiches Firefox-Update, die offenkundig einige vorbereitete Exploits unbrauchbar machten.

KI als Co-Pilot der Exploit-Entwicklung

Die spannendste Entwicklung spielte sich aber jenseits der Bühne ab: Künstliche Intelligenz ist endgültig in der Schwachstellenforschung angekommen, und zwar auf beiden Seiten. Mehrere erfolgreiche Teilnehmer bestätigten unumwunden, dass ihre Exploit-Codes zu wesentlichen Teilen mit Hilfe großer Sprachmodelle entstanden seien. Die menschliche Leistung bestehe zunehmend in der Ideenfindung, dem Bug-Verständnis und der Orchestrierung. Die mühsame Detailarbeit beim Codieren übernimmt hingegen das LLM.

Die hohe Kollisionsrate lässt sich ebenfalls in diesem Licht deuten: Verschiedene Menschen nutzen KI um Code auf Schwachstellen abzuklopfen. Zwangsläufig haben dabei einige die gleiche Idee und finden dieselben Bugs. Im Vorfeld des Pwn2Own mussten einige Bewerbungen aus Kapazitätsgründen abgelehnt werden. Diese meldeten ihre Funde direkt an die betreffenden Hersteller. Unternehmen wie Mozilla, die bekannt für schnelle Aktualisierungen sind, hatten so die Gelegenheit, Sicherheitslücken zu füllen.

Angriffe auf KI-Systeme

Team Out of Bounds freut sich über einen erfolgreichen Hack der Open-Source-Bibliothek LiteLLM.(Bild:  © Morton Swimmer / TrendAI)
Team Out of Bounds freut sich über einen erfolgreichen Hack der Open-Source-Bibliothek LiteLLM.
(Bild: © Morton Swimmer / TrendAI)

Aufschlussreich war auch der Blick auf die KI-Kategorie selbst. OpenAIs Coding-Agent Codex wurde dreimal erfolgreich über Zero Days angegriffen. Bei Anthropic Claude Code hingegen stellten sich sämtliche eingereichten Treffer als Kollisionen heraus. Anthropic hat seinen eigenen Code vermutlich mit dem hauseigenen Modell Mythos auditieren lassen – ein deutliches Indiz, dass KI im Closed-Loop-Setting auf Augenhöhe mit menschlichen Forschern operieren kann, sobald sie vollen Zugriff auf den Quellcode hat. Auch bei Coding-Agenten wie Cursor, lokalen Inferenz-Tools wie LM-Studio und LiteLLM, beim NVIDIA Container Toolkit sowie bei Ollama wurden reihenweise Bugs entdeckt.

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Konsequenzen für Verteidiger: Das Patch-Fenster schließt sich

Was bedeutet das für Sicherheitsverantwortliche? Wer KI-gestützt nach Schwachstellen sucht, findet sie schneller, in größerer Zahl und mit geringerem Personalaufwand. Diese Beschleunigung gilt – das ist die unbequeme Wahrheit – auch für die andere Seite. Die Asymmetrie zwischen Angreifer und Verteidiger verschiebt sich erkennbar: Wo früher Tage oder Wochen zur Verfügung standen, um auf einen veröffentlichten Patch zu reagieren, geht es künftig nur noch um Stunden.

Für die Praxis heißt das: Patch-Management muss sich vom reaktiven Routineprozess zum proaktiven, priorisierten Echtzeit-Workflow entwickeln. Virtuelles Patching – also Schutz auf Netzwerk- oder Endpoint-Ebene, bevor ein offizieller Hersteller-Fix vorliegt – wird vom Zusatznutzen zur strategischen Notwendigkeit. Genau hier setzen moderne Exposure-Management-Ansätze und KI-gestützte Sicherheitsplattformen an, die Schwachstellen kontextualisiert nach tatsächlichem Geschäftsrisiko priorisieren, statt stupide CVE-Listen abzuarbeiten.

Ausblick: Der Mensch bleibt vorerst die Wildcard

Ob KI menschlichen Exploit-Profis mittelfristig überlegen sein wird, bleibt offen. Im Open-Source-Umfeld und überall dort, wo Quellcode zugänglich ist, spielen Sprachmodelle ihre Stärken bereits aus. Im Closed-Source-Bereich – also dort, wo der überwiegende Teil der Enterprise-Angriffe stattfindet – hat der Mensch derzeit noch die Nase vorn, jedoch zunehmend mit KI als Sparringspartner. Wie lange dieses Gleichgewicht hält, wird die spannende Frage für die kommenden Pwn2Own-Ausgaben – die nächste findet im Oktober im irischen Cork statt.

Eines ist nach Berlin sicher: Wer im Patch-Wettlauf nicht beschleunigt, läuft Gefahr, von einem KI-gestützten Exploit überholt zu werden, bevor das Sicherheitsteam überhaupt die CVE-Meldung gesichtet hat. Die betroffenen Hersteller haben nun die üblichen 90 Tage Zeit, ihre Patches bereitzustellen. Die Uhr tickt also.

Über den Autor: Richard Werner ist Security Advisor bei TrendAI, einem Geschäftsbereich von Trend Micro.

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