Identitäten im Fadenkreuz Warum Identity Fabric mehr ist als nur ein Architekturmodell

Ein Gastbeitrag von Robert Kraczek 5 min Lesedauer

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Identitätsdaten sind zur bevorzugten Angriffsfläche geworden. Klassische Sicherheitsmodelle greifen oft zu kurz, wenn IT-Strukturen dynamisch wachsen. Identity Fabrics schaffen Ordnung im Chaos verteilter Identitäten und verbinden Kontrolle, Skalierbarkeit und Nutzerzentrierung in einem Ansatz.

Verteilte Identitäten, gebündelte Kontrolle: Wie Identity Fabrics moderne IT-Umgebungen sichern.(Bild: ©  ink drop - stock.adobe.com)
Verteilte Identitäten, gebündelte Kontrolle: Wie Identity Fabrics moderne IT-Umgebungen sichern.
(Bild: © ink drop - stock.adobe.com)

Zwischenfälle in Bezug auf Identitäten in Unternehmen im Jahr 2024.(Bild:  IDSA)
Zwischenfälle in Bezug auf Identitäten in Unternehmen im Jahr 2024.
(Bild: IDSA)

Cyberangriffe zielen längst auf Identitäten, nicht nur auf Systeme. Klassische IAM-Ansätze geraten bisweilen an Grenzen, wenn hybride Infrastrukturen aufeinandertreffen. Identity Fabrics verknüpfen bisher isolierte Lösungen zu einem orchestrierten Geflecht mit einer umfassenden Sicht auf Zugriffe und Berechtigungen. In komplexen, stark vernetzten IT-Umgebungen bildet dieser Ansatz ein zentrales Bindeglied zwischen Sicherheit, Effizienz und regulatorischer Kontrolle. Und doch ist das Konzept weit mehr als ein technisches Modell. Es liefert einen strategischen Rahmen für Unternehmen, die bestehende Investitionen bewahren müssen und erlaubt es zugleich, neue Anforderungen erfüllen zu können.

Vom Silo zur Struktur: Die wachsende Rolle vernetzter Identitätsarchitekturen

Cloud-Dienste, mobile Endgeräte, Drittanbieter-Zugänge, IoT-Komponenten und Automatisierungssysteme erzeugen eine Vielzahl digitaler Identitäten. Unternehmen sehen sich mit einem Flickenteppich aus Benutzerkonten und diversen Berechtigungsformen konfrontiert, die über Plattformgrenzen hinweg verteilt sind und verwaltet werden müssen. Identitäts-Silos führen dabei nicht nur zu Reibungsverlusten, sondern öffnen auch Einfallstore für Angriffe. Laut IBM X-Force geht ein Großteil der Sicherheitsvorfälle auf kompromittierte Zugänge oder schwache Autorisierung zurück. Die Identity Defined Security Alliance bestätigt diese Entwicklung. Neun von zehn Unternehmen nennen fragmentierte Identitäten als vorrangiges Sicherheitsrisiko. Die Ursachen reichen von zu vielen Tools bei der Verwaltung über technische Inkompatibilität untereinander bis hin zum Mangel an qualifiziertem Personal.

Mit der Identity Fabric steht ein Modell bereit, das die gewachsenen Komplexitäten aufgreift, aber nicht erneut durch disruptive Veränderungen ersetzt. Der Begriff selbst stammt aus der Analysearbeit von KuppingerCole, wo Identity Fabric als umfassendes Geflecht interoperabler Identitätsdienste verstanden wird. Martin Kuppinger bezeichnet sie als grundlegendes Paradigma für die künftige Ausrichtung von Identity und Access Management (IAM).

Architektur als Antwort auf die technische Realität

Konzeptionelle Architektur für eine Identity Fabric.(Bild:  KuppingerCole)
Konzeptionelle Architektur für eine Identity Fabric.
(Bild: KuppingerCole)

Im Unterschied zu vielen klassischen IAM-Modellen basiert die Identity Fabric nicht auf monolithischen Tools, sondern auf modularen, orchestrierten Komponenten. Während traditionelle Lösungen häufig mit einer Punkt-zu-Punkt-Integrationen operieren, folgt die Fabric dem Prinzip der übergreifenden Verknüpfung. Dabei dient ein Abstraktions-Layer als Vermittlungsschicht zwischen Anwendungen und Identitätsquellen. Diese Trennung schafft Interoperabilität und vereinfacht die Integration neuer Dienste erheblich. Anwendungen müssen keine Kenntnis mehr über die Eigenheiten der jeweiligen Identitätsquelle haben. Die Komplexität verlagert sich in eine steuerbare, zentralisierte Plattform.

Zero-Code-Konnektoren eliminieren darüber hinaus den Aufwand individueller Schnittstellenentwicklung. Systeme lassen sich schneller integrieren, was sich nicht nur auf Zeit- und Kostenseite bemerkbar macht, sondern auch bei der Sicherheit. Wo weniger individuelle Programmierung stattfindet, verringert sich die Fehleranfälligkeit. Die Identity Fabric nutzt diese Mechanismen, um bestehende Systeme automatisch zu kartieren. Das Ergebnis ist eine strukturierte Übersicht aller Identitätssysteme und der potenziellen Schwachstellen. Transparenz entsteht nicht durch Kontrolle über jedes Einzeltool, sondern durch die koordinierte Zusammenschaltung verteilter Komponenten.

Verteilte Steuerung, zentralisierte Kontrolle

Eine moderne Identity Fabric basiert auf der Idee verteilter Identitätsverwaltung. Nicht ein einzelner zentraler Knoten, sondern ein Netzwerk koordinierter Instanzen übernimmt gemeinsam die Verwaltung. Die Struktur reagiert damit flexibel auf Ausfälle und skaliert mit wachsenden Anforderungen. Jede Identität wird dort verwaltet, wo sie entsteht. Das Element der zentralen Steuerung bleibt dabei erhalten. Diese Architektur macht sich bezahlt in Zeiten wachsender Bedrohungslagen und hoher Betriebsdynamik.

Die Funktionalität umfasst sämtliche Prozesse der Identitätssteuerung. Dazu gehört das Identity Lifecycle Management ebenso wie Zugriffssteuerung, Privilegien Management, Auditierung, Reporting und die Sicherstellung regulatorischer Vorgaben. Die Identity Fabric verfolgt einen Zero-Trust-Ansatz. Zugriffe werden kontinuierlich validiert. Das Vertrauen basiert nicht auf der Zugehörigkeit zum Unternehmensnetz, sondern auf situativen Kontextfaktoren. Risikobasierte Authentifizierung bewertet die aktuelle Bedrohungslage und entscheidet dynamisch, welche Authentifizierungsmaßnahmen zum aktuellen Zeitpunkt erforderlich sind. Die Integration von KI und maschinellem Lernen erlaubt eine vorausschauende Reaktion auf Anomalien und automatisierte Anpassung der Sicherheitsmechanismen.

Identitätsvielfalt kontrollieren – menschlich wie maschinell

Moderne Infrastrukturen umfassen längst nicht mehr nur Benutzer mit klassischem Login. Automatisierte Systeme, RPA-Skripte, APIs und IoT-Geräte agieren mit eigenen Identitäten. Die Identity Fabric erkennt und verwaltet diese Non-Human Identities gleichberechtigt. Die Anforderungen an Sichtbarkeit, Kontrolle und Nachvollziehbarkeit gelten für diese Systeme ebenso wie für menschliche Nutzer. Die Identity Fabric bricht Begrenzungen auf, ohne bestehende Systeme obsolet zu machen. Sie baut dabei auf bereits vorhandenen Funktionen auf und führt diese in einer übergreifenden Struktur zusammen.

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Produktivitätsgewinn durch Benutzerzentrierung

Nicht nur die Sicherheit, auch die Produktivität steht im Zentrum. Die Identity Fabric verbessert das Nutzererlebnis durch Self-Service-Funktionen, die Passwörter zurücksetzen, Zugriffe anfordern oder Rollen wechseln lassen. Dies reduziert die Last auf den Helpdesk und beschleunigt Geschäftsprozesse. Der Einsatz passwortloser Authentifizierungsverfahren auf Basis biometrischer Merkmale oder Einmal-Token sorgt für Sicherheit ohne zusätzliche Reibung. Adaptives Access Management stellt sicher, dass der Zugriff dem Kontext angepasst bleibt, ohne Benutzer zu blockieren oder unnötig zu fordern. Die Benutzererfahrung verbessert sich merklich, ohne dass dabei ein Kontrollverlust eintritt.

Zwischen Strategie und Marktakzeptanz

Identity Fabric ist kein Produkt, sondern eine Architekturvision. Ihre Funktionen sind teilweise bereits in existierenden Systemen wie den Enterprise-Produkten von One Identity enthalten. Die Entwicklung neuer Lösungen zielt darauf ab, verbleibende Lücken zu schließen. Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt. Neue Begriffe wie Fabric sollen potenzielle Neukunden ansprechen, dürfen aber bestehende Kunden nicht verunsichern. Insbesondere im europäischen Markt ist der Begriff nicht durchgängig akzeptiert. Er weckt teilweise Assoziationen mit schlecht überschaubaren Identitätsstrukturen, obwohl das Gegenteil der Fall ist.

Branchen im Fokus, Komplexität im Griff

Besonders spürbar wird der Nutzen der Identity Fabric in regulierten Branchen. Banken, Versicherungen, Energieversorger oder Gesundheitseinrichtungen müssen nicht nur hohe Sicherheitsstandards erfüllen, sondern auch lückenlose Nachweise über Zugriffsrechte und Datenflüsse erbringen. Die Fabric erlaubt ein durchgängiges Reporting mit vollständiger Rückverfolgbarkeit. Änderungen an Rollen, Rechten und Systemzugängen lassen sich dokumentieren und im Rahmen von Compliance-Audits belegen. Die Fähigkeit, Identitäten über System- und Organisationsgrenzen hinweg konsistent zu verwalten, zahlt sich hier doppelt aus – technisch wie regulatorisch.

Zukunftsfähigkeit durch strategische Modularität

Unternehmen befinden sich selten in der Position, ihre Systeme vollständig neu zu gestalten. Bestehende Investitionen müssen berücksichtigt, Legacy-Anwendungen eingebunden, gewachsene Prozesse respektiert werden. Die Identity Fabric erlaubt genau diese Balance. Sie ersetzt keine Tools, sondern verbindet sie. Sie abstrahiert Unterschiede, ohne sie zu negieren. Die Skalierbarkeit ermöglicht einen schrittweisen Ausbau, der mit den Anforderungen wächst. Zusätzlich schafft sie eine Grundlage für Technologien, die heute noch nicht Teil der Landschaft sind.

Durch die Konsolidierung wird eine zentrale Single Source of Truth für Identitäten geschaffen. Redundanzen werden reduziert, die Datenqualität verbessert, und es ist sichergestellt, dass Entscheidungen auf verlässlichen Informationen beruhen. Der Aufwand für Nachbearbeitung, Kontrolle und manuelle Abstimmung sinkt. Und damit sinken auch die langfristigen Betriebskosten.

Moderne Identitätsarchitekturen benötigen mehr als Tools. Sie brauchen ein verbindendes Prinzip. Die Identity Fabric bietet diesen Rahmen. Sie erlaubt Sicherheit ohne Kompromisse, Integration ohne Brüche und Skalierbarkeit ohne neue Komplexität. Unternehmen, die diesen Weg gehen, gewinnen mehr als technische Konsistenz. Sie schaffen die Grundlage für digitale Stabilität.

Über den Autor: Robert Kraczek ist Global Strategist bei One Identity.

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