Sicherheitsrisiken durch Abhängigkeit Trump, Strafzölle, Datenrisiken – Wo bleibt Europas digitale Souveränität?

Von Paula Breukel 4 min Lesedauer

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Kurz vor dem Gipfel für europäische digitale Souveränität warnt der Bitkom: Neun von zehn Unternehmen hängen bei Hardware, Cloud und Künstlicher Intelligenz von einzelnen Ländern ab. Das birgt strategische Risiken für Cybersecurity, Lieferketten und Resilienz.

Europas digitale Abhängigkeit: Justitia wird zum Spielball globaler Datenmächte.(Bild:  Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert)
Europas digitale Abhängigkeit: Justitia wird zum Spielball globaler Datenmächte.
(Bild: Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert)

Kurz vor dem Gipfel für europäische digitale Souveränität am 18. November in Berlin legt Bitkom Research neue Zahlen zur digitalen Abhängigkeit deutscher Unternehmen vor. Die Ergebnisse fallen deutlich aus: 89 Prozent der Firmen, die digitale Güter oder Leistungen importieren, sehen sich davon abhängig, mehr als die Hälfte sogar stark. Die zentrale Bezugsquelle sind die USA und China. Das hat direkte Folgen für Sicherheit, Verfügbarkeit und Planungssicherheit in der IT.

Wie tief reicht die Abhängigkeit von Digitalimporten?

Nahezu alle Unternehmen in Deutschland (96 Prozent) importieren digitale Technologien oder Services. Ganz oben stehen Endgeräte wie Smartphones und Notebooks, die 93 Prozent der Firmen aus dem Ausland beziehen. Es folgen digitale Bauteile wie Chips, Halbleiter und Sensoren mit 74 Prozent, Software-Anwendungen mit 72 Prozent und Cybersicherheits-Anwendungen wie Firewalls mit 67 Prozent.

Digitale Maschinen, etwa Produktionsanlagen, importieren 60 Prozent der Unternehmen. 41 Prozent lagern digitale Dienstleistungen wie App-Entwicklung oder IT-Beratung ins Ausland aus. Nur eine sehr kleine Gruppe von vier Prozent der Unternehmen sieht sich langfristig überlebensfähig, wenn diese Importe dauerhaft wegfallen würden.

Die dominante Lieferländer: USA und China

Die stärkste Abhängigkeit besteht gegenüber den USA und China. 67 Prozent der Unternehmen importieren digitale Technologien und Leistungen nach eigenen Angaben häufig aus den Vereinigten Staaten, 58 Prozent häufig aus China. In beiden Fällen sehen sich jeweils 51 Prozent der Firmen stark abhängig von diesen Ländern. Die Einschätzung dieser starken Abhängigkeit ist im Laufe des Jahres weiter gestiegen.

Die stärkste Abhängigkeit besteht gegenüber den USA und China.(Bild:  Bitkom)
Die stärkste Abhängigkeit besteht gegenüber den USA und China.
(Bild: Bitkom)

Besonders kritisch fällt die Selbsteinschätzung der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit aus: Ohne Technologien und Services aus den USA geben die Unternehmen im Mittel an, noch rund 12 Monate überlebensfähig zu sein. Beim Ausfall von Lieferungen aus China wären es sogar nur 11 Monate. Auch Taiwan spielt eine zentrale Rolle. Fast jedes zweite Unternehmen, das digitale Technologien importiert, sieht sich dort von Hochleistungs-Chips abhängig. Damit werden geopolitische Spannungen im asiatisch-pazifischen Raum zu einem direkten Standort- und Sicherheitsrisiko.

Vertrauensverlust und Sicherheitsrisiken nach der Trump-Rückkehr

Parallel zur Abhängigkeit sinkt das Vertrauen in zentrale Partnerländer. Besonders deutlich fällt der Vertrauensverlust gegenüber den USA aus. Nur noch 38 Prozent der befragten Unternehmen geben an, Vertrauen in die Vereinigten Staaten zu haben; im Januar lag dieser Wert noch bei 51 Prozent. Bei China äußern 26 Prozent Vertrauen, 70 Prozent vertrauen der Volksrepublik wenig oder gar nicht.

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im November 2024 wirkt sich weiterhin messbar auf die Einschätzung aus. 33 Prozent der Unternehmen berichten von sehr negativen direkten oder indirekten Auswirkungen auf das eigene Geschäft, weitere 46 Prozent von eher negativen Effekten. Kein Unternehmen sieht positive Folgen. Entsprechend groß ist die Sorge vor protektionistischen Maßnahmen, Strafzöllen und Sanktionen.

Aus Sicherheits- und Betriebssicht wiegen ökonomische und regulatorische Risiken schwerer als rein technische Szenarien. 99 Prozent der Unternehmen befürchten zusätzliche finanzielle Belastungen durch Strafzölle oder Sanktionen. 56 Prozent rechnen mit Exportbeschränkungen, 49 Prozent sehen das Risiko eines Austritts der USA aus internationalen Organisationen. Ein Zugangsverlust zu Software- und Plattformdiensten bereitet jedem zweiten Unternehmen Sorge, 41 Prozent sehen das Risiko eines erzwungenen Abflusses sensibler Unternehmensdaten an US-Behörden. 37 Prozent fürchten einen erschwerten Zugang zu Technologien wie Chips oder Künstlicher Intelligenz (KI). Einschränkungen bei Cloud-Services markieren nur 14 Prozent als Gefahr, bleiben für viele sicherheitskritische IT-Umgebungen aber ein Stresstest.

Wie sehen Unternehmen die Rolle Europas und Deutschlands?

In der Gesamtsicht bewerten 93 Prozent der Unternehmen Deutschland als stark oder eher abhängig von digitalen Technologien und Leistungen aus dem Ausland. Nur zehn Prozent gehen davon aus, dass diese Abhängigkeit in den kommenden fünf Jahren sinken wird. 63 Prozent rechnen mit einer weiteren Zunahme. Damit verschiebt sich der Fokus zunehmend von klassischer Kosteneffizienz hin zu Resilienz, Kontrolle über Datenflüsse und verlässlichen Rahmenbedingungen.

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Gleichzeitig genießt Europa weiterhin vergleichsweise hohes Vertrauen. m Vertrauensranking liegen Frankreich und die übrigen Länder der Europäischen Union vorne, Japan folgt dicht dahinter. Frankreich erreicht 76 Prozent, Japan 72 Prozent, die übrigen EU-Länder ohne Frankreich 68 Prozent. Großbritannien folgt mit 58 Prozent. Diese Werte unterstützen den politischen Anspruch, digitale Souveränität stärker europäisch auszurichten und kritische Schlüsseltechnologien im eigenen Wirtschaftsraum zu verankern.

Was fordern Wirtschaft und Bevölkerung für mehr digitale Souveränität?

Neben der Unternehmensbefragung hat Bitkom die Bevölkerung befragt. 98 Prozent der Bürgerinnen und Bürger halten es für wichtig, dass Deutschland bei zentralen digitalen Technologien unabhängiger wird. 44 Prozent stufen die derzeitige Abhängigkeit als sehr hoch ein, 50 Prozent als eher hoch. Für viele ist die digitale Souveränität damit ein sicherheits- und wirtschaftspolitisches Kernthema.

Aus Unternehmenssicht besteht erheblicher Handlungsbedarf. 94 Prozent fordern verstärkte Investitionen in digitale Schlüsseltechnologien. 62 Prozent sprechen sich für den Aufbau europäischer Hyperscaler, also großer Cloud-Anbieter, aus. Gefordert wird eine leistungsfähige Cloud- und Rechenzentrums-Infrastruktur in Deutschland und Europa sowie der gezielte Ausbau eigener Kompetenzen bei Künstlicher Intelligenz, Quantum-Computing, Industrial Metaverse und IT-Sicherheit. Auch der Ausbau Deutschlands zu einem Standort für Chip-Fertigung gehört aus Sicht der Unternehmen dazu.

Ein weiterer Baustein ist das European Digital Identity Wallet, kurz die EUDI. Sie soll Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen ermöglichen, Identitätsdaten und digitale Nachweise sicher, selbstbestimmt und grenzüberschreitend zu verwalten. Auf dem Gipfel am 18. November werden erste Implementierungen präsentiert. Mehr als 60 Unternehmen haben bereits zugesagt, Anwendungen für die EUDI-Wallet bereitzustellen.

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