Aufbau einer cyberresilienten Organisation Wie Unternehmen die „Cyber-Gap“ schließen

Ein Gastbeitrag von Thomas Schumacher 5 min Lesedauer

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In einer gemeinsamen Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF) und Accenture zeigt sich deutlich, dass die Kluft zwischen cyberresilienten Organisationen und solchen, die bereits die Mindeststandards nicht erfüllen, nach wie vor wächst. Aktuelle Entwicklungen oder technologische Neuerungen wie Generative KI oder der zunehmende Fachkräftemangel werden diesen Abstand noch vergrößern.

Ein aktueller Bericht des Weltwirtschaftsforums (WEF) zeigt, dass die Kluft zwischen cyber­resilienten Unternehmen und Staaten und dem Rest der Welt immer größer wird.(Bild:  Kwest - stock.adobe.com)
Ein aktueller Bericht des Weltwirtschaftsforums (WEF) zeigt, dass die Kluft zwischen cyber­resilienten Unternehmen und Staaten und dem Rest der Welt immer größer wird.
(Bild: Kwest - stock.adobe.com)

Zum 54. Mal trafen sich Anfang des Jahres führende Wirtschaftsexperten, Politiker, Wissenschaftler und Journalisten zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Hauptthema der Konferenz war, wie jedes Jahr, die globale wirtschaftspolitische Lage. Dazu zählt nicht erst seit diesem Jahr auch der wachsende Bedarf an Cyber-Resilienz. Geopolitische Instabilität, sich rasant entwickelnde Technologien und eine wachsende Lücke in den Sicherheitsstrukturen zwingen Organisationen und Unternehmen dazu, ihre digitale Resilienz kontinuierlich anzupassen und auszubauen.

Diese Notwendigkeit spiegelt sich in der wirtschaftlichen Entwicklung des Cyber­sicherheits­sektors wider: Dieser wuchs im Jahr 2023 exponentiell schneller als die Gesamtwirtschaft und übertraf sogar das Wachstum des Technologiesektors. Doch diese Kurve verteilt sich nicht gleichmäßig auf einzelne Länder und Organisationen. Vielmehr wird die Kluft zwischen Cyber-Resilienten und dem Rest immer größer wie der WEF-Bericht „Global Cybersecurity Outlook 2024“ zeigt. Die Erhebung basiert auf einer Umfrage unter knapp 200 Experten aus 49 Ländern sowie auf Einzelinterviews mit CEOs globaler Unternehmen.

Zwischen guter Vorbereitung und unzureichenden Mitteln

Laut WEF-Bericht ist die Zahl der Unternehmen, die ein Mindestmaß an Cyber-Resilienz aufweisen, um 30 Prozent gesunken. Während große Unternehmen einen Anstieg ihrer Cyber-Resilienz verzeichnen, sind es vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, die einen deutlichen Rückgang aufweisen.

Darüber hinaus ist es nicht überraschend, dass die Cyber-Gap andere globale Entwicklungsindikatoren widerspiegelt. Die schwächsten Unternehmen befinden sich in Lateinamerika und Afrika, während die besten Unternehmen in Nordamerika und Europa zu finden sind. Dieses Phänomen, das manchmal als "Cybersecurity Poverty Line" bezeichnet wird, bezieht sich auf die hohen Kosten, die mit der Gewährleistung einer robusten Cybersicherheit verbunden sind - für die Experten, die Technologie und die Systeme einer Organisation.

Generative KI: Eine wachsende Herausforderung für die Cybersicherheit

Für die Zukunft zeichnet sich leider keine Verbesserung der Situation ab, sondern eher eine Verschärfung.

In der diesjährigen Umfrage gaben 70 Prozent der Führungskräfte an, dass sie bereits heute geopolitische Entwicklungen in der Cybersicherheitsstrategie ihres Unternehmens berücksichtigen. Darüber hinaus erwartet eine Mehrheit der Befragten, dass generative KI in den nächsten zwei Jahren die Cyber-Angreifer gegenüber den Verteidigern begünstigen wird. Ein Grund dafür ist, dass durch die schnelle und breite Adaption dieser neuen Technologien die Notwendigkeit einer sicheren Anwendung häufig vernachlässigt wird. Im Falle der generativen KI zeigt sich bereits heute, dass sie die Fähigkeit von Angreifern erhöht, Organisationen noch gezielter in Form von maßgeschneiderten Phishing-E-Mails und Malware sowie durch die Verbreitung von Desinformationen anzugreifen. Bösartige Chatbots wie FraudGPT und WormGPT reduzieren die notwendigen Fähigkeiten und den Aufwand, um komplexe und überzeugende Angriffskampagnen erfolgreich durchzuführen. Gerade Unternehmen, die derzeit bereits mit den Mindeststandards der Cyber-Resilienz zu kämpfen haben, geraten durch diese technologischen Entwicklungen weiter ins Hintertreffen.

Mangelnde Cybersicherheitstalente

Ein zusätzlicher Faktor, der die Kluft zwischen cyberresilienten Organisationen und dem Rest bereits heute, aber vor allem in Zukunft noch vergrößern wird, ist der zunehmende Mangel an Experten und Expertinnen im Bereich der Cybersicherheit. Im diesjährigen WEF-Bericht gab die Hälfte der nach Umsatz kleinsten Organisationen an, dass sie nicht über die notwendigen Fähigkeiten verfügen, um ihre Cyber-Ziele zu erreichen. Für 52 Prozent der öffentlichen Organisationen ist der Mangel an Ressourcen und Fähigkeiten die größte Herausforderung bei der Planung ihrer Cyber-Resilienz. Diese Zahl deckt sich mit der Statistik, dass in den deutschen Bundesministerien derzeit jede fünfte Stelle im Bereich IT-Sicherheit unbesetzt ist.

Um den Bedarf zu decken, konzentrieren sich viele Organisationen auf ihr aktuelles Personal. Zwar stellen viele Arbeitgeber nach wie vor Cybersicherheitsexperten ein, das wichtigste Mittel bleibt jedoch die Weiterbildung der Mitarbeitenden. Vor allem für kleinere Unternehmen, die im Wettbewerb um erfahrene Experten oft das Nachsehen haben, ist die Aus- und Weiterbildung unumgänglich.

Erste Schritte zu einer Stärkung der Cyberresilienz

Um die “Cyber-Gap” zu verlangsamen oder gar zu stoppen, bedarf es umfassender Anstrengungen auf globaler, nationaler und einzelbetrieblicher Ebene. Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen fehlt es jedoch häufig an Bewusstsein und Verständnis für die notwendigen Schritte, um eine cyberresiliente Organisation zu schaffen. Dabei gibt es eine Reihe von Maßnahmen, die unabhängig vom Budget ergriffen werden können und das Sicherheitsniveau grundlegend verbessern:

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1. Schritt: Etablierung einer Cyberkultur im Unternehmen

Der erste Schritt zum Aufbau von Resilienz - auch für kleine Unternehmen - ist die Schaffung eines Bewusstseins und einer Kultur für Cybersicherheit. Dazu gehören die Kommunikation und die allgemeine Sensibilisierung für potenzielle Bedrohungen sowie die Schulung der Mitarbeitenden in bewährten Verfahren. Hierzu zählen beispielsweise regelmäßige Schulungen zu Phishing-E-Mail-Kampagnen, zur Verwendung sicherer Passwörter und zum sicheren Umgang mit Laptops und Mobiltelefonen. Durch diese Maßnahmen können die Mitarbeitenden besser verstehen, wie sie sich vor Cyber-Angriffen schützen können und tragen so aktiv zur Stärkung der Cyber-Sicherheit im Unternehmen bei.

2. Schritt: Priorisierung der Resilienz in der Geschäftsstrategie

Cyber-Sicherheit sollte als strategischer Geschäftsfaktor verankert und Cyber-Resilienz in die allgemeine Geschäftsstrategie integriert seinen. Leider neigen Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten dazu, bei Compliance oder Cybersicherheit zu sparen. Diese kurzfristige Strategie ist jedoch fatal, da Kriminelle gerade dann von unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen profitieren. Stattdessen sollten Führungskräfte die Sicherheit ihrer Unternehmensstrukturen in den Vordergrund stellen und die langfristige Resilienz ihrer Organisationen gewährleisten.

3. Schritt: Verbesserung von Cyberhygiene und Patch-Management

Die regelmäßige Aktualisierung von Software und Systemen ist entscheidend, um potenzielle Schwachstellen zu schließen und Angriffsvektoren zu minimieren. Durch eine kontinuierliche Verbesserung der Cyberhygiene, einschließlich Maßnahmen zur Systemhärtung sowie regelmäßiger Sicherheitsupdates, können Unternehmen ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Cyberangriffen deutlich erhöhen.

4. Schritt: Fokussierung auf Wiederherstellung und Kontinuität

Darüber hinaus ist die regelmäßige Sicherung sensibler Daten von entscheidender Bedeutung. Diese Maßnahme dient als wichtiger Schutzmechanismus im Falle eines Ransomware-Angriffs oder eines unvorhergesehenen Datenverlusts. Durch die Sicherung und regelmäßige Aktualisierung von Backups können Unternehmen sicherstellen, dass sie ihre Daten und Geschäftsprozesse auch in den schwierigsten Situationen eines Cyberangriffs schnell und vollständig wiederherstellen können.

5. Schritt: Outsourcing von Security-Dienstleistungen

Für kleinere Unternehmen oder Unternehmen mit begrenzten Ressourcen kann es sinnvoll sein, den Betrieb von Sicherheitsdiensten auszulagern. Managed Security Service Providers (MSSPs) können Unternehmen bei der Umsetzung und Aufrechterhaltung einer effektiven Sicherheitsstrategie unterstützen, ohne die Kosten für interne Ressourcen zu erhöhen. Durch die Zusammenarbeit mit MSSP erhalten Unternehmen Zugang zu Expertenwissen und fortschrittlichen Sicherheitstechnologien, die ihnen helfen, sich vor Cyber-Bedrohungen zu schützen und Sicherheitsvorfälle effizient zu bewältigen. Auf diese Weise können sich kleine Unternehmen auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und gleichzeitig einen angemessenen Schutz vor digitalen Risiken gewährleisten.

Über den Autor: Thomas Schumacher ist Experte für Cybersicherheit beim Beratungsunternehmen Accenture.

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