Alert Fatigue macht Unternehmen angreifbarer Wenn Warnmeldungen selbst zum Sicherheitsrisiko werden

Ein Gastbeitrag von Stefan Marx 5 min Lesedauer

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Mehr Sichtbarkeit, mehr Sensoren, mehr Alerts galten in der IT-Sicherheit lange als Fortschritt. Tatsächlich geht in der Flut oft genau das Signal verloren, das wirklich zählt. Erst der richtige Kontext zeigt, welche Schwach­stellen und Vorfälle für ein Unternehmen tatsächlich gefährlich sind, und macht aus reiner Alarmmenge echte Priorität.

Mehr Alerts bedeuten nicht automatisch mehr Sicherheit. Erst der richtige Kontext zeigt, welche Schwachstellen und Vorfälle für Unternehmen tatsächlich relevant sind.(Bild: ©  CuteBee - stock.adobe.com)
Mehr Alerts bedeuten nicht automatisch mehr Sicherheit. Erst der richtige Kontext zeigt, welche Schwachstellen und Vorfälle für Unternehmen tatsächlich relevant sind.
(Bild: © CuteBee - stock.adobe.com)

Wenn Sicherheitsteams unter permanentem Alarmdruck stehen, steigt das Risiko, dass die wirklich kritischen Signale in der Masse untergehen. „Alert Fatigue“ ist deshalb kein bloßes Komfortproblem im Security Operations Center. Sie ist selbst zu einem Sicherheitsrisiko geworden. Denn wer jeden Tag Hunderte oder Tausende Warnmeldungen sichten, einordnen und eskalieren muss, priorisiert zwangsläufig im Akkord. Was dabei verloren geht, ist der Blick auf den tatsächlichen Kontext einer Bedrohung und damit auf die Frage, was für das Unternehmen in diesem Moment wirklich gefährlich ist.

Genau hier liegt ein grundlegendes Missverständnis vieler Sicherheitsstrategien: Nicht jede Warnmeldung ist gleich relevant. Nicht jede als „kritisch“ eingestufte Schwachstelle bedroht unmittelbar produktive Systeme. Und nicht jede Auffälligkeit erfordert dieselbe oder eine unmittelbare Reaktion. Wer alles gleichbehandelt, schützt am Ende oft Unwichtiges zuerst.

Priorisierung braucht Kontext statt pauschaler Dringlichkeit

Das Problem beginnt häufig bereits schon bei der Bewertung von Schwachstellen. In vielen Unternehmen dienen standardisierte Scores als erste Orientierung. Das ist sinnvoll, aber eben nur als Ausgangspunkt. Ob eine Schwachstelle tatsächlich dringlich ist, entscheidet sich nicht allein an einem abstrakten Basiswert, sondern an ihrem realen Kontext.

Entscheidend ist etwa, ob eine Schwachstelle ein produktives System betrifft, ob der betroffene Service aktuell angegriffen wird, ob bereits ein Exploit verfügbar ist und wie wahrscheinlich eine tatsächliche Ausnutzung ist. Genau diese Faktoren sind es, die aus technischer Relevanz echten Handlungsdruck machen.

Sinnvoller ist daher ein sogenannter “Severity Score”, welcher nicht nur aus dem ur­sprüng­lich­en CVSS-Wert abgeleitet wird, sondern um genau diese Kontextfaktoren ergänzt: Lauf­zeit­kon­text, aktiver Angriff, Verfügbarkeit eines Exploits, Erreichbarkeit des verwundbaren Services und Wahrscheinlichkeit der Ausnutzung. Der Unterschied ist entscheidend. Eine Schwachstelle mit hohem Basis-Score in einer wenig relevanten Umgebung stellt ein anderes Risiko dar als dieselbe Schwachstelle in einem produktiven, exponierten Dienst unter aktiver Attacke.

Wer dagegen jede kritische Schwachstelle automatisch an die Spitze der To-do-Liste setzt, überfordert Teams, bindet Entwicklerressourcen und verstärkt genau jene Alert Fatigue, die eigentlich reduziert werden müsste. Bessere Priorisierung ist damit nicht nur eine Frage der Sicherheit, sondern auch der Effizienz. Sie spart Zeit, senkt Kosten und sorgt dafür, dass knappe Kapazitäten dort eingesetzt werden, wo sie die größte Wirkung entfalten.

Dass dieser Ansatz Wirkung zeigen kann, deuten auch Datadog-Zahlen zur Schwachstellenlage an: Die durchschnittliche Zahl hoher oder kritischer Schwachstellen pro Anwendung mit mindestens einer SCA-Schwachstelle ist laut dem Datadog State of DevSecOps Report von 13,5 im Jahr 2025 auf 8 gesunken. Ob sich daraus ein belastbarer Trend für bessere Priorisierung ableiten lässt, wird sich erst über die kommenden Jahre zeigen.

Warum klassische SIEM-Workflows an Grenzen stoßen

Parallel dazu verschärft sich der Druck im operativen Betrieb. Moderne Umgebungen bestehen längst nicht mehr nur aus einigen Servern und Endpunkten. Sicherheitsteams müssen heute Clouds, Identitäten, Anwendungen, Endgeräte, Logs, Workloads und Observability-Daten gleichzeitig im Blick behalten. Hinzu kommt eine Angriffsdynamik, die durch stärker automatisierte und KI-gestützte Vorgehensweisen zusätzlich zunimmt.

Vor diesem Hintergrund stoßen klassische SIEM-Workflows zunehmend an ihre Grenzen. In vielen Organisationen bedeutet ein einzelner Alert noch immer: prüfen, korrelieren, Beweise sammeln, Ergebnisse analysieren, dokumentieren und gegebenenfalls eskalieren. Dieser Prozess kann Stunden dauern und das pro Vorfall. Wenn gleichzeitig neue Warnmeldungen nachlaufen, entstehen Warteschlangen, die Sicherheitsverantwortliche längst nicht mehr vollständig manuell abarbeiten können.

Das Problem ist also nicht nur die Anzahl der Alerts. Sondern der hohe manuelle Aufwand, der nötig ist, um aus einem Signal eine belastbare Entscheidung abzuleiten. Genau an dieser Stelle entsteht Ermüdung. Teams arbeiten nicht zu wenig, sondern oft an den falschen Stellen zu tief und an den richtigen Stellen nicht schnell genug. Die Folge sind längere Reaktionszeiten, steigende Mean Time to Detection und steigende Mean Time to Resolution.

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Gerade bei anhaltendem Fachkräftemangels ist das ein strukturelles Risiko. Unternehmen können nicht davon ausgehen, dass sie die wachsende Komplexität einfach mit mehr Personal kompensieren. Sie müssen ihre Sicherheitsprozesse so aufstellen, dass Menschen dort eingesetzt werden, wo menschliches Urteilsvermögen wirklich nötig ist.

Wie KI-gestützte Analysen Teams entlasten können

Daraus ergibt sich die eigentliche Rolle von KI im SOC: nicht als Ersatz für Analysten, sondern als Hebel gegen Überlastung. KI-gestützte Systeme können monotone und zeitintensive Teile der Untersuchung übernehmen, Daten aus verschiedenen Quellen zusammenführen, Kontext anreichern und eine erste, nachvollziehbare Bewertung liefern.

Untersuchungen, die bislang mehrere Stunden in Anspruch nehmen, lassen sich mittels KI mittlerweile auf bis zu 30 Sekunden verkürzen. Der Zeitaufwand für Bedrohungs­unter­suchungen und die Mean Time to Resolution lassen sich dadurch bereits deutlich reduzieren. Wenn autonome Analysen Beweissicherung, Kontextanreicherung und erste Einordnung übernehmen, gewinnen Sicherheitsteams Zeit für Eskalationsentscheidungen, Gegen­maß­nahmen, Kommunikation und die Beseitigung realer Risiken.

Weniger Alarm, mehr Relevanz

Unternehmen sollten den Reifegrad ihrer Sicherheitsprozesse deshalb nicht an der schieren Menge erkannter Warnmeldungen messen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welche Signale führen tatsächlich zu besseren Entscheidungen?

Alert Fatigue zeigt, dass mehr Daten und mehr Alarme allein keine Antwort auf moderne Bedrohungen sind. Was Sicherheitsteams brauchen, ist Kontext. Und sie brauchen Systeme, die diesen Kontext in großem Maßstab nutzbar machen.

Die Zukunft wirksamer Cyberabwehr liegt deshalb nicht in immer neuen Warnstufen, sondern in intelligenter Priorisierung. Erst wenn sich aus der Masse Relevanz ablesen lässt, entsteht aus Sichtbarkeit auch Sicherheit.

Über den Autor: Stefan Marx ist Senior Director Platform Strategy für die EMEA-Region beim Cloud-Monitoring-Anbieter Datadog. Er ist seit über 20 Jahren in der IT-Entwicklung und -Beratung tätig. In den vergangenen Jahren arbeitete er mit verschiedenen Architekturen und Techniken wie Java-Enterprise-Systemen und spezialisierten Webanwendungen. Seine Tätig­keits­schwer­punkte liegen in der Planung, dem Aufbau und dem Betrieb der Anwendungen, mit Blick auf die Anforderungen und Problemstellungen hinter den konkreten IT-Projekten.

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