Ransomware-Report Deutsche Firmen zahlen bereitwillig Lösegeld

Von Michael Matzer 7 min Lesedauer

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Storage-Insider sprach mit Mark Molyneux, dem CTO für die Region EMEA bei Cohesity, über die Übernahme von Veritas-Sicherheitsprodukten, einen neuen Cyber-Resilienz-Report, KI-Entwicklung und Partnerschaften.

Cyberverbrecher wollen abkassieren, haben gewöhnlich aber kein Interesse an der Wiederherstellung der Daten des erpressten Unternehmens.(Bild:  ©D-Keine, Getty Images Signature via Canva.com)
Cyberverbrecher wollen abkassieren, haben gewöhnlich aber kein Interesse an der Wiederherstellung der Daten des erpressten Unternehmens.
(Bild: ©D-Keine, Getty Images Signature via Canva.com)

„Wir haben eine Studie über die Auswirkungen von Cyberangriffen und die Kosten von Ransomware veröffentlicht“, berichtet Mark Molyneux, CTO EMEA bei Cohesity. „Sehr viele deutsche Unternehmen waren in den letzten sechs Monaten Opfer eines solchen Angriffs, und erstaunlich viele zahlen Lösegelder an Cyberkriminelle – entgegen ihrer eigenen Richtlinie, nicht zu zahlen.“ Für den aktuellen Cyber Resilience Report 2024 befragte Cohesity mehr als 3.100 IT-Entscheidungsträger in acht verschiedenen Ländern, darunter 404 in Deutschland, zu den Auswirkungen von Cyberkriminalität auf ihr Unternehmen und ihre Abwehr- und Datenwiederherstellungsfähigkeiten.

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In den vergangenen sechs Monaten wurden 83 Prozent Opfer einer Ransomware-Attacke – eine deutliche Steigerung gegenüber dem letzten Jahr (48 Prozent) und deutlich mehr als im weltweiten Ländervergleich (67 Prozent). „Es scheint also, dass deutsche Unternehmen besonders im Fokus der Ransomware-Angriffe stehen“, resümiert Molyneux. „Das liegt wohl zum Teil daran, dass sich deutsche Unternehmen den Ruf erworben haben, besonders bereitwillig zu zahlen.“

„Sie wiegen sich zudem in falscher Sicherheit eines Schutzes, den sie gar nicht besitzen.“ 88 Prozent der befragten deutschen Unternehmen sind zuversichtlich, was die Cyber-Resilienz-Strategie ihres Unternehmens und deren Fähigkeit angeht, den heutigen eskalierenden Cyber-Herausforderungen und -Bedrohungen zu begegnen und Daten wiederherzustellen. Demgegenüber äußern sehr wenige Umfrageteilnehmer (12 Prozent) Bedenken im Hinblick auf ihre Abwehrstrategien.

86 Prozent der deutschen Unternehmen haben im vergangenen Jahr laut Report nach einem Ransomware-Angriff tatsächlich Lösegeld gezahlt, um wieder Zugriff auf ihre Daten und Systeme zu erhalten. Weltweit waren es etwas über zwei Drittel der Unternehmen (69 Prozent). Diese Diskrepanz zwischen der optimistischen Einschätzung der eigenen Abwehr- und Wiederherstellungsfähigkeiten sowie der Notwendigkeit, Lösegelder zu bezahlen, wirft die Frage auf, wie gut die Cyber-Resilienz der deutschen Unternehmen wirklich ist.

Ein zentrales Indiz in diesem Zusammenhang sei der Zeitraum, den deutsche Unternehmen benötigen, um Daten und Geschäftsprozesse nach einem Angriff wieder herzustellen. Denn je länger die Rückkehr in den regulären Geschäftsbetrieb dauert, desto größer der Druck, die Zahlung eines Lösegelds als schnellere Option zu wählen.

„64 Prozent der befragten deutschen Unternehmen brauchen zwischen ein bis zwei Wochen und zwei Monaten für die Recovery, weltweit sind nur 47 Prozent so langsam“, berichtet Molyneux. „Nur sieben Prozent der deutschen Unternehmen schaffen es innerhalb von ein bis drei Tagen, der internationale Durchschnitt ist hier mehr als doppelt so hoch (18 Prozent). Manche Befragten verwechseln beispielsweise die Einhaltung einer RTO/RPO mit Cyber-Resilienz.“

„Die Studienergebnisse zeigen eine Kluft zwischen Selbstbild und Realität bei der Wiederherstellung nach einem Cyberangriff“, so James Blake, Global Head of Cyber Resiliency Strategy bei Cohesity. „Viele deutsche IT- und Sicherheitsexperten haben offenbar nur dann Vertrauen, ihre Daten wiederherzustellen, wenn sie das Lösegeld zahlen. Aber: Die Zahlung eines Lösegelds führt selten zur Wiederherstellung aller Daten. Sie birgt logistische Herausforderungen und eine potenzielle strafrechtliche Haftung. Ganz zu schweigen davon, dass Kriminelle dadurch belohnt werden. Es ist an der Zeit, dass Unternehmen ihre Cyber-Widerstandsfähigkeit kritisch überprüfen und ihre Abwehrfähigkeiten verstärken.“

Darüber hinaus führt die Zahlung von Lösegeldern nicht zur vollständigen Wiederherstellung und kompletten Datenhoheit. Die Daten zeigen, dass nur 4 Prozent der Unternehmen alle Daten wiederherstellen konnten. Denn die Datenausgabe der Ransomware-Banden ist ein überstürzter, willkürlicher Prozess, der nie auf Qualität und Zuverlässigkeit ausgelegt ist. Unternehmen brauchen oft Monate, um sich zu erholen, und haben möglicherweise keine Patches für Schwachstellen installiert, so dass eine Hintertür für weitere Ransomware-Angriffe offenbleibt.

„Cybersicherheit“, so Blake weiter, „muss deshalb oberste Priorität bei Geschäftsführern haben, nicht nur von IT- und Sicherheitsverantwortlichen. Ebenso sollten Unternehmen Regulierung und Gesetzgebung nicht als ‚Obergrenze‘, sondern als ‚Untergrenze‘ betrachten, sowohl bei der Entwicklung von Cyber-Resilienz-Strategien als auch bei der Einführung von Datensicherheits- oder Wiederherstellungsfunktionen.“ Mark Molyneux verweist auf das neue EU-Gesetz Digital Operational Resilience Act (DORA): „Die Vorschriften, die die EU-Kommission in DORA der Finanzbranche macht, eignen sich auch für viele andere Branchen.“

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Veritas-Übernahme

Obwohl die Veritas-Übernahme erst gegen Ende des Jahres 2024 erfolgt und bis dahin eine Schweigepflicht bei börsennotierten Unternehmen wie Cohesity und Veritas herrscht, kann Mark Molyneux doch ein paar Statements verlautbaren. „Unser Umsatzziel liegt bei 5 Milliarden US-Dollar jährlich. Zusammen mit den Veritas-Produkten wird Cohesity einer der größten Anbieter in der Data-Protection-Branche.“ Laut Statistik schütze Cohesity rund 100 Exabyte an Kundendaten, bei über 10.000 Kunden und in Zusammenarbeit mit einem Ökosystem von Partnern. „Kein Kunde wird im Stich gelassen!“, versichert Molyneux. „Aber ob Lizenzen nach Abschluss der Übernahme eins zu eins übernommen werden können, wird man am Jahresende sehen.“

Hohe Nachfrage nach KI

KI ist das Thema Nummer eins für die Vorstände, wenn wir mit ihnen sprechen“, berichtet der CTO für EMEA. Nachdem Cohesity im Februar einen ersten KI-gestützten Assistenten namens Gaia vorstellte, ist es dem Unternehmen im März gelungen, auch Nvidia zu einer substantiellen Beteiligung von 150 Millionen US-Dollar zu bewegen. „Dabei kommen die kürzlich angekündigten Nvidia-NIM-Microservices zum Einsatz, und Nvidia AI Enterprise wird in die Plattform Cohesity Gaia integriert“, berichtet Molyneux. „Die Gaia-Plattform fasst mehrere zum Patent angemeldete KI-Fähigkeiten und -Technologien zusammen und wird Nvidia NIM und weitere Technologien als gehärtete Multi-Cloud-Datenplattform der Enterprise-Klasse bereitstellen.“ Nvidia habe bereits die RAG-Unterstützung in Gaia gefördert, die inzwischen den Kunden zur Verfügung stehe. Das erweitere die Suchmöglichkeiten für diese Suchmaschine beträchtlich.

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Strategische Partnerschaften

Auch Big Blue investiert seit April in Cohesity. Cohesity Data Protect wird in IBMs End-to-End-Cyber-Resilienz-Plattform „IBM Storage Defender“ integriert, so dass IBM de facto ein OEM-Distributor von Cohesity sei, so Molyneux. „Dies ermöglicht es Unternehmen, Fälle von Datenverletzungen und Cyberangriffen besser zu bewältigen.“

Im September konnte Cohesity auch Crowdstrike als strategischen Partner gewinnen. „Das Ziel dieser Partnerschaft ist es, Bedrohungen schneller zu erkennen und darauf zu reagieren“, erläutert Molyneux. „Dazu werden die robusten Datenschutzfunktionen von Cohesity mit den Threat-Intelligence-Feeds von Crowdstrike kombiniert.“

Die Datenschutzlösung von Cohesity greife die Bedrohungsdaten von Crowdstrike auf, welche mehr als 250 Angreifer tracken und Indikatoren für mögliche erfolgreiche Einbrüche enthalten (Indicators of Compromise, IOC). Gemeinsame Kunden können so frische Angriffspuren und Hinweise auf Einbrüche viel genauer und damit zuverlässiger identifizieren. Kunden können in ihren Backups von Cohesity zudem diskret und passiv nach Bedrohungen suchen oder aktiv auf Vorfälle reagieren, ohne dass die Angreifer ihrerseits Gegenmaßnahmen einleiten können.

Seit April arbeitet Cohesity mit Intel zusammen. Intel bringt seine vertrauliche Datenverarbeitung (Confidential Computing) in die Cohesity Data Cloud ein. Der branchenführende Cyber-Vault-Service „FortKnox“ von Cohesity wird diese Data-in-Use-Verschlüsselung als erster Dienst im Datenmanagement-Segment unterstützen.

Cohesity und Intel lösen gemeinsam ein drängendes Problem vieler CIOs im Bereich Cybersicherheit. Bisher existieren nur begrenzte Ansätze für den Schutz von Daten, die aktiv im Speicher verarbeitet werden. Das kann dazu führen, dass die Daten unverschlüsselt und damit anfällig für Insider-Angriffe sind. Die vertrauliche Datenverarbeitung, die durch Intel Software Guard Extensions (Intel SGX) umgesetzt wird, unterstützt Cohesity-Kunden nun gezielt, dieses Risiko zu verringern. Dies ist wichtig für stark regulierte Branchen wie Finanzinstitute, das Gesundheitswesen und Behörden.

Die Data Security Alliance

„Wir erweitern unser DSA-Ökosystem von Best-of-Breed-Partnern gemäß unserer Strategie, dass jeder Partner die Data Security Alliance (DSA) erweitern und unsere API nutzen sollte“, berichtet Molyneux. „Tenable ist beispielsweise für Schwachstellenbehebung zuständig, dann sind da noch Zscaler, Crowdstrike und andere. Cohesity kümmert sich weiterhin um den Schutz von Sekundärdaten.“

Die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern und Allianz-Partnern ist unterschiedlich geregelt. IBM beispielsweise hat einen OEM-Vertrag mit Cohesity geschlossen und verkauft die Lösung auf der eigenen Preisliste unter dem Namen „Storage Director“ über den eigenen Channel an Endkunden. Cisco hat Teile der Cohesity-Lösung auf der eigenen Preisliste, so dass auch deren Sales- und Partnerlandschaft die Lösungen in großen Projekten als integralen Bestandteil mit anbieten können.

Bei anderen Mitgliedern wie BigID wiederum wurden gemeinsame neue Lösungen wie „DataHawk“ von Cohesity entwickelt, die der Channel von Cohesity als integriertes Gesamtpaket an den Endkunden verkaufen kann. DataHawk kombiniert die Virtual-Gap-Lösung Fort Knox mit den Klassifizierungstechniken von BigID und Threat Intelligence eines weiteren Partners. Das langfristige Ziel der Allianz ist es, weitere technische Integrationsschnittstellen zwischen den Lösungen der Mitglieder und so weitere Synergieeffekte zu schaffen.

Höhere Energieeffizienz

Die Nutzung von KI und der Ausbau ihrer Nutzung stellen eine Herausforderung hinsichtlich der Nachhaltigkeit dar. „Je mehr KI genutzt wird, desto höher der Energieverbrauch – etwa das Dreifache – und der Ausstoß von Klimagasen“, sagt Molyneux. Die Partnerschaft mit den Chipherstellern AMD und Intel soll zur höheren Nachhaltigkeit bei der Nutzung von KI in Rechenzentren beitragen. „Die Cohesity Data Cloud unterstützt seit Juni Server mit AMD-EPYC-Prozessoren“, berichtet der CTO. „Unternehmen können die Cohesity Data Cloud nun auch auf AMD-EPYC-CPU-basierten All-Flash- und Hybrid-Servern von Dell, HPE und Lenovo bereitstellen und betreiben.“

„Mit der Unterstützung von Servern mit AMD-EPYC-Prozessoren eröffnen wir unseren Kunden neue Möglichkeiten“, versichert John Davidson, Group Vice President, Americas Sales, Cohesity. „Sie können ihre Datensicherheits- und Managementstrategien jetzt auf ihrer bevorzugten Hardware-Konfiguration umsetzen und so ihr Rechenzentrum individuell modernisieren, die Leistung steigern sowie Energie-, Platz- und Kosteneinsparungen erzielen.“ All-Flash-Server würden zunehmend beliebt bei Unternehmen, die anspruchsvolle Anwendungen und Workloads betreiben, mit knappen Energiebudgets hantieren oder wenig Platz in ihrem Rechenzentrum haben. „Cohesity nutzt die Vorteile der AMD-EPYC-CPUs bei Leistung, Kosten und Energie-Effizienz“, so Davidson.

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(Bild: Storage-Insider)

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