Neue Schutzlogik für Datenräume Unsichtbarkeit als Sicherheitsprinzip

Ein Gastbeitrag von Marco Pfuhl 4 min Lesedauer

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Digitale Sicherheit orientierte sich lange an Mauern und Kontrollpunkten. Doch mit der Professionalisierung von Cyberangriffen verschiebt sich das Paradigma. Sichtbare Systeme werden gezielt attackiert. Resilienz entsteht, wo kritische Daten gar nicht erst auffindbar sind.

Während das Threat Management Sichtbarkeit zur Erkennung und Reaktion braucht, benötigt die eigene Architektur hingegen laut Autor Marco Pfuhl Unsichtbarkeit durch logisch isolierte, verdeckte Backups, da Angreifer sichtbare, adressierbare Systeme automatisiert aufspüren und zuerst kompromittieren.(Bild:  Gemini / Vogel IT-Medien GmbH / KI-generiert)
Während das Threat Management Sichtbarkeit zur Erkennung und Reaktion braucht, benötigt die eigene Architektur hingegen laut Autor Marco Pfuhl Unsichtbarkeit durch logisch isolierte, verdeckte Backups, da Angreifer sichtbare, adressierbare Systeme automatisiert aufspüren und zuerst kompromittieren.
(Bild: Gemini / Vogel IT-Medien GmbH / KI-generiert)

In den letzten Jahren war IT-Sicherheit von einer beinahe baulichen Perspektive geprägt. Di­gi­tale Infrastrukturen wurden so gestaltet, dass sie nach außen klar abgegrenzt erschienen, während im Inneren jeder Zugriff nachvollziehbar blieb und Auffälligkeiten unmittelbar ein­gedämmt wurden. Zugrunde lag das Konzept klar definierter Zonen und belastbarer Schutz­wälle, die Angriffe frühzeitig sichtbar machen und konsequent auf Abstand halten sollten.

Dieses Modell funktioniert mit den immer ausgefeilteren Cyber-Attacken jedoch immer sel­te­ner. Die Wertschöpfung verlagert sich in komplexe, verteilte Strukturen, in denen An­wen­dun­gen flexibel zwischen eigenen Rechenzentren und Cloud-Umgebungen zirkulieren und Be­schäftigte ortsunabhängig auf zentrale Datenbestände zugreifen. Gleichzeitig profes­sio­na­li­sier­en sich Angreifer und durchkämmen mit einem hohem Automatisierungsgrad selbst viel­schich­tige Infrastrukturen nach verwundbaren Knotenpunkten. Wer in digitalen Räumen klar identifizierbar ist, wird zum lohnenden Ziel.

Backup als strategisches Angriffsziel

Besonders deutlich zeigt sich der Wandel beim Thema Backup. Sicherungskopien galten lange als letzte Verteidigungslinie. Wurde ein System kompromittiert, ließ es sich aus dem Backup wiederherstellen. Dieses Sicherheitsversprechen hat sich herumgesprochen, auch bei Kri­mi­nellen.

Ransomware-Gruppen greifen heute bevorzugt Sicherungsinfrastrukturen an. Sie ver­schlüs­seln oder löschen Backups, bevor sie Systeme in der Produktion attackieren. Der Hintergrund ist logisch: Wenn die Wiederherstellung unmöglich wird, steigt der Druck auf betroffene Or­ga­ni­sa­tio­nen erheblich.

Mit dem Boom datenintensiver Anwendungen und dem Einsatz generativer KI wächst zudem die Bedeutung gespeicherter Informationen. Das macht Unternehmensdaten zur Ge­schäfts­grund­lage und zum Wettbewerbsfaktor. Entsprechend steigt der Anreiz, genau diese Daten­be­stände zu kompromittieren. Der IDC Worldwide Security Spending Guide prognostizierte im März 2025 ein Wachstum der weltweiten Sicherheitsausgaben um 12,2 Prozent für das Jahr 2025. Die Investitionen spiegeln wider, wie stark Unternehmen den Handlungsbedarf ein­schätzen.

Die Grenzen klassischer Schutzkonzepte

Traditionelle Sicherheitskonzepte setzen auf Sichtbarkeit und Kontrolle. Dafür werden In­fra­strukturen lückenlos erfasst und Abweichungen vom Normalbetrieb mit analytischen Ver­fahren ausgewertet, um Risiken möglichst frühzeitig zu identifizieren. Dieser Ansatz bleibt wichtig, stößt jedoch an strukturelle Grenzen. Je komplexer die Umgebung, desto größer die Angriffsfläche.

Hinzu kommt ein strategisches Problem. Was eindeutig adressierbar ist, kann auch gezielt gesucht werden. Moderne Angriffe beginnen häufig mit der systematischen Erkundung der Infrastruktur. Automatisierte Tools durchforsten Cloud-Umgebungen nach offen zugänglichen Schnittstellen, falsch konfigurierten Speicherorten oder privilegierten Konten.

In diesem Umfeld reicht Unveränderlichkeit allein nicht mehr aus. Zwar verhindern technische Mechanismen, dass Daten überschrieben oder gelöscht werden. Doch wenn Angreifer wissen, wo sich diese Daten befinden, können sie versuchen, Zugriffsrechte zu kompromittieren oder administrative Prozesse zu manipulieren. Die reine Härtung einzelner Komponenten greift zu kurz, wenn deren Existenz offensichtlich bleibt.

Physische Resilienz als Vorbild

Ein Blick auf physische Konflikte zeigt eine andere Logik. Militärische und kritische In­fra­struk­turen verteilen zentrale Systeme auf getrennte Standorte und schotten besonders sensible Be­reiche konsequent voneinander ab, damit ein Angriff nicht das gesamte Gefüge lahmlegt und zentrale Komponenten möglichst schwer erreichbar bleiben. Entscheidend ist nicht nur die Stabilität einer Anlage, sondern auch ihre Unsichtbarkeit für potenzielle Angreifer.

Übertragen auf digitale Räume bedeutet das, besonders schützenswerte Datenbestände so zu isolieren, dass sie selbst bei einem erfolgreichen Eindringen in die Primärumgebung nicht ohne Weiteres auffindbar oder veränderbar sind. Logische Trennung, mehrstufige Authentifizierung und klar definierte Wiederherstellungsprozesse gewinnen also zunehmend an Bedeutung.

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Neben Verschlüsselung und Zugriffskontrolle tritt das Prinzip der verdeckten Ablage. Be­stimm­te Sicherungskopien werden so gespeichert, dass sie im regulären Verwaltungsprozess nicht sichtbar sind und nur unter Mitwirkung mehrerer autorisierter Personen zugänglich werden. Dieser Ansatz knüpft an bekannte Air-Gap-Strategien an, erweitert sie jedoch um eine Di­men­sion der Nichtauffindbarkeit.

Architekturen für den Ernstfall

Der Druck kommt nicht allein aus der Bedrohungslage, denn auch Aufsichtsbehörden und Re­gu­lierer verschärfen die Anforderungen an die Integrität geschäftskritischer Daten. Vorgaben aus Datenschutzgesetzen, branchenspezifischen Regelwerken und Finanzaufsicht fordern nachweisbare Wiederherstellbarkeit und Schutz vor Manipulation.

Für regulierte Branchen wie Gesundheitswesen, Finanzsektor oder öffentliche Verwaltung bedeutet das, Resilienz systematisch zu verankern. Technische Maßnahmen müssen do­ku­mentiert und Prozesse überprüfbar gestaltet werden. Gleichzeitig dürfen Sicher­heits­ar­chi­tek­turen nicht so komplex werden, dass sie im Ernstfall handlungsunfähig machen.

Die Herausforderung besteht darin, Schutz und Praktikabilität auszubalancieren. Mehrstufige Authentifizierungsverfahren, klar getrennte Rollenmodelle und logisch isolierte Spei­cher­be­reiche erhöhen die Sicherheit, ohne zwangsläufig operative Abläufe zu lähmen. Entscheidend ist eine Architektur, die von vornherein davon ausgeht, dass Angriffe erfolgreich sein können.

Digitale Sicherheit orientiert sich damit immer stärker an den Regeln asymmetrischer Kon­flikte, in denen Angriffe trotz aller Vorsorge nicht vollständig auszuschließen sind. Wenn sich Organisationen widerstandsfähig aufstellen wollen, müssen sie einkalkulieren, dass ein Ein­dringen gelingt, und gerade jene Datenbestände besonders absichern, die für Geschäfts­be­trieb, Vertrauen und regulatorische Konformität kritisch sind. Schutzkonzepte dürfen sich nicht darin erschöpfen, äußere Grenzen zu verstärken. Sie müssen sicherstellen, dass essenzielle In­for­ma­tio­nen selbst nach einer Kompromittierung der Primärsysteme unangetastet bleiben. Un­sicht­bar­keit wird so zu einem kalkulierten Element moderner Sicherheitsarchitekturen.

Über den Autor: Marco Pfuhl ist Country Manager DACH bei Wasabi und verantwortet das Wachstum sowie die Marktentwicklung im Bereich Cloud-Storage in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zuvor war er in Vertriebs- und Führungspositionen bei anderen Unternehmen tätig.

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