Hilfe, die Cloud brennt – ein Kommentar Die Folgen des OVHcloud-Dramas

Redakteur: Ulrike Ostler

Cloud ist super. Aber nicht, wenn die Wolken-IT das eigene Denken vernebelt. Dass eines der OVHcloud-Rechenzentren mit rund 12.000 Servern in Flammen aufging ist tragisch, dass mehrere 100.000 Website offline waren, auch. Aber dass Daten unwiederbringlich verloren sind, muss wohl in die Kategorie Dummheit oder Nachlässigkeit oder Sparen am falschen Platz gepackt werden.

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Der Brand bei OVHcloud in Straßburg sah nicht nur spektakulär aus, er hat auch wirtschaftlich verheerende Folgen.
Der Brand bei OVHcloud in Straßburg sah nicht nur spektakulär aus, er hat auch wirtschaftlich verheerende Folgen.
(Bild: Feuerwehr Kehl)

Wer in aller Welt glaubt, nur weil Daten und Rechnerei in einer Cloud verschwinden, dass diese keine Sicherung brauchen? Multicloud, Hybrid-Cloud, Georedundanz ist etwas für Weicheier, Digitalhypochonder oder Paranoiker – offenbar doch nicht.

Inwieweit OVHcloud selbst Schuld an diesem GAU hat, muss noch geklärt werden. Schuldzuweisungen sind da schneller: Die Containerbauweise, die fehlenden Sprinkleranlagen!, ….

Der erste Twitter-Post vom OVHcloud-Gründer Octave Klaba zum Brand im Straßburger Rechenzentrum.

Immenser Sachschaden

Das OVHcloud-Rechenzentrum in Straßburg ist abgebrannt

Jedenfalls ist das fünfstöckige Rechenzentrum „SBG2“, in dem das Feuer am 10. März ausbrach, völlig zerstört, das angrenzende Rechenzentrum „SBG1“ teilweise, vier von zwölf Serverräumen sind dort betroffen. Die Datacenter „SBG3“ und „SBG4“ konnten isoliert werden, sind aber derzeit nicht einsatzfähig.

Aktionsplan für den Wiederaufbau
Aktionsplan für den Wiederaufbau
(Bild: OVHcoud)

Schrittweise neu starten

OVH beschäftigte gestern 136 Fachkräfte im 24-Stunden-Dienst mit der Schadensbehebung. Insgesamt will der Cloud-Anbieter in den kommenden Wochen rund 15.000 neue Server bereitstellen, um die Ausfälle zu kompensieren. Auch einen Termin für den Neustart gibt es bereits: Am 22. März soll der graduelle Neustart der Server in Straßburg erfolgen.

Beim Klicken auf die einzelnen Abbilder der OVH-Cloud-Gebäude in Straßburg können Interessenten verfolgen, welche Server arbeiten.
Beim Klicken auf die einzelnen Abbilder der OVH-Cloud-Gebäude in Straßburg können Interessenten verfolgen, welche Server arbeiten.
(Bild: OVHcloud)

Wer mitverfolgen möchte, welche Rechner in welchem der OVHcloud-Gebäude in Straßburg online geht, für den hat der Betreiber einen Service eingerichtet. Realtime status of OVHcloud datacenters

Die weiteren Informationen zu den Schäden und den Wiederaufbau finden sich auf der eigens dafür eingerichteten Site: Datacenter Straßburg: latest information

Trotzdem wird OVHcloud und den Kunden ein immenser Schaden bleiben; denn ein Großteil der Daten und Anwendungen waren nicht zusätzlich gesichert. Nach Angaben des britischen Unternehmens Netcraft, der die Erreichbarkeit von Websites misst, wurden nach dem Brand rund 3,6 Millionen Websites auf 464.000 verschiedenen Domains offline genommen. Zumindest kurzfristig waren mehr als 18 Prozent der IP-Adressen, die OVHcloud zugeordnet werden, unerreichbar. Am heftigsten hatte es fr-Domains erwischt: 1,9 Prozent verschwanden weltweit aus dem Netz. Betroffen waren auch staatliche Stellen aus Frankreich, etwa die die Corona-Infektionszahlen publiziert, aus Polen, der Elfenbeinküste und Großbritannien.

Die Abbildung zeigt ein Lastüberwachungsdiagramm für einen Server, der in einem der Straßburger OHcloud-Rechenzentren lief. Es wurde zuletzt um 02:13 Uhr aktualisiert und zeigt den Abbruch während des Brands an.
Die Abbildung zeigt ein Lastüberwachungsdiagramm für einen Server, der in einem der Straßburger OHcloud-Rechenzentren lief. Es wurde zuletzt um 02:13 Uhr aktualisiert und zeigt den Abbruch während des Brands an.
(Bild: Netcraft)

Noch ist unklar, wie hoch der Datenverlustschaden beziffert werden muss. Gut sind die OVHcloud-Kunden dran, die selbst für ein Backup gesorgt haben. Natürlich kommen jetzt die Geier, die Habe ich schon-immer-gesagt-Besserwisser, die Cloud-Skeptiker …. selbst Verschwörungstheorien kursieren.

Trotzdem lässt sich an dieser Stelle der Datenspezialist Netapp zitieren: „Das Rad lässt sich auch in der IT-Geschichte nicht zurückdrehen.“ Tatsache ist, dass sich mithilfe von Cloud-Services und Cloud-Technologien wesentlich effizienter Aufgaben lösen und neue Geschäftsmodelle entwickeln oder Prozesse automatisieren lassen als in klassischen Silostrukturen. Netapp verweist explizit auf Microsoft Azure, Google Cloud Platform, Amazon Web Services

Cloud Computing ist Mist?

Doch lässt sich auch getrost GaiaX-Gründungsmitglied OVHcloud dazu fügen; der Provider hat seinen Kunden auch die Option einer Sicherung angeboten, um im besten Fall „den letzten Stand ihrer Datenbanken, Applikationen und Systeme sofort wieder einzuspielen, damit ihre geschäftskritischen Prozesse weiterlaufen“, wie Netapp sagt. Viele haben diese nicht genutzt. Und auch die Alternativen einer firmeneigenen IT, Dienste aus einem eigenen lokalen Rechenzentrum auf dem eigenen Campus oder bei Co-Locations-Anbietern gibt es noch, aber auch viele weitere Cloud-Anbieter.

Und was jedem Unternehmen mit eigener IT ohnehin klar sein sollte, die Verantwortung für die Datensicherheit liegt beim Unternehmen und nicht allein beim Provider. Das Feuer im OVHcloud-Rechenzentrum macht es doch deutlich.

Beim Storage-Spezialisten Netapp klingt das dann so: „Wer keine Backup-Dienste bei seinem Provider bucht oder keine eigenen Sicherungen vornimmt, so wie es in Frankreich bei vielen Cloud-Kunden geschehen ist, kommt seiner Verantwortungspflicht nicht nach und riskiert Datenverluste mit hohen Folgekosten.“

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