Das EU Tech Sovereignty Package vom 3. Juni 2026 setzt digitale Eigenständigkeit als strategisches Ziel der EU. In seinem Gastkommentar warnt Prof. Dr. Kipker jedoch: Digitale Souveränität ist keine Autarkie. Europa braucht De-Risking statt Abschottung!
Europa ist digital vernetzt, aber noch abhängig von außereuropäischer Infrastruktur. Das EU Tech Sovereignty Package setzt De-Risking als strategisches Ziel.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
Mit der Veröffentlichung des EU Tech Sovereignty Package am 3. Juni 2026 hat die Europäische Union ihre digitalpolitische Grundausrichtung unmissverständlich bekräftigt: Mehr digitale Eigenständigkeit des Staatenverbunds ist kein Randthema mehr, sondern erklärtes strategisches Ziel. Die darin vorgeschlagenen Maßnahmen sind in ihrer Grundtendenz ausdrücklich zu begrüßen, denn die jahrelange, weitgehend unkritische Auslagerung zentraler IT-Funktionen hat Fragen der Cybersicherheit, des Datenschutzes und der eigenen Innovationsfähigkeit zu lange in den Hintergrund gedrängt – mit handfesten Risiken für Wirtschaft und nationale Sicherheit. Zugleich ist mehr Digitalsouveränität keine allein geopolitische Frage und schon gar kein Selbstzweck technologischer Entkopplung, die für sich genommen Europas IT-Infrastruktur nicht resilienter machen würde.
Genau diese politische Stoßrichtung markiert den Rahmen, der auch durch die jüngste Bitkom-Umfrage vom April 2026 mit einem klaren Signal aus der Industrie untermauert wird: 99 Prozent der Befragten halten es für wichtig, dass Deutschland bei digitalen Technologien unabhängiger wird und 79 Prozent fordern höhere Investitionen in digitale Schlüsseltechnologien. Diese Werte sind ein eindeutiger gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Auftrag, künftig noch mehr zu leisten, um wirklich digital souveräner zu werden. Zugleich wirft die Studie einen realistischen Blick auf die Praxis und macht deutlich, dass ein vielfach diskutierter, vollständiger Wechsel zu ausschließlich europäischen Anbietern derzeit nicht realistisch ist. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die digitale Gegenwart und Zukunft absehbar von einem pragmatischen Zusammenspiel unterschiedlicher digitaler Lösungen und Anbieter im Rahmen geeigneter strategischer Partnerschaften geprägt sein wird.
Die erste Konsequenz aus dieser Erkenntnis lautet: Digitale Souveränität entsteht nicht allein durch politische Deklaration, sondern durch nachhaltigen Kapazitätsaufbau, der sich nicht durchgängig in allen Bereichen innerhalb kürzester Zeit realisieren lässt. So verfügt Europa in digitalpolitisch zentralen Feldern wie fortgeschrittener Halbleiterfertigung, Foundation Models oder hochskalierender Cloud-Infrastruktur bislang noch nicht über jene Tiefe, die eine durchgängig autonome Wertschöpfungskette tragen würde. Diese Ausgangslage ist zwar nicht per se ein Makel, aber doch ein Ergebnis jahrzehntelanger Kompetenzaufgabe in digitalen Schlüsseltechnologien und bringt uns zur Erkenntnis, dass digitale Souveränität eben doch nicht mit digitaler Autarkie gleichzusetzen ist, wie es in der öffentlichen Diskussion in Teilen zurzeit der Fall zu sein scheint. Doch genau hierin liegt derzeit die Herausforderung: Es besteht die Gefahr, dass sich die europäische Diskussion zu einer vermeintlichen Entweder-oder-Entscheidung zwischen Autonomie und Wettbewerbsfähigkeit verengt. Dabei gibt es für politische Entscheidungsträger durchaus Wege, beides miteinander zu verbinden und strategisch zu stärken.
Will Europa diese Lage strukturell verändern, muss es an drei ineinandergreifenden Stellschrauben zugleich drehen – an der Finanzierung, an der Nachfrage und an der gemeinsamen technologischen Basis. Konkret bedeutet das, die Kapitalmarktunion endlich so zu vollenden, dass europäische Scale-ups Wachstumsrunden im dreistelligen Millionenbereich nicht mehr im außereuropäischen Ausland aufnehmen müssen, dass erfolgreiche IT-Unternehmen sich langfristig für den Standort Europa entscheiden sowie das öffentliche Vergaberecht über verbindliche Losgrößen, Referenzkundenklauseln und Interoperabilitätsanforderungen so umzubauen, dass auch alternative Anbieter realistische Skalierungschancen erhalten, und parallel dazu europäische Open-Source-Ökosysteme – von Datenbanken über KI-Frameworks bis zu Identitätsinfrastrukturen – über mehrjährige institutionelle Förderlinien statt projektförmiger Einmalzuschüsse abzusichern. Erst diese Verbindung aus wirtschaftlichem Kapital, Nachfrage und gemeinschaftlich getragener Code-Basis bildet das Fundament, auf dem ein europäisches Aufbauprojekt für mehr digitale Souveränität aufsetzen kann.
Risikoklassifizierung als Grundlage seriöser Souveränitätspolitik
Gleichzeitig gilt: Nicht jede Technologie ist im gleichen Maße souveränitätsrelevant – für den Aufbau einer nachhaltigen und zukunftsgerichteten europäischen Digitalstrategie eine weitere wegweisende Erkenntnis. Die entscheidende Linie hier verläuft zwischen weitestgehend austauschbaren Diensten und strategischen Assets. Bei Letzteren – kritischen Verwaltungsdaten, Gesundheitsregistern, Rüstungs- und Energieinfrastrukturen, sicherheitsrelevanten KI-Systemen – muss Kontrolle streng geregelt werden. Hier müssen die Schlüssel für Betrieb, Personal und rechtliche Verfassung in europäischer Hand bleiben. Eine seriöse Souveränitätspolitik beginnt folglich mit einer transparenten Risikoklassifizierung, um den Ansatz für ein „De-Risking“ zu liefern: Welche Systeme sind so kritisch, dass Abhängigkeiten ausgeschlossen werden müssen? Ohne diese Differenzierung verliert das allgemeine Streben nach Digitalsouveränität seine operative Schärfe: Es wird dann zugleich Überregulierung dort produziert, wo Marktoffenheit ökonomisch sinnvoll wäre, und Unterregulierung dort, wo die nationale Handlungsfähigkeit tatsächlich auf dem Spiel steht.
Stand: 08.12.2025
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Ein so verstandenes gezieltes De-Risking schafft schlussendlich auch neue vertretbare Pfade zum Aufbau europäischer Digitalsouveränität, indem es akzeptiert, dass sich technologiepolitische Entscheidungen, die über Jahrzehnte hinweg getroffen wurden, nicht innerhalb weniger Jahre oder gar Monate vollständig revidieren lassen. In der Praxis bedeutet dies, dass auch die Nutzung außereuropäischer Technologie unter klaren Bedingungen möglich sein sollte, die keine neuen Abhängigkeiten schaffen. Hierzu gehören technische Interoperabilität, vertragliche Exit-Fähigkeit, auditierbare Datenflüsse und belastbare juristische Strukturen. Anstelle einer strategischen Marktabschottung sollte ein kooperativer Weg dort gewählt werden, wo er verantwortlich ist. Internationale Technologiekooperation kann somit dort sinnvoll sein, wo sie in ein Konzept eigener Kapazitätsbildung eingebettet ist.
Digitale Souveränität braucht Strategie und Struktur
Das EU Tech Sovereignty Package setzt den neuen politischen Rahmen für eine Gesellschaft, die mehr digitale Souveränität will, praktisch aber vor realen Hürden steht – und verweist damit zu Recht auf einen bislang unterschätzten Punkt: Souveränität lässt sich nicht per Stichtag herstellen, sondern ist das Ergebnis hunderter paralleler Migrationsentscheidungen in Verwaltungen, Unternehmen und Haushalten, jede mit eigenen Kosten und Kompetenzanforderungen. Eine Politik, die diese Tiefendimension ignoriert und stattdessen auf schnelle Lokalisierungsverordnungen setzt, erzeugt Umstellungskosten zulasten von Mittelstand und öffentlicher Hand, ohne die strategische Position nachhaltig messbar zu verbessern.
Langfristig als Konzept für mehr Digitalsouveränität tragfähig ist deshalb allein ein gestufter Pfad aus verbindlichen Interoperabilitätsstandards, Exit-Pflichten in öffentlichen Verträgen, der Förderung offener Referenzarchitekturen und planbaren Migrationsfristen für kritische Systeme – flankiert vom strategisch differenzierten Aufbau europäischer Kapazitäten, der Kontrolle über strategische Assets und einer Kooperationspolitik, die diese Werte und Ziele angemessen berücksichtigt. Offenheit und Souveränität sind nämlich keine Gegensätze, sondern aufeinander bezogene Bestandteile einer Politik, die Wachstum, Sicherheit, Innovation und Wahlfreiheit gleichermaßen ernst nimmt.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker studierte Rechtswissenschaft und Informatik und forscht als wissenschaftlicher Direktor des Cyberintelligence Institute auch zu digitaler Resilienz im Kontext globaler Krisen mit einem Schwerpunkt auf chinesisches und US-amerikanisches IT-Recht. In dieser Funktion berät er die Bundesregierung, die Europäische Kommission und Unternehmen.