Digitale Identitäten als neuer Perimeter In vier Schritte zu einer effektiven Identitätssicherheitsstrategie

Ein Gastbeitrag von Mohamed Ibbich 5 min Lesedauer

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Servicekonten, Tokens und KI-Agenten schaffen oft unsichtbare Zugriffswege in kritische Systeme. Ohne zentrale Sichtbarkeit, Least Privilege und automatisierte Reaktionen bleiben identitätsbasierte Angriffe lange unentdeckt.

Eine effektive Identitätssicherheitsstrategie sollte aus Discovery, einheitlichen Kontrollen, automatisierter Reaktion und kontinuierlicher Überprüfung aller menschlichen und nicht-menschlichen Identitäten bestehen.(Bild: ©  InfiniteFlow - stock.adobe.com)
Eine effektive Identitätssicherheitsstrategie sollte aus Discovery, einheitlichen Kontrollen, automatisierter Reaktion und kontinuierlicher Überprüfung aller menschlichen und nicht-menschlichen Identitäten bestehen.
(Bild: © InfiniteFlow - stock.adobe.com)

Die Identitätsinfrastruktur moderner Unternehmen gleicht einem Großstadtdschungel: Beschäftigte, Servicekonten, KI-Agenten und Cloud-Workloads greifen über die unterschiedlichsten Wege auf Anwendungen und Datenspeicher zu. Bedrohungsakteure profitieren von dieser unübersichtlichen und dynamischen Lage, kapern unbemerkt Konten und erhöhen anschließend ihre Privilegien.

Damit definiert sich der Netzwerkperimeter nicht mehr über Standorte und Netzsegmente, sondern über zugewiesene Rechte und Privilegien. Menschliche, maschinelle, Cloud- und agentische KI-Identitäten treffen in hybriden Umgebungen laufend Zugriffsentscheidungen. Ihr rasantes Wachstum sorgt für eine besonders hohe Komplexität in Unternehmensumgebungen.

Digitale Identitäten bilden den neuen Perimeter

Jede dieser Identitäten verfügt über Berechtigungen und Autorisierungen – auch über solche, die schwer erkennbar sind. Daraus entstehen Zugangswege zu Assets und Ressourcen, die noch schwerer zu identifizieren sind. Eine vollständige Übersicht, wer über welche Zugriffsrechte auf kritische IT-Assets verfügt, existiert in den meisten Organisationen nicht.

Wie schnell aus dieser Unübersichtlichkeit ein konkretes Risiko wird, zeigt sich immer dann, wenn der Regelbetrieb aussetzt. In Change-Freeze-Phasen, während des Jahresabschlusses oder in Feiertags- und Bereitschaftsschichten arbeiten Beschäftigte zu ungewöhnlichen Zeiten und von wechselnden Standorten aus, Vertretungsregelungen erweitern Berechtigungen kurzfristig, und Notfallzugriffe werden schneller gewährt als dokumentiert. Gleichzeitig sind die IT-Teams dünn besetzt. Auffälliges Verhalten fällt in solchen Zeiträumen weniger auf. Ohne zentrale Sicht, einheitliche Identitätsrichtlinien und automatisierte Reaktionen lassen sich Angriffe kaum rechtzeitig erkennen und unterbinden.

Eine unkontrollierte Verbreitung sensibler Zugangsdaten verschärft die angespannte Risikolage zusätzlich. Die wirksame Bekämpfung der sich schnell ausbreitenden Bedrohungen erfordert hohe Wachsamkeit und starke Identitätssicherheit. Zur Abwehr aktueller Bedrohungen sind betroffene Organisationen auf zentrale Sichtbarkeit, einheitliche Identitätsrichtlinien und automatisierte Reaktionsstrukturen angewiesen.

Nicht-menschliche Identitäten und Secrets Sprawl

Nicht zuletzt durch Cloud-Automatisierungsinitiativen übertreffen nicht-menschliche Identitäten (NHI, Non-Human Identities) – Servicekonten, Workloads, KI-Agenten und Maschinenidentitäten – menschliche Identitäten inzwischen um ein Vielfaches. Parallel zu diesem Wachstum verbreiten sich sensible Zugangsdaten unkontrolliert in der Infrastruktur, API-Schlüssel, Passwörter, Zertifikate und Tokens liegen in Repositories, Pipelines, Skripten und Konfigurationsdateien. Dieser „Secrets Sprawl“ verschärft die Gefahrenlage, weil gestohlene Zugangsdaten dauerhaft erhöhte Privilegien und unentdeckte laterale Bewegungen ermöglichen.

Nicht-menschliche Identitäten und KI-Agenten steigern also nicht nur die Produktivität, sondern erweitern auch die Angriffsfläche im Unternehmen. Noch hinken wirksame NHI-Sicherheitsmaßnahmen hinterher, eine Tatsache, die in Phasen schnell vorangetriebener Innovation nicht überrascht. Die Bedrohungslage durch Cybergefahren nimmt aktuell zu, weil Bedrohungsakteure ihre Angriffsmethoden immer weiter verfeinern und verschärfen können.

Drei Lücken in der Identitätssicherheit

Der Druck steigt, eine bereichsübergreifende Identitätssicherheitsstrategie aufzubauen. Die Trends der vergangenen Jahre bestätigen, dass Sicherheit mit dem Schutz digitaler Identitäten beginnen muss. Für IT-Security-Teams sind dabei vor allem drei Aspekte entscheidend:

  • Sichtbarkeit: Eine lückenhafte Sicht auf Sitzungen, Secrets, Cloud-Rollen und einzelne Domains blendet einen erheblichen Teil der identitätsbezogenen Risiken aus. Notwendig ist End-to-End-Transparenz über alle Privilegien, Berechtigungen und Eskalationspfade. Erst der Verzicht auf Datensilos ermöglicht es Sicherheitsverantwortlichen, komplexe Zugriffswege über mehrere Identitäten und Infrastrukturen hinweg aufzudecken und nachzuverfolgen.
  • Konsistente Richtlinien: In hybriden Umgebungen mit unterschiedlichen Werkzeugsets und verschiedenen IT-Management-Teams mangelt es häufig an durchgängig eingehaltenen Vorgaben. Windows- und Azure-Nutzer verfügen dann beispielsweise über zeitlich begrenzten Just-in-Time-Zugriff auf benötigte Dienste, behalten aber gleichzeitig dauerhaften Zugang zu VMware-Umgebungen oder ServiceNow.
  • Reaktionsfähigkeit: Eine erkannte Kompromittierung, auf die keine angemessene Reaktion folgt, bleibt wirkungslos. Kritisch wird es beispielsweise, wenn Secrets oder Passwörter rotiert werden, weiterführende Maßnahmen wie der Widerruf von Zugriffsrechten oder aktiven Sitzungen aber ausbleiben. ITDR-Lösungen (Identity Threat Detection & Response) adressieren genau diese Lücke und verkürzen die Reaktionszeit.

Vier Schritte für effektive Identitätssicherheit

Mit einem strukturierten Ansatz lässt sich die Sicherheitslage beim Schutz moderner Identitätsumgebungen insgesamt verbessern. Zur technischen Integration von Sessions, Secrets und Discovery-Prozessen im betrieblichen Alltag sollten Organisationen entsprechende Identitätssicherheitsstrategien implementieren.

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  • 1. Discovery und fortlaufende Sichtbarkeit: Das Mapping digitaler Identitäten verschafft einen Überblick über alle zugewiesenen Rollen. Dabei kommt es nicht allein darauf an, die jeweiligen Servicekonten, Workloads und KI-Agenten zu inventarisieren. Die vollständige Übersicht aller Vorgänge rund um eine Identität hat vielmehr zum Ziel, die erfassten Berechtigungen auf ausnutzbare Eskalationspfade hin zu prüfen. Auf diese Weise lassen sich passende Erkenntnisse und Maßnahmen zur Minimierung von Identitätssicherheitsrisiken ableiten.
    Maschinelle Lernverfahren und KI-gestützte Auswertung helfen dabei, identitätsbasierte Zugriffsmuster und Abweichungen davon überhaupt sichtbar zu machen. Wichtig ist, dass Discovery kontinuierlich läuft und Cloud-basierte, lokale und hybride IT-Umgebungen gleichermaßen abdeckt. Eine Momentaufnahme veraltet in dynamischen Umgebungen innerhalb von Tagen.
  • 2. Einheitliche Kontrollmechanismen: Privilegierte Zugangsdaten sollten zentral über alle Endpunkte hinweg verwaltet werden. Auch das Management von DevOps-Secrets und CI/CD-Prozessen darf nicht ausschließlich den einzelnen Teams überlassen bleiben. Mit einer einheitlichen Verwaltung privilegierter Konten, durchgängigem Secrets-Management sowie einer zeitlichen Begrenzung der aufgabenbezogenen Zugriffsrechte schaffen Organisationen eine sichere Grundlage. Die konsequente Durchsetzung von Least-Privilege-Vorgaben – ausgedehnt auch auf Cloud-Berechtigungen und KI-Agenten – rundet die Kontrollmechanismen ab.
  • 3. Automatisierte Reaktion und Remediation: Werden Anomalien bei privilegierten Vorgängen erkannt, greifen automatisierte Korrektivmaßnahmen, wie der Widerruf von Tokens, die Rotation von Secrets, das Pausieren oder Beenden von Sitzungen, die Verschärfung von Zugriffskontrollen oder zusätzliche Genehmigungsschritte für Workflow-Zugriffe. Voraussetzung dafür sind durchgängige Sichtbarkeit und integrierte Kontrollebenen. Nur so lassen sich Reaktionen richtlinienkonform und nachvollziehbar auslösen.
  • 4. Kontinuierliche Überprüfung: Die fortlaufende Einstufung von Risiken erfolgt anhand von Kennzahlen zu übermäßig hohen Nutzerrechten, veralteten Zugangsdaten oder Schattenadministratoren. Für Audit-Vorbereitungen lassen sich wichtige Trends bei der Risikoerkennung und Risikominderung darstellen. Automatisierte Compliance-Prüfungen über alle Identitätstypen hinweg mindern zudem den Druck bei regulatorisch geforderten Meldefristen.
    Hilfreich ist dabei, den gesamten Bestand digitaler Identitäten als eine zusammenhängende Angriffsfläche zu verstehen. Sicherheitsverantwortliche benötigen umfassende Visibilität und Kontrolle von Active Directory und Okta bis zu Azure und Salesforce. Erforderlich ist daher eine übergreifende Analyse und Überwachung digitaler Identitäten, die Risiken aufdeckt, welche in der Einzelbetrachtung jedes einzelnen Systems unsichtbar bleiben.

Fazit

Die Zahl menschlicher und nicht-menschlicher Identitäten wächst weiter deutlich. Die Folge ist eine fehlende Visibilität auf Seiten der Unternehmen, die sich unmittelbar in mangelnder Richtliniendurchsetzung und Reaktionsfähigkeit niederschlägt. Einheitliches und damit effektives Identitätssicherheits-Management ermöglicht die kontinuierliche und überprüfbare Entschärfung solcher Risiken. So werden menschliche oder maschinelle Identitäten in Cloud- oder On-Premises-Infrastrukturen geschützt. Wächst die IT-Präsenz einer Organisation, bleiben Identitätsrisiken erkennbar, priorisierbar und behebbar. In einer Welt, in der digitale Identitäten den neuen Netzwerkperimeter bilden, ist das ein messbarer Sicherheitsvorteil.

Über den Autor: Mohamed Ibbich ist Senior Director Solutions Engineering bei BeyondTrust.

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