Die EUDI-Wallet kennt kaum jemand in Deutschland Warum Identity Fraud die digitale Wirtschaft bedroht

Ein Gastbeitrag von Dr. Heinrich Grave 4 min Lesedauer

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Digitale Geschäftsprozesse setzen eine Grundannahme voraus, die selten explizit formuliert wird: dass die Person auf der anderen Seite des Pro­zes­ses tatsächlich die ist, die sie vorgibt zu sein. Solange diese Annahme nicht belastbar abgesichert ist, bleibt jede digitale Transaktion ein Risiko.

Wer sich hinter einer fremden Identität versteckt, kann digitale Prozesse ohne verlässliche Prüfung leicht täuschen. Genau diese Lücke will die EUDI-Wallet langfristig schließen.(Bild: ©  Flash memory - stock.adobe.com)
Wer sich hinter einer fremden Identität versteckt, kann digitale Prozesse ohne verlässliche Prüfung leicht täuschen. Genau diese Lücke will die EUDI-Wallet langfristig schließen.
(Bild: © Flash memory - stock.adobe.com)

Eine aktuelle Bitkom-Studie zeigt, dass die European Digital Identity Wallet (EUDI-Wallet) in der deutschen Bevölkerung noch weitgehend unbekannt ist. Das ist ein Befund, der in der Debatte um digitale Identität regelmäßig zitiert wird und zweifellos relevant ist. Doch er greift zu kurz. Denn das eigentliche Problem liegt nicht in der Bekanntheit eines Instruments. Es liegt in der strukturellen Schwäche, die entsteht, wenn digitale Geschäftsprozesse ohne verlässliche Identitätsgrundlage betrieben werden.

Identity Fraud ist kein Randphänomen

Identitätsmissbrauch und Impersonation sind keine Randerscheinungen der digitalen Wirtschaft. Sie sind eine direkte Folge der Lücke zwischen dem Tempo der Digitalisierung und der Qualität der eingesetzten Identifizierungs- und Authentisierungsverfahren. Wer Konten eröffnet, Verträge abschließt oder auf sensible Daten zugreift, tut das vielfach über Prozesse, die zwar digital sind, aber nicht zwingend sicher identifiziert werden.

Das betrifft regulierte Branchen besonders hart. Sie sind gesetzlich verpflichtet, ihre Kunden zu kennen. KYC ist keine freiwillige Maßnahme, sondern regulatorische Pflicht. Und doch zeigt die Praxis, dass viele Onboarding-Prozesse anfällig für Manipulation sind. Synthetische Identitäten, gestohlene Ausweisdaten, automatisierte Angriffe auf Verifikationsstrecken – die Angriffs­me­tho­den werden professioneller, während viele Abwehrmechanismen auf dem Stand von vor fünf Jahren stehen.

Das Problem ist dabei struktureller Natur. Identitätsprüfung wird in vielen Organisationen als vorgelagerter Schritt behandelt, einmal durchgeführt, abgehakt - und damit erledigt. Was danach kommt, läuft häufig auf Basis schwächerer Authentisierungsverfahren. Genau dort entstehen die Angriffsflächen, die Identitätsmissbrauch erst möglich machen.

Digitale Identität als Voraussetzung, nicht als Feature

Wer Identity Fraud wirklich bekämpfen will, muss digitale Identität anders denken. Und zwar als durchgehende Vertrauensschicht, eine Grundlage, die über den gesamten Lebenszyklus einer digitalen Kundenbeziehung trägt.

Das bedeutet konkret, dass die Identität, die beim Erstkontakt verifiziert wurde, auch bei späteren Transaktionen als Referenzpunkt verfügbar sein muss. Vertragsabschlüsse, Daten­zugriffe, Änderungen sensibler Stammdaten – all das sind Punkte, an denen die Frage „Ist das wirklich diese Person?“ erneut relevant wird.

Verifizierte digitale Identitäten, die auf einem belastbaren Identifikationsverfahren basieren, wie etwa die NFC-gestützte Ausweisverifikation oder ein Video-Ident mit biometrischer Prüfung, schaffen genau diese Grundlage. Sie ermöglichen es, eine einmal verifizierte Identität konsistent und sicher in nachgelagerte Prozesse zu überführen.

Die EUDI-Wallet: Potenzial mit Bedingungen

Die EUDI-Wallet ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges regulatorisches Signal. Mit eIDAS 2.0 schafft die Europäische Union erstmals einen einheitlichen Rahmen für portable, wieder­ver­wend­bare digitale Identitätsnachweise. Das Konzept ist richtig: Nutzer sollen ihre Identität einmal nachweisen und diesen Nachweis anschließend in verschiedenen Kontexten einsetzen können. Das soll über Ländergrenzen hinweg für unterschiedliche Dienste funktionieren, ohne jedes Mal neu identifiziert werden zu müssen.

Doch die Wallet entfaltet ihre Wirkung nicht automatisch. Sie ist ein Instrument und nur so wirksam wie die Infrastruktur, in die sie eingebettet ist. Eine digitale Brieftasche, die Identitäts­nach­weise enthält, löst das Problem des Identity Fraud nur dann, wenn die Gegenseite in der Lage ist, ihn korrekt zu validieren, sicher zu verarbeiten und in bestehende Prozesse zu integrieren.

Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung. Die Vertrauensinfrastruktur dahinter ist das Nadelöhr. Gemeint sind damit Qualifizierte Vertrauensdienstleister (QTSPs), die nach eIDAS notifiziert sind. Also Validierungsdienste, die Nachweise zuverlässig prüfen, und Integrations­lösungen, die diese Prüfung nahtlos in digitale Workflows einbinden.

Was regulierte Branchen jetzt konkret brauchen

Für Unternehmen in regulierten Branchen stellen sich daraus drei konkrete Anforderungen.

  • Zum einen geht es um Klarheit über das eigene Risikoniveau. Nicht jeder Prozess hat dieselbe Sicherheitsanforderung. Eine qualifizierte elektronische Signatur (QES) setzt ein anderes Vertrauensniveau voraus als ein einfacher Portalzugang. Unternehmen müssen verstehen, welche ihrer Prozesse welches Identitätsniveau erfordern und ob ihre aktuellen Verfahren dieses Niveau tatsächlich erfüllen.
  • Außerdem sollten Integrationen statt Insellösung genutzt werden. Identitätsprüfung, Authentisierung und Signatur dürfen nicht länger als separate Systeme nebeneinander betrieben werden. Wer Identitätsmissbrauch wirksam verhindern will, braucht eine durchgehende Vertrauenslogik. Sie muss von der Erstidentifizierung über wiederkehrende Zugänge bis zum rechtsverbindlichen Vertragsabschluss funktionieren. Nur wenn diese Bausteine konsistent ineinandergreifen, entsteht eine Architektur, die Identity Fraud strukturell erschwert.
  • Schlussendlich ist die regulatorische Anschlussfähigkeit. besonders bedeutend. Mit eIDAS 2.0, der AMLR und weiteren europäischen Regulierungsvorhaben wachsen die An­for­de­rungen an die Qualität digitaler Identifizierungsverfahren. Unternehmen, die heute auf schwache oder proprietäre Verfahren setzen, werden nachsteuern müssen. Wer frühzeitig auf eIDAS-konforme, QTSP-gestützte Lösungen setzt, schafft regulatorische Resilienz und vermeidet kostspielige Nachbesserungen.

Vertrauen ist keine Selbstverständlichkeit

Die Digitalisierung hat die Geschwindigkeit und Reichweite von Transaktionen dramatisch erhöht. Sie hat aber nicht automatisch die Qualität der Identifizierung verbessert, die diesen Transaktionen zugrunde liegt. Identity Fraud ist die Konsequenz aus dieser Lücke.

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Die EUDI-Wallet und eIDAS 2.0 bieten einen Rahmen, um diese Lücke zu schließen. Aber Rahmen allein reichen nicht. Was zählt, ist die operative Umsetzung: belastbare Identifikations­verfahren, skalierbare Integration in reale Prozesse und eine Vertrauensinfrastruktur, die auch unter Angriffsdruck standhält.

Digitale Geschäftsmodelle, die auf dieser Grundlage aufgebaut sind, haben einen strukturellen Vorteil – gegenüber Betrug, gegenüber regulatorischen Anforderungen und gegenüber dem Vertrauensverlust, der entsteht, wenn Identitätsmissbrauch sichtbar wird.

Über den Autor: Dr. Heinrich Grave ist Managing Director DACH bei Evrotrust Technologies. In seiner Funktion als Managing Director verantwortet er den Aufbau und die strategische Ent­wick­lung der deutschen Geschäftseinheit in München. Der promovierte Jurist und ausgebildete Banker hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in digitaler Transformation, Strategieentwicklung und dem Management komplexer technologischer Initiativen – in der Finanzbranche, im FinTech-Umfeld sowie als Berater. Dr. Heinrich Grave ist ausgewiesener Experte für digitale Identitäten, KYC-Prozesse und digitale Geschäftsmodelle.

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