Kommunikationsstandard Matrix Digitale Souveränität braucht offene Standards und Vernetzung

Ein Gastbeitrag von Steve Loynes 6 min Lesedauer

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Proprietäre Chats schaffen Abhängigkeiten. Der offene Matrix-Standard ermöglicht Selbsthosting, Interoperabilität und die Vernetzung staatlicher Systeme über Grenzen hinweg – ohne dominanten Anbieter.

Diese Europakarte zeigt, welche öffentlichen Einrichtungen und Behörden Matrix‑basierte beziehungsweise Matrix‑kompatible Kommunikationssysteme nutzen.(Bild:  Element)
Diese Europakarte zeigt, welche öffentlichen Einrichtungen und Behörden Matrix‑basierte beziehungsweise Matrix‑kompatible Kommunikationssysteme nutzen.
(Bild: Element)

In ganz Europa werden bereits souveräne Kommunikationssysteme eingeführt, und ent­schei­dend ist, dass diese nicht isoliert existieren müssen. Ein oft übersehener Aspekt bei der Ver­wirklichung echter digitaler Souveränität ist die Gewährleistung, dass eine Organisation problemlos zwischen Anbietern wechseln kann, um sich vor einer Anbieterabhängigkeit zu schützen.

Diese Sichtweise wurde vielleicht am besten von Karsten Wildberger, Deutschlands Bun­des­minister für Digitales, auf dem Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität im November 2025 zum Ausdruck gebracht: „Digitale Souveränität bedeutet, Wahlmöglichkeiten zu haben, damit keine einzelne Technologie und kein einzelner Anbieter zu einer Abhängigkeit wird, die gegen unsere Interessen genutzt werden kann. Es ist immer gut, Wahlmöglichkeiten zu haben, um Abhängigkeiten zu vermeiden.“

Ohne die Möglichkeit, problemlos zwischen Anbietern zu wechseln, bleibt eine End­an­wen­der­organisation einem bestimmten Anbieter ausgeliefert. Dies verleiht einem Anbieter zu viel Macht über die Nutzer. So ist es beispielsweise vorzuziehen, eine Preisverdopplung in Kauf zu nehmen, als eine bestehende Lösung komplett zu ersetzen.

Im schlimmsten Fall führt dies zu erheblichen Sicherheitslücken. Ein aktuelles Beispiel ist die Ukraine, die den Verlust von Satellitenbildern von Maxar Technologies hinnehmen musste, da der US-Anbieter eine Entscheidung der US-Regierung umsetzte. In einem ähnlichen Vorfall wurden E-Mail-Dienste für Karim Khan, Chefankläger am Internationalen Strafgerichtshof (ICC), infolge einer Sanktion der US-Regierung ausgesetzt. Der ICC hat seitdem den schmerz­haften „Rip-and-Replace“-Prozess durchlaufen, bei dem von Microsoft Office auf openDesk, eine souveräne Alternative, umgestellt wurde.

Interoperabilität sorgt für digitale Souveränität

Die Einführung digital souveräner Lösungen durch Regierungen, um eine Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter zu vermeiden, ist die richtige Strategie in einem zunehmend an­gespannten geopolitischen Klima. Selbst einem Anbieter, dem derzeit vertraut wird, kann man in einer unvorhersehbaren Zukunft nicht vertrauen. Ein Anbieter kann übernommen werden, möglicherweise von einem Unternehmen mit Sitz in einem nicht vertrauenswürdigen Land. Ein Anbieter könnte durch einen Cyberangriff oder einen von einem Nationalstaat gesponserten böswilligen Insider vollständig kompromittiert werden. Ein Anbieter könnte eine Monopol­stellung erlangen – insbesondere, wenn eine Regierung diesen Anbieter standardisiert – und dann seine marktbeherrschende Stellung missbrauchen.

Auch wenn eine Lösung von einem europäischen Anbieter stammt, Selbsthosting ermöglicht und vielleicht sogar Open Source ist, bietet sie dennoch keine Souveränität, wenn es sich um proprietäre, „an einen Anbieter gebundene“ Software handelt. Dies gilt insbesondere für chatbasierte Lösungen.

Chat sollte niemals eine proprietäre, an einen Anbieter gebundene Lösung sein

Chat-Apps haben sich in einer recht zentralisierten Ära der Informatik entwickelt. Dass Nutzer von WhatsApp nur mit anderen WhatsApp-Nutzern kommunizieren können, wurde irgendwie nie ernsthaft hinterfragt. Ebenso gilt: nur Signal zu Signal, Slack zu Slack, Teams zu Teams, Threema zu Threema, WebEx zu WebEx, Wire zu Wire, Zoom zu Zoom. Es handelt sich dabei um abgeschottete Systeme. Silo-Systeme, die nicht miteinander kompatibel sind.

Chat hat nie zu einem proprietären Modell gepasst, da oft Menschen beteiligt sind, die unter­schiedliche Technologien nutzen. Das ursprüngliche offene Internet ist ein riesiger Erfolg, weil es Kommunikation über gemeinsame Standards ermöglicht. Menschen können Informationen, die auf ihrem eigenen System gespeichert und verwaltet werden, hochladen und über das Web anderen zur Verfügung stellen.

E-Mail ist ähnlich. Es spielt keine Rolle, welches E-Mail-System man nutzt, man kann jedem eine E-Mail senden, da das System auf einem Standard basiert, nach dem alle Anbieter arbeiten. Niemand fragt jemals, ob man Microsoft Outlook, Gmail oder Apple Mail nutzt, da es dank Interoperabilität keine Rolle spielt.

Infolgedessen gibt es (obwohl E-Mail veraltet und unsicher ist) immer noch ein gesundes, wettbewerbsorientiertes Ökosystem von E-Mail-Anbietern, und der Wechsel zwischen ihnen bereitet keine großen Kopfschmerzen. Jahrzehntelange E-Mail-Verläufe lassen sich bei einer E-Mail-Migration nahtlos verwalten, im Gegensatz zu jahrelangen Chat-Verläufen, die von Slack oder Teams auf ein anderes proprietäres System übertragen werden. Was WhatsApp oder Signal angeht: Nun, als Messaging-Apps für Verbraucher sollten sie am Arbeitsplatz gar nicht erst verwendet werden.

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Die Rolle von Matrix für souveräne Kommunikation

Matrix ist ein offener Standard des in UK ansässigen Unternehmens Element für dezentrale Kommunikation. Das Protokoll ermöglicht Selbsthosting, ausfallsichere Kommunikation, Interoperabilität und End-to-End-Verschlüsselung.

Es gibt bereits weit über 200 Millionen Menschen, die Matrix nutzen, und mehr als 150.000 Matrix-Implementierungen. Mehr als 25 Regierungen weltweit haben bereits Matrix-basierte Systeme eingeführt. Im Matrix-Ökosystem gibt es mehr als 40 Softwareanbieter und min­des­tens 30 große Konzerne, Systemintegratoren, Dienstleistungsfirmen und Hoster, die Matrix-basierte Lösungen anbieten.

Das deutsche Gesundheitswesen hat mit dem TI-Messenger einen eigenen, auf Matrix auf­bauenden Standard entwickelt, der bereits von den gesetzlichen Krankenkassen implementiert wurde. Er wird derzeit bei lokalen Gesundheitsdienstleistern eingeführt und wird schließlich die überwiegende Mehrheit der 83 Millionen Bürger Deutschlands unterstützen.

Das Matrix-Ökosystem bildet die „digitalen Gemeingüter“, die echte digitale Souveränität gewährleisten. Regierungen und Organisationen des öffentlichen Sektors verfügen über die vollständige Eigentums- und Kontrollhoheit über ihre Kommunikationslösungen. Sie können problemlos zwischen Anbietern wählen und wechseln sowie über ihre eigenen souveränen Systeme miteinander vernetzt werden.

Die Wahl einer auf einem offenen Standard basierenden Kommunikationslösung zur Gewähr­leistung der digitalen Souveränität bringt einen weiteren wesentlichen Vorteil mit sich. Der offene Matrix-Standard sorgt nicht nur für ein wettbewerbsfähiges Ökosystem. Er ermöglicht es jedem unabhängigen Matrix-Stack, sich mit jedem anderen zu verbinden, vorausgesetzt natürlich, dass beide Parteien dies wünschen.

Dies ist das genaue Gegenteil eines proprietären Standardansatzes, bei dem alle Parteien denselben Anbieter nutzen müssen. Der offene Matrix-Standard ermöglicht es, Lösungen verschiedener Anbieter sowie selbst entwickelte Lösungen miteinander zu vernetzen. Das bedeutet, dass Souveränität nicht auf Kosten der Interoperabilität geht – ein Gleichgewicht, das proprietäre „Walled-Garden“-Systeme nicht bieten können.

Mit anderen Worten: Alle 27 EU-Mitgliedstaaten und die EU selbst könnten jeweils ihre eigene souveräne, auf Matrix basierende Kommunikationslösung haben. Und sie könnten alle bei ihrer spezifischen Lösung bleiben, die vielleicht auf die Anforderungen ihres jeweiligen Landes zugeschnitten ist, während sie gleichzeitig miteinander verbunden sein können.

Wir sehen dies bereits in der Praxis. Der öffentliche Sektor in Deutschland verfügt über mehrere Matrix-basierte Systeme, darunter die openDesk-Office-Suite, BundesMessenger und BwMessenger. Unterdessen nutzt die Stadt Köln Rocket.Chat, wodurch sie bei Bedarf von der Matrix-basierten Vernetzung profitieren kann. Die französische Regierung hat sich auf Tchap standardisiert, das ebenfalls Teil von LaSuite ist, Frankreichs staatlicher Office-Suite.

Schweden verfügt über SAFOS Chatt, seinen eigenen Matrix-basierten Chat. Elsäkerhetsverket, die schwedische Behörde für elektrische Sicherheit, nutzt Rocket.Chat und könnte daher die Matrix-basierte Föderation nutzen, um sich mit anderen Organisationen zu verbinden. Die Europäische Kommission und das UNICC nutzen Element, NATO ACT nutzt seinen Matrix-basierten NI2CE Messenger. EU-Lisa und das NATO Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence (CCDCOE) arbeiten beide mit Rocket.Chat, können sich also ebenfalls über den offenen Matrix-Standard vernetzen.

Wenn sie dies wünschen, können sich all diese länderspezifischen Kommunikations­platt­formen miteinander vernetzen – wodurch digitale Souveränität gewährleistet und grenz­überschreitende Vernetzung ermöglicht wird. Ganz ohne einen dominanten Anbieter und völlig frei von jeglicher Anbieterabhängigkeit.

Zusammengenommen bilden diese Implementierungen ein wachsendes, föderiertes Netzwerk souveräner Kommunikation in ganz Europa. Kein Flickenteppich aus Silos, sondern ein mit­einander verbundenes Ökosystem aus „Netzwerken von Netzwerken“. Digitale Souveränität, wenn sie auf offenen Standards aufbaut, ermöglicht Kommunikation ohne Abhängigkeit von Anbietern.

Über den Autor: Steve Loynes ist Vizepräsident für Marketing bei Element.

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