Fachkräftemangel in der IT-Sicherheit Weiterbildung bleibt die Achillesferse der Cybersicherheit

Ein Gastbeitrag von Nicolaz Foucaud 4 min Lesedauer

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Die Bedrohungslage im Cyberraum verschärft sich durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz, während die Weiterbildung in der IT-Sicherheit stagniert. Trotz wachsender Angriffe und steigender Anforderungen fehlen qualifizierte Fachkräfte – und vielerorts auch die Mittel, um bestehendes Personal zu schulen. Besonders Deutschland verliert beim Ausbau von Cyberkompetenzen im europäischen Vergleich an Tempo.

KI verändert die Bedrohungslage in der IT-Sicherheit grundlegend, aber viele Unternehmen investieren zu wenig in Weiterbildung und verlieren damit an Abwehrkraft.(Bild: ©  Nina Lawrenson/peopleimages.com - stock.adobe.com)
KI verändert die Bedrohungslage in der IT-Sicherheit grundlegend, aber viele Unternehmen investieren zu wenig in Weiterbildung und verlieren damit an Abwehrkraft.
(Bild: © Nina Lawrenson/peopleimages.com - stock.adobe.com)

Für IT-Entscheider und Sicherheitsverantwortliche in Unternehmen steigen die Anforderungen an die Cybersicherheit kontinuierlich, insbesondere durch KI-gestützte Bedrohungen und dadurch veränderte Kompetenzanforderungen. So ist die Zahl der Angriffe auf Unternehmen in Deutschland im zweiten Halbjahr 2024 im Vergleich zum vorherigen Halbjahr um 21 Prozent gestiegen. Gleichzeitig verändert die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz die Angriffslandschaft grundlegend. Cyberkriminelle nutzen die Technologie unter anderem, um täuschend echte Deepfakes zu erzeugen, Phishing-Angriffe mit personalisierten Inhalten zu automatisieren oder Schadsoftware zu entwickeln, die sich selbstständig an Abwehrmechanismen anpasst. Der Einsatz von GenAI beschleunigt zudem die Erzeugung sensibler Daten und vergrößert gleichzeitig deren potenzielle Angriffsfläche.

Strukturelle Anforderungen an Sicherheit und Personal

In Anbetracht der verschärften Bedrohungslage stellt sich nicht nur die Frage nach technologischen Schutzmaßnahmen, auch organisatorisch und personell müssen Unternehmen vorbereitet sein. Regulatorische Vorgaben wie die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und das IT-Sicherheitsgesetz 2.0 erhöhen den Aufwand zusätzlich: Erstere verpflichtet Unternehmen zum Schutz personenbezogener Daten durch geeignete technische und organisatorische Maßnahmen. Letzteres verschärft die Sicherheitsanforderungen für Betreiber kritischer Infrastrukturen – etwa durch Meldepflichten und den Nachweis angemessener IT-Schutzvorkehrungen. Beide Vorgaben tragen dazu bei, dass qualifiziertes IT-Personal stärker gefragt ist, und verstärken den Druck, qualifiziertes Personal aufzubauen.

Weiterbildungsbudgets unter Druck

Tatsächlich sagen laut dem international erhobenen Splunk CISO Report 2025 nur 29 Prozent der befragten Sicherheitsverantwortlichen, dass ihnen ausreichende Mittel für ihre Cybersecurity-Initiativen zur Verfügung stehen. Auch auf strategischer Ebene wird das Thema als herausfordernd eingeschätzt: Laut einer weltweiten Studie von 2024 nannten 47 Prozent der befragten CEOs Budgetbeschränkungen als zentrale Herausforderung beim Ausbau von Sicherheitsstrukturen und entsprechenden Qualifizierungsmaßnahmen. 43 Prozent der Führungskräfte bewerteten unzureichende Schulungen zudem als Schwachstelle ihrer IT-Sicherheitsstrategie. Dennoch gehört der Abbau von Schulungsmaßnahmen inzwischen zu den häufigsten Einsparmaßnahmen: Laut dem aktuellen CISO Report haben 36 Prozent der international befragten Unternehmen Sicherheitstrainings reduziert oder gestrichen. Eine Entwicklung, die langfristig den Fachkräftemangel verschärfen dürfte.

Cybersicherheit benötigt Fachkräfte und die fehlen

Diese strukturelle Unterfinanzierung wirkt sich direkt auf den Arbeitsmarkt aus: Laut dem Kompetenzbarometer des Instituts der deutschen Wirtschaft bleiben in Deutschland rund 30 Prozent der Stellen in IT-nahen Bereichen wie Netzwerktechnik, Administration oder IT-Sicherheit unbesetzt. Auch europaweit ist die Lücke groß: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt den wachsenden Bedarf an Cybersicherheitsexperten auf 300.000 zusätzliche Fachkräfte. Darüber hinaus fehlen laut der Cybersecurity Workforce Study 2024 weltweit fast fünf Millionen Spezialisten. Hinzu kommt: Viele Unternehmen fühlen sich auf die durch KI veränderte Cyberkriminalität nicht ausreichend vorbereitet. Laut einer aktuellen Umfrage (pdf) rechnen 52 Prozent der Unternehmen weltweit mit finanziellen Verlusten oder Vertrauenseinbußen, falls sie ihre Abwehrmaßnahmen gegen KI-gestützte Angriffe nicht verbessern.

Online-Weiterbildung in der Cybersicherheit: Potenziale bleiben ungenutzt

Eine zentrale Stellschraube zur Bekämpfung des Fachkräftemangels ist die Weiterbildung, insbesondere über digitale Formate. Laut dem Global Skills Report 2025 legte die Zahl der Lernenden in Cybersecurity-Kursen in Deutschland im Vorjahresvergleich jedoch nur um 12 Prozent zu, knapp über dem globalen Durchschnitt von 11 Prozent. Gleichzeitig ist die Anzahl der hierzulande berufstätigen Cybersicherheitsexperten laut Schätzungen zwischen 2023 und 2024 von 456.000 auf 439.000 gesunken – ein Rückgang, dem der vergleichsweise geringe Zuwachs im Bereich der digitalen Bildung kaum entgegenwirken kann. In Frankreich dagegen betrug der Zuwachs 25 Prozent, in Spanien sogar 82 Prozent. Deutschland verliert im europäischen Vergleich hingegen an Tempo: Europaweit stiegen die Einschreibungen in Cybersecurity-Kurse 2025 um 20 Prozent und damit 67 Prozent stärker als in Deutschland. Auch auf staatlicher Ebene verstärken einige Länder ihre Anstrengungen zur Adaption an technologische Entwicklungen wie KI und Nachhaltigkeit. So investiert Italien im Jahr 2025 über 730 Millionen Euro in einen nationalen Weiterbildungsfonds, der bis zu 100 Prozent der Lohnkosten während der Schulungszeit übernimmt.

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Lernformate mit Hebelwirkung: flexibel, schnell und skalierbar

Staatliche Impulse fehlen in Deutschland bislang. Unabhängig von staatlicher Förderung liegt es an den Unternehmen selbst, geeignete Formate zu nutzen, um Qualifizierung voranzutreiben. Angesichts knapper Budgets und fehlender Kapazitäten ist Online-Weiterbildung eine pragmatische Option. Sie erlaubt Unternehmen, IT-Sicherheitsteams und Einzelpersonen, flexibel und ortsunabhängig Kompetenzen aufzubauen – besonders wichtig angesichts sich wandelnder Bedrohungsszenarien. Online-Kurse und modulare Trainings helfen, den steigenden Bedarf an Fachwissen zu decken. Sie reichen von Grundlagen bis zu spezialisierten Themen wie Cloud-Security, Penetration Testing oder Incident Response. Einige Programme ermöglichen auch den Erwerb international anerkannter Zertifikate wie den Abschluss zum Microsoft Cybersecurity Analyst innerhalb weniger Monate nach flexiblem Zeitplan. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen bieten sie so eine kosteneffiziente Möglichkeit, Beschäftigte bedarfsgerecht weiterzubilden, ohne lange Ausfallzeiten. Entscheidend ist dabei die Qualität: Inhalte sollten aktuell, anwendungsbezogen und regelmäßig überarbeitet sein, um mit der Weiterentwicklung von Angriffstechniken Schritt zu halten.

Fazit: Investitionen in Weiterbildung sind alternativlos

Die Nachfrage nach Cybersicherheitskompetenzen wächst, doch das Angebot an qualifizierten Fachkräften hält nicht Schritt. Deutschland muss deutlich mehr in Weiterbildung investieren, um seine digitale Resilienz zu stärken und international nicht den Anschluss zu verlieren. Nur so lassen sich dringend benötigte Fachkräfte gewinnen und langfristig binden. Dabei reicht individuelles Engagement nicht aus, auch die Politik ist gefragt: durch gezielte Förderprogramme, steuerliche Anreize und eine bessere Verzahnung von Wirtschaft, Bildung und Forschung. Denn ohne qualifiziertes Personal bleibt die IT-Sicherheit eine Schwachstelle. Mit dem richtigen Know-how wird sie zum strategischen Vorteil.

Über den Autor: Nikolaz Foucaud ist Managing Director EMEA bei Coursera. Er gestaltet strategische Investitionen und Wachstumsinitiativen in der Region, bringt über 20 Jahre Erfahrung mit und war zuvor bei NetApp sowie 17 Jahre bei Microsoft tätig. Er hat einen MBA der ESSEC Business School.

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