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Was Unternehmen von der Rechenzentren-Panne der Bahn lernen können Business-Continuity-Management statt GAU

| Autor / Redakteur: Thomas Mitschke / Peter Schmitz

Jeder Konzern hat heutzutage ausgefeilte Notfallpläne für jede Eventualität in der Schublade liegen und schon mittelständische Unternehmen sollen nach Willen der Banken Business Continuity Pläne vorlegen. Und doch passiert einem der größten Konzerne Deutschlands - der Deutschen Bahn - am Mittwoch den 14. Januar 2009 das Undenkbare. Eine Panne in einem Berliner Rechenzentrum legt für Stunden das Ticketverkaufssystem in ganz Deutschland lahm.

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Ein Stromausfall im Rechenzentrum der Bahn sorgt für Zug-Ausfälle und Verspätungen.
Ein Stromausfall im Rechenzentrum der Bahn sorgt für Zug-Ausfälle und Verspätungen.
( Archiv: Vogel Business Media )

Wenn man sich am grünen Tisch ein Muster-Szenario für einen Rechenzentrums-GAU ausdenken müsste, würde wohl so in etwa das herauskommen, was am Mittwoch den 14. Januar 2009 bei der Deutschen Bahn tatsächlich passiert ist: Um 14 Uhr brach im gesamten Bundesgebiet das Buchungssystem zusammen. Weder an den Automaten noch an den Ticketschaltern oder im Internet konnten Fahrkarten gekauft werden. Mehr noch: Die flächendeckende Störung wirkte sich auch auf die Reiseauskunfts- und Anzeigesysteme auf den Bahnhöfen aus, so dass es bundesweit zu Stundenlangen Verzögerungen im Zugverkehr kam.

Dass derartige Vorfälle einen enormen Schaden bedeuten, steht außer Frage, denn für den wirtschaftlichen Betrieb eines Verkehrsunternehmens ist das Buchungssystem nun mal von entscheidender Bedeutung. Die Höhe des Schadens für das Unternehmen lässt sich dabei kaum konkret ermitteln, weil man nicht weiß, welche Fahrgäste auf andere Verkehrsmittel ausweichen oder ihre Fahrt nur verschieben. Insbesondere aber lassen sich langfristige Schäden nicht beziffern, der beispielsweise durch den Imageverlust – „schon wieder die Bahn!“ – verursacht wird. Gerade vor dem Hintergrund des zwar verschobenen, aber nicht aufgehobenen Börsengangs der Deutschen Bahn können solche Vorfälle gravierende Folgen nach sich ziehen.

Da anzunehmen ist, dass auch bei der Bahn jeder Verantwortliche um die unternehmenskritische Bedeutung der ständigen Verfügbarkeit des Buchungssystems weiß, stellt sich natürlich die Frage, wie es dazu kommen konnte. Was immer dabei herauskommen mag – derzeit ist von einem Stromausfall im Rechenzentrum die Rede – allein das Ausmaß der Störung zeigt, dass die Bahn wesentliche Aspekte des Business-Continuity-Management übersehen haben muss.

Nachholbedarf auch für große Unternehmen

Der Fall macht deutlich, dass offenbar auch große und sehr große Unternehmen selbst in Bereichen von zentraler Bedeutung keine wirklich gründliche und umfassende Analyse und Kontrolle der Betriebsrisiken vornehmen. Dazu gehören neben den internen Risiken auch eine Berücksichtigung externer Gefährdungen wie ein Erdbeben, Brand, Hochwasser oder eben Stromausfall. Denn auch wenn in Deutschland die Stromnetze sehr stabil sind, bleibt ein Restrisiko. Jedes Unternehmen tut gut daran, die möglichen Konsequenzen auch von unvorhersehbaren Ereignissen einzuplanen. Nur wer sich mit möglichen Ereignissen auseinandergesetzt hat, wird im Fall des Falls vorbereit sein und die richtigen Entscheidungen treffen können.

An einem umfassenden Business-Continuity-Management für alle Core-Systeme führt kein Weg vorbei; es gehört zu den essentiellen Unternehmens-Aufgaben. Ergeben Risikoanalyse und -bewertung eine entsprechende Gefährdung, so muss ein vollständig redundantes Rechenzentrum aufgebaut werden, dessen Infrastruktur keinen Single-Point-of-Failure aufweist. So weit war die Deutsche Bahn offensichtlich nicht gegangen. „Die Fehler werden jetzt gründlich analysiert, damit sich so etwas in Zukunft nicht wiederholt“, heißt es jetzt seitens der Bahn. Besser spät als nie, aber letzte Woche wäre eindeutig der bessere Zeitpunkt für diese Analyse gewesen. Das weiß mittlerweile wohl auch die Deutsche Bahn.

Über den Autor

Thomas Mitschke ist Data Center Director bei NTT Europe Online in Frankfurt am Main.

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