Verschlüsselte Kommunikation, fragmentierte Daten und organisierte Kriminalität setzen Ermittlungsbehörden unter Druck. Eine aktuelle Studie zeigt, warum klassische Analyseansätze an Grenzen stoßen und weshalb KI und integrierte Analyseplattformen für Ermittlungen zum Schlüsselfaktor werden.
Der Cognyte-Studie nach ist für europäische Ermittlungsbehörden nicht mehr der Datenzugang, sondern die KI-gestützte Fusion und integrierte Analyse fragmentierter Quellen über klassische SIGINT hinaus entscheidend, um angesichts wachsender Komplexität und der Verflechtung von organisierter Kriminalität und Terrorismus wirksame Lagebilder und Entscheidungen zu ermöglichen.
Europäische Ermittlungsbehörden kämpfen zunehmend damit, verfügbare Informationen in verwertbare Erkenntnisse zu übersetzen. Zu diesem Ergebnis kommt der „2026 European Law Enforcement Outlook“ von Cognyte, für den 200 Fachkräfte aus europäischen Strafverfolgungs- und Sicherheitsbehörden befragt wurden.
Die Ergebnisse zeigen deutlich: Nicht mehr der Zugang zu Daten ist die größte Herausforderung, sondern deren Analyse, Kontextualisierung und Verknüpfung. 55 Prozent der Befragten sehen dringenden Bedarf, unterschiedliche Datenquellen zu einem integrierten Lagebild zusammenzuführen. Gleichzeitig berichten 46 Prozent, dass pro Fall immer mehr relevante Datenquellen berücksichtigt werden müssen.
Die Ursache liegt in der wachsenden Komplexität moderner Ermittlungen. Fälle erstrecken sich heute über Ländergrenzen, verschiedene Behörden und unterschiedlichste Datentypen hinweg, von Kommunikationsdaten über digitale Forensik bis hin zu Open-Source-Informationen. Ermittler müssen dabei Zusammenhänge zwischen Personen, Geräten, Finanzströmen und digitalen Aktivitäten erkennen und in kurzer Zeit bewerten.
Hinzu kommen erhebliche technologische Defizite. Ermittler verlieren laut Studie im Schnitt rund 25 Prozent ihrer Arbeitszeit durch fehlende Analyse- und KI-Fähigkeiten. Besonders deutlich zeigen sich die Lücken bei der Videoanalyse (48 Prozent), der digitalen Forensik (45 Prozent) und der OSINT-Auswertung (39 Prozent).
Warum klassische SIGINT-Lösungen an Grenzen stoßen
Steigende Komplexität zeigt sich auch im Bereich Signal Intelligence (SIGINT). 96 Prozent der Befragten geben an, dass es in den vergangenen fünf Jahren deutlich schwieriger geworden ist, aus SIGINT-Quellen verwertbare Erkenntnisse zu gewinnen.
SIGINT, also die Analyse von Kommunikations- und Verbindungsdaten im Rahmen gesetzlicher Befugnisse, bleibt zwar weiterhin eine zentrale Säule moderner Ermittlungsarbeit. Die Studie zeigt jedoch auch, dass klassische und isolierte SIGINT-Lösungen zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Verschlüsselte Kommunikations-Apps, alternative digitale Kanäle und fragmentierte Datenlandschaften erschweren die Analyse erheblich. Dadurch verändert sich auch die Rolle klassischer SIGINT-Systeme. Es geht heute zunehmend darum, Informationen aus unterschiedlichen Quellen miteinander zu kombinieren und in einen größeren Kontext einzuordnen.
Entsprechend wächst der Bedarf an zusätzlichen Analysefähigkeiten. Mehr als die Hälfte (52 Prozent) misst dem Ausbau digitalforensischer Kompetenzen eine hohe Priorität bei.
Moderne Ermittlungsansätze setzen deshalb verstärkt auf die Kombination von SIGINT mit weiteren Datenquellen und Analyseformen, etwa digitaler Forensik, OSINT, Finanzdatenanalyse und KI-gestützter Auswertung. Ziel ist ein kontextreiches Lagebild, das Zusammenhänge zwischen Kommunikationsmustern, Finanzströmen oder digitalen Aktivitäten sichtbar macht.
Terror und organisierte Kriminalität wachsen zusammen
Parallel zur technologischen Entwicklung verändert sich auch die Struktur moderner Bedrohungslagen. 69 Prozent der Befragten beobachten eine zunehmende Zusammenarbeit zwischen kriminellen Gruppen und terroristischen Organisationen. Diese Kooperationen reichen von Schmuggelrouten über Geldwäsche bis hin zu operativer Unterstützung bei Angriffen. Terroristische Gruppen greifen dabei zunehmend auf bestehende Infrastrukturen und Netzwerke organisierter Kriminalität zurück – grenzüberschreitend und arbeitsteilig.
Dadurch entstehen hochgradig vernetzte Bedrohungsstrukturen, die sich mit klassischen Ermittlungsansätzen immer schwerer erfassen lassen. Ein scheinbar isolierter Vorfall kann heute Teil einer größeren Struktur aus finanziellen, operativen und digitalen Abhängigkeiten sein. Ermittlungen entwickeln sich dadurch immer stärker von linearen Fällen hin zu komplexen Netzwerken aus kriminellen Akteuren, Daten und vielfältigen Wechselwirkungen.
Die Studie macht insgesamt deutlich, dass moderne Ermittlungsarbeit zunehmend daten- und analysegetrieben wird. Gleichzeitig reichen klassische Einzellösungen immer seltener aus, um mit der Geschwindigkeit und Komplexität heutiger Bedrohungslagen Schritt zu halten.
Integrierte Analyseplattformen, KI-gestützte Auswertung und eine engere Zusammenarbeit zwischen Behörden werden damit zu zentralen Voraussetzungen für effektive Ermittlungsarbeit. Ziel ist nicht die vollständige Automatisierung von Ermittlungen, sondern die Fähigkeit, große Datenmengen schneller auszuwerten, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Entscheidungen fundierter zu treffen.
Stand: 08.12.2025
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Der eigentliche Engpass moderner Ermittlungsarbeit liegt damit laut Studie zunehmend nicht im Zugang zu Daten, sondern in der Fähigkeit, daraus schnell verwertbare Erkenntnisse abzuleiten.
Über den Autor: Torsten Oelze ist Director bei Cognyte.