Eine Cloudflare-Studie mit über 18.000 Testläufen zeigt, dass sich die automatisierte KI-Prüfung von Quellcode nicht durch möglichst viele Manipulationsversuche aushebeln lässt, sondern gerade durch wenige, gezielt dosierte Kommentare im Code. Selbst die Sprache dieser Kommentare entscheidet mit darüber, ob ein Angriff auffliegt oder unbemerkt bleibt.
Eine Cloudflare-Studie zeigt, wie wenige gezielt platzierte Kommentare KI-Sicherheitsprüfungen von Quellcode täuschen können und Schadcode dadurch unentdeckt bleiben kann.
Die Künstliche Intelligenz übernimmt heute zunehmend Aufgaben, die bis dato menschlichen Sicherheitsexperten vorbehalten waren: vom Echtzeit-Scan verdächtigen Codes bis zur autonomen Bewertung von Bedrohungen. Doch diese Verschiebung der Tätigkeiten vergrößert die Angriffsfläche. Denn jetzt wird nicht mehr nur das Netzwerk zur Zielscheibe der Hacker, sondern die Logik des KI-Modells selbst. Eine Untersuchung von Cloudflares Threat Intelligence Team Cloudforce One zeigt, wie raffiniert Angreifer die Urteilsfähigkeit von KI-Modellen manipulieren und welche, teils alarmierenden, Erfolgsquoten sie dabei erzielen. Für die Studie wurden sieben führende KI-Modelle in über 18.000 Testläufen systematisch geprüft. Das Ergebnis fällt differenzierter aus als zunächst angenommen und ist gerade deshalb beunruhigend.
Anlass der Untersuchung war ein konkreter Befund aus dem Frühjahr 2026. Cloudforce One identifizierte schadhafte Skripte, die keine technische Schwachstelle ausnutzten, sondern die prüfende KI unmittelbar adressierten. In den Code eingebettet waren tausende Zeilen mehrsprachiger Notice to AI-Hinweise: keine funktionalen Befehle, sondern als Kommentare getarnte Anweisungen mit dem Ziel, das automatische Prüfsystem zur Einstufung des schädlichen Codes als unbedenklich zu bewegen. Dieses Vorgehen beschreibt die Indirect Prompt Injection. Während die direkte Variante das Modell offen anweist, beispielsweise mit der Aufforderung „Ignoriere alle vorherigen Anweisungen“, platziert die indirekte Variante manipulative Inhalte in Daten, die das Modell im Rahmen seiner regulären Verarbeitung ohnehin einliest. Diese als Lures (Köder) bezeichneten Textbausteine sollen die Modelllogik so weit verschieben, dass die eigentliche Sicherheitsprüfung umgangen wird.
Die Ein-Prozent-Grenze
Die effektivste Täuschung ist nicht die auffälligste. Wie die Studie zeigt, zählt weniger die Anzahl der eingeschleusten Kommentare als vielmehr ihr Verhältnis zum eigentlichen Code. Machten die manipulativen Hinweise weniger als ein Prozent einer Datei aus, sank die durchschnittliche Erkennungsrate über alle Modelle hinweg von rund 67 auf nur noch 53 Prozent. In dieser „Bypass-Zone“ lenken die Lures das Modell gerade genug in die falsche Richtung, ohne durch auffällige Wiederholungen Verdacht zu erregen. Umgekehrt gilt: Sobald die Beteuerungen bezüglich Sicherheit mehr als ein Viertel des Codes ausmachten, stieg die Erkennung auf nahezu 99 Prozent. Die Masse der Beteuerungen wurde dann selbst zum Verdachtsmoment.
Daraus ergibt sich ein kontraintuitives Muster, das sich als U-Kurve beschreiben lässt. Trägt man die Erkennungsrate gegen die Zahl der eingeschleusten Kommentare auf, entsteht die Form eines U: An beiden Enden der Skala bleibt die Trefferquote hoch, im mittleren Bereich fällt sie deutlich ab. Am wirksamsten sind Manipulationsversuche also bei moderater Dosierung. Beim anfälligsten getesteten Modell genügten bereits rund 20 eingestreute Kommentare, um die Erkennungsrate von 90 auf 67 Prozent zu drücken. Treiben Angreifer die Zahl dagegen auf mehr als 1.000 Kommentare, kehrt sich der Effekt um: Bei vielen Modellen schlägt ein Wiederholungsalarm an, weil die Menge gleichlautender Sicherheitshinweise selbst zum Fingerabdruck des Betrugs wird. Die Erkennung steigt dann wieder an. Ein Modell stufte den Code bei dieser Überflutung sogar in 91 Prozent der Fälle als bösartig ein. Die leistungsstärksten Flaggschiff-Systeme, sogenannte Frontier-Modelle, erwiesen sich gegenüber subtilen Tricks ohnehin als weitgehend immun.
Die Kontextfalle
Die größte Bedrohung ist jedoch nicht sprachlicher, sondern struktureller Natur. Angreifer überreden die KI nicht mit cleveren Formulierungen, sondern überfordern sie schlicht mit Volumen. Betteten die Forscher kleinen, schädlichen Code in große, legitime Software-Pakete ein, etwa in umfangreiche React-SDKs, brach die Erkennungsrate dramatisch ein. Skripte unter 500 Kilobyte wurden nahezu lückenlos als gefährlich erkannt. Bei Dateien über drei Megabyte sank die Trefferquote dagegen auf gerade einmal zwölf bis 18 Prozent. Der Grund liegt im endlichen Kontextfenster der Modelle. Versteckt sich die eigentliche Schadlogik zwischen tausenden Zeilen harmlosen Framework-Codes, verliert die KI den Fokus. Cyberkriminelle müssen das Modell dann nicht mehr von der Harmlosigkeit ihres Codes überzeugen. Es genügt, das schädliche Signal so zu verringern, dass es im Rauschen untergeht.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel IT-Medien GmbH, Max-Josef-Metzger-Straße 21, 86157 Augsburg, einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von Newslettern und Werbung nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung.
Die Bewertung eines Skripts hängt zudem von der Sprache seiner Kommentare ab. Die Modelle haben offenbar sprachbezogene Vorannahmen entwickelt: Mehrere Systeme stuften russische oder chinesische Hinweise unabhängig vom tatsächlichen Code als Hochrisiko-Signal ein. Ein Modell erhöhte seine Erkennungsrate allein aufgrund russischsprachiger Kommentare um 14 Prozentpunkte und wertete diese als Indiz für Social Engineering. Sprachen wie Estnisch galten bei einigen Modellen dagegen als vertrauenswürdiger. Für Angreifer bedeutet dieser Effekt ein erhöhtes Entdeckungsrisiko: Russische oder chinesische Kommentare liefern dem Prüfsystem ein deutliches Verdachtssignal. Ein zweites Risiko betrifft die Stabilität der Modelle selbst. Bei extremer Überlastung verweigerten einige Spitzenmodelle das vorgegebene Antwortformat und lieferten unbrauchbare Ausgaben. Für automatisierte Prüfketten, die auf strukturierte Antworten angewiesen sind, hat dieser Funktionsausfall unmittelbare Folgen: Bleibt eine verwertbare Antwort aus, wird kein Sperrbefehl ausgelöst. Ein Angreifer muss die KI demnach nicht von der Harmlosigkeit seines Codes überzeugen. Schon ihre Überlastung genügt, damit die Schutzfunktion versagt.
In fünf Schritten zu widerstandsfähigen KI-Sicherheitspipelines
Die Studie spricht nicht gegen den Einsatz von KI in der Sicherheitsanalyse. Sie zeigt vielmehr, dass Large Language Models nicht als alleinige Kontrollinstanz taugen, sondern als ein Baustein innerhalb einer mehrschichtigen, rauscharmen Prüfkette ihr volles Potential ausschöpfen können. Fünf Maßnahmen erhöhen die Verlässlichkeit, indem sie das relevante Signal stärken und das Rauschen reduzieren:
1. Kommentare vor der Analyse entfernen: Werden Kommentare automatisch herausgefiltert, bevor das Modell den Code bewertet, verlieren sprachliche Lures schlagartig ihre Wirkung. Dieser technisch triviale Schritt lenkt die KI zuverlässig auf die eigentliche Funktionslogik.
2. Gezielt kürzen: Bei großen Skripten sollten automatische deterministische Parser funktionale Code-Blöcke bevorzugen und nicht zufällig am Dateianfang beschneiden. So gelangen die relevanten Passagen ins nicht-deterministische Kontextfenster und nicht seitenweise Standardcode.
3. Variablen anonymisieren: Modelle lassen sich von freundlich klingenden Variablennamen täuschen. Werden die Bezeichner vor der Prüfung auf neutrale Werte normalisiert, führen suggestive Benennungen die KI nicht länger in die Irre.
4. Spezifischer fragen: Allgemeine Prüfaufträge wie „Ist das Missbrauch?“ liefern unschärfere Resultate als gezielte Fragen wie „Handelt es sich um Phishing?“ oder „Ist das ein Proxy?“.
5. Sprache gegen Verhalten prüfen: Eine zusätzliche Validierungsebene sollte die in den Kommentaren formulierten Sicherheitsversprechen mit dem tatsächlichen Programmverhalten abgleichen. So fallen falsche Beteuerungen auf, ohne dass legitime und gut dokumentierte Anwendungen fälschlich blockiert werden.
Entscheidend ist das Zusammenspiel dieser Maßnahmen. Wird die KI-Prüfung gehärtet, das Rauschen reduziert und die Code-Struktur gezielt analysiert, entsteht ein verlässliches Werkzeug für die Bedrohungsabwehr. Unterbleiben diese Schritte, wird das Modell selbst zur Schwachstelle.
Über den Autor: Max Imbiel ist Field CISO DACH bei Cloudflare.