Die „Digitale Vollmacht“ Digitale Identitäten als Sicherheitsarchitektur für KI-Agenten

Ein Gastbeitrag von Dr. Carsten Stöcker 4 min Lesedauer

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Autonome KI-Agenten automatisieren Prozesse in Unternehmen und fällen dabei eigenständige Entscheidungen. Ohne überprüfbare digitale Iden­ti­tä­ten – wie von der EU (eIDAS) vorgesehen – fehlt jedoch die Grundlage für Sicherheit und Haftung.

Mit eIDAS 2.0 schafft die EU eine interoperable Wallet- und Vertrauensinfrastruktur mit Vertrauensdiensten, auf deren Basis KI‑Agenten mittels digitaler Vollmachten kryptografisch signierte, auditierbare Aktionen ausführen.(Bild:  Dall-E / Vogel IT-Medien GmbH / KI-generiert)
Mit eIDAS 2.0 schafft die EU eine interoperable Wallet- und Vertrauensinfrastruktur mit Vertrauensdiensten, auf deren Basis KI‑Agenten mittels digitaler Vollmachten kryptografisch signierte, auditierbare Aktionen ausführen.
(Bild: Dall-E / Vogel IT-Medien GmbH / KI-generiert)

Autonome KI-Agenten sind auf dem Vormarsch. In den kommenden Jahren werden sie mehr und mehr Entscheidungen in den Unternehmen treffen und von Werkzeugen zu eigen­stän­di­gen Akteuren in Geschäftsprozessen werden. Damit kommen sie in den Fokus von Sicher­heits­ar­chi­tek­turen: Sie müssen eine identifizierbare und überprüfbare digitale Identität besitzen.

Ein typisches Industrieszenario zeigt die sicherheitsrelevante Dimension von KI-Agenten. So könnte es in einer Produktionsanlage eine Abweichung geben. Ein KI-Agent analysiert die Da­ten und identifiziert die Ursache. Er plant anschließend eigenständig die Reparatur, kon­tak­tiert Lieferanten und organisiert einen Servicetechniker. Diese Prozesskette läuft automatisiert ab und erfordert – zumindest in der Theorie – keinen menschlichen Eingriff mehr. In der Praxis sind erste Bausteine solcher Automatisierungen im Einsatz und zeigen das Potenzial.

Es reicht in alle Unternehmensfunktionen hinein. In Einkauf und Beschaffung analysieren KI-Agenten den Bedarf, vergleichen Angebote und lösen Bestellungen aus. In der Buchhaltung automatisieren sie Prüfprozesse und steuern Zahlungen. Im Vertrieb identifizieren sie Markt­chancen, erstellen Angebote und begleiten Verkaufsprozesse bis zum Abschluss. Im Kunden­service bearbeiten sie Anfragen und koordinieren Termine. In der Logistik planen sie Trans­por­te, überwachen Lieferketten und organisieren Alternativen bei Verzögerungen. So steigern KI-Agenten Geschwindigkeit und Reaktionsfähigkeit vieler Unternehmen.

Digitale Identitäten als Vertrauensschicht

Doch die bisherigen klassischen Sicherheits- und Governance-Ansätze greifen zu kurz. Eine zentrale Frage bleibt oft unbeantwortet: Wer handelt innerhalb eines digitalen Prozesses? Ohne diese Zuordnung gibt es keine Haftung und die Forensik bei einem Sicherheitsvorfall ist schwie­rig. Vor allem in regulierten Branchen und dem KRITIS-Sektor entsteht hier erhebliche Com­pli­ance- und Sicherheitsrisiken.

Digitale Identitäten erweitern die herkömmlichen Security-Ansätze. Sie schaffen eine über­prüf­bare Verbindung zwischen einer technischen Aktion und einem rechtlichen Akteur. Zu diesen Identitäten zählen Menschen, Organisationen, Maschinen und KI-Agenten. Eine Iden­tität basiert auf kryptografischen Verfahren, ist manipulationssicher und lässt sich auto­ma­ti­siert prüfen. Dadurch kann jede einzelne Handlung innerhalb eines Systems zugeordnet werden. Gleichzeitig entsteht die Grundlage für forensische Analysen und revisionssichere Dokumentation für einen Cybersecurity-Vorfall.

Eine zentrale Rolle spielt hierbei das Konzept der Delegation und des Mandats in Form einer verifizierbaren „Digitalen Vollmacht“. Ein KI-Agent, mit eigenem Wallet und digitaler Vollmacht, handelt nicht autonom im rechtlichen Sinne, sondern als Stellvertreter, der über ein so­ge­nann­tes Mandat einen bestimmten Handlungsspielraum bekommt. Jede Entscheidung lässt sich darauf zurückführen. So könnte beispielsweise ein Einkaufsagent automatisiert lediglich über Ausgaben bis zu einem bestimmten Betrag entscheiden. Bei höheren Beträgen stoppt er und übergibt seinen Auftrag an eine Person aus der Buchhaltung oder dem Controlling. Auf diese Weise entsteht durchgängiges Vertrauen innerhalb der Prozesskette.

Eine europäische Infrastruktur für Identitäten

Europa entwickelt derzeit eine Infrastruktur, die genau diese Forderung erfüllt. Die Grundlage ist die EU-Verordnung eIDAS 2.0 („electronic Identification, Authentication and Trust Ser­vices“). Damit wurde ein einheitliches System für digitale Identitäten geschaffen. Ein ent­schei­den­des Element sind dabei sogenannte Vertrauensdienste. Dazu gehören elek­tro­ni­sche Sig­na­turen, digitale Siegel, Zeitstempel und Zertifikate für Webseiten. Diese Dienste sorgen dafür, dass Dokumente und Transaktionen im Internet rechtlich verbindlich und überprüfbar werden.

Das Konzept setzt auf die European Digital Identity Wallet (EUDI-Wallet). Das ist eine digitale Brieftasche für die Aufbewahrung von Identitätsnachweisen von Personen auf einem Smart­phone. Die European Business Wallet (EBW) erweitert dieses Konzept auf juristische Per­so­nen, also Unternehmen, Organisationen und Behörden. Mit einer EBW beispielsweise von Spherity können Unternehmen ihre rechtliche Identität, Lizenzen oder Zertifikate verwalten und sichere Interaktionen zu Maschinen oder digitalen Diensten abwickeln.

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Vor diesem Hintergrund wird das Konzept eines „Authenticated Internet“ wichtig. Damit ist ein digitaler Raum gemeint, in dem der Datenaustausch auf verifizierbaren Identitäten basiert. Erste Ansätze dafür gibt es bereits in Projekten wie Catena-X, einem Datenraum für Indus­trie­un­ternehmen, der gerade an einer Erweiterung, dem KI Kit, arbeitet. Alle Inhalte, Zu­gangs­an­fragen, Transaktionen und Entscheidungen werden kryptografisch signiert, sodass sich Her­kunft und Berechtigung nachweisen lassen.

Sicherheitsarchitektur für KI-Agenten

In Unternehmen werden digitale Identitäten damit Teil der Sicherheitsarchitektur. Der Kom­bi­nation Business- und Agenten-Wallets ergänen das heutige Identity & Access Management (IAM). Moderne Vertrauens- und Walletinfrastrukturen bilden dann nicht nur menschliche Nutzer, sondern auch juristische Personen, Maschinen und KI-Agenten ab. Sie werden damit zur zentralen Steuerinstanz für agentische Systeme.

Ein zentraler Ansatz ist Zero Trust. In diesem Modell wird keine Interaktion grundsätzlich als vertrauenswürdig eingestuft, jeder Zugriff wird überprüft. Für KI-Agenten bedeutet das, dass jede Aktion mit einer gültigen Identität und einem nachweisbaren Mandat verbunden sein muss. Dadurch lassen sich unautorisierte Aktivitäten frühzeitig erkennen und unterbinden. Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Anomalie-Erkennung. KI-Agenten agieren autonom und in hoher Geschwindigkeit. Wenn sie ungewöhnliche Transaktionen ausführen, unerwartete Sys­teme ansprechen oder sich ihr Verhalten ändert (Behavioural Drift), kann dies dazu führen, dass eine Vollmacht widerrufen werden muss. Solche Anomalien müssen in Echtzeit erkannt und die Vollmacht widerrufen werden.

Bei KI-Agenten stoßen klassische Sicherheitsmodelle an ihre Grenzen. Vertrauen wird zur Vor­aussetzung für ihren sicheren Einsatz, mit digitalen Identitäten als Grundlage. Sie verbinden technische Prozesse mit rechtlicher Verantwortung und schaffen die Basis für kontrollierte Automatisierung in kritischen Umgebungen. Die Kombination aus Agenten-Wallets, Zero Trust, erweitertem IAM und intelligenter Anomalie-Erkennung bietet eine robuste Sicherheits­ar­chi­tek­tur für KI-Agenten. Sie ermöglicht es, Vertrauen technisch durchzusetzen und Risiken in hochautomatisierten Umgebungen zu kontrollieren.

Über den Autor: Dr. Carsten Stöcker ist Geschäftsführer der Spherity GmbH.

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