Update: Einschätzung von Googles VP Threat Intelligence Diese enorme Gefahr geht von Anthropics neuem KI-Modell aus

Aktualisiert am 07.05.2026 Von Melanie Staudacher 7 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Claude Mythos Preview, die nächste Generation des Sprachmodells von Anthropic, soll so mächtig sein, dass es für die Öffentlichkeit nicht einfach so zugänglich gemacht werden kann, ohne die weltweite Sicherheit zu ge­fährden.

Claude Mythos wird von seinen Entwicklern als so gefährlich für weltweite IT-Systeme und Infrastrukturen eingeschätzt, dass das LLM nicht öffentlich verfügbar gemacht wird.(Bild:  Dall-E / Vogel IT-Medien GmbH / KI-generiert)
Claude Mythos wird von seinen Entwicklern als so gefährlich für weltweite IT-Systeme und Infrastrukturen eingeschätzt, dass das LLM nicht öffentlich verfügbar gemacht wird.
(Bild: Dall-E / Vogel IT-Medien GmbH / KI-generiert)

Ende März 2026 hat Anthropic das Projekt „Glasswing“ vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine Initiative der US-Unternehmen Amazon Web Services, Anthropic, Apple, Broadcom, Cisco, Crowd­strike, Google, JPMorgan Chase, der Linux Foundation, Microsoft, Nvidia und Palo Alto Networks, um die wichtigsten Software weltweit abzusichern. Eine ehrenhafte Aufgabe. Doch warum jetzt? Die Initiative wurde zeitgleich vorgestellt mit der Ankündigung des neuesten Large Language Models von Anthropic. Claude Mythos Preview habe Fähigkeiten, die nach Ansicht des Herstellers die Cybersicherheit revolutionieren könnte – auf eine gute oder eine schlechte Weise. Wie dieses KI-Modell künftig eingesetzt werden könnte, hängt von 40 Orga­nisationen ab, die das Tool künftig für ihre Verteidigungsarbeit einsetzen sollen.

Wieso ist Claude Mythos so gefährlich?

Zu den 40 Unternehmen, die Claude Mythos Preview nutzen dürfen, gehören unter anderem die Initiatoren von Glasswing, die die größten und einflussreichsten Tech- und Security-Firmen weltweit repräsentieren. Anthropic gibt sein LLM damit bewusst an seine Konkurrenten zur Nutzung weiter, da es dem Hersteller nach einen Quantensprung in der Leistung von KI dar­stellt, der sowohl positive wie auch negative Auswirkungen auf die Cybersicherheit weltweit hat.

Claude Mythos ist die neueste Version des Sprachmodells von Anthropic und war dessen An­ga­ben nach allein in einem Monat in der Lage, Tausende von schwerwiegenden Schwach­stellen in allen gängigen Betriebssystemen und Webbrowsern aufzuspüren. Dass Sicherheitslücken mithilfe von Künstlicher Intelligenz gezielt gesucht werden, ist mittlerweile gang und gäbe. Doch die Fähigkeiten von Claude Mythos scheinen so weit über die anderer Mo­delle hi­naus­zu­gehen, dass die Risiken die Vorteile überwiegen. Auf der einen Seite könne Claude Mythos auch komplexen Softwarecode schreiben und Sicherheitslücken in Systemen auf der ganzen Welt er­kennen. Auf der anderen Seite bestehe die Gefahr, dass dieses mächtige Tool in die Hände von Cyberkriminellen gelangt, die es für ihre Zwecke missbrauchen könnten.

Im Interview mit Sandra Joyce,
VP Google Threat Intelligence

Sandra Joyce, Vice President, Google Threat Intelligence
Sandra Joyce, Vice President, Google Threat Intelligence
(Bildquelle: Vogel IT-Medien GmbH)

Auch auf der Next 2026 von Google Cloud in Las Vegas do­mi­nier­te das Thema AI. „AI-Tools führen zu einer völlig neuen An­griffs­fläche“, sagte Sandra Joyce im Interview auf dem Event. Wäh­rend in den vergangenen Jahren ein Großteil der Cyber­angriffe auf dem Diebstahl von Zugangsdaten oder dem Hi­ja­cking von Sitzungen beruhte, nehmen KI-gestützte Attacken heute zu. Joyce beschrieb dies als „das Nieseln vor dem Sturm“. Ihr Team habe bisher zwar keine explosionsartige Zunahme von Sicher­heits­vor­fällen, die im Zusammenhang mit AI-Tools stehen, beobachtet. Doch der russische Geheimdienst würde sehr wohl KI-gestützte Mittel einsetzen sowie Malware, die ein in China ansässiges Large Language Model nutze. „Ich würde sagen, wir stecken hier [Anm. d. Red.: bezogen auf die aktuelle Angriffslage mittels Künstlicher Intelligenz] noch in den Kinderschuhen. Doch es wäre meiner Meinung nach eine falsche Annahme zu glauben, dass dies so bleiben wird. Ich denke vielmehr, dass wir immer mehr davon [Anm. d. Red.: von KI-gestützten An­griffen] sehen werden. Insbesondere dann, wenn diese Tools in die Hände von Be­droh­ungs­akteuren geraten.“

Ein ebensolches Tool, welches nicht in die Hände von Cyberkriminellen gelangen sollte, ist Claude Mythos. Google ist eine der 40 Organisationen, die bisher Zugang zu dem neuesten LLM von Anthropic haben. Joyce beschrieb es als ein „sehr leistungsstarkes Modell“. Google sei jedoch der Überzeugung, dass andere Modelle Mythos in nichts nachstünden. „Ich glaube, wir werden auf diesem Gebiet sehr schnell enorme Fortschritte erleben. Google hat bereits im vergangenen Jahr Gemini eingesetzt, um genau dies [Anm. d. Red.: Auffinden von Sicher­heits­lücken] zu realisieren. Es existieren auch schon Open-Source-Modelle, die über diese Fähig­keit verfügen, die Mythos eigenen Angaben zufolge hat. Das soll keine Herabwürdigung dar­stellen, sondern lediglich verdeutlichen, dass wir eine Vielzahl von Modellen sehen, die diese Fähigkeiten haben. Es handelt sich also nicht – sagen wir es so – um die absolute Geburts­stunde dieses Konzepts“, erklärte Joyce. Vielmehr würden wir gerade den Höhepunkt einer Welle erleben, die kurz davor sei zu brechen. „Darauf müssen wir vorbereitet sein. Denn An­griffe werden von vielen verschiedenen Richtungen kommen, nicht nur aus China und Russ­land.“

Um sich selbst vor KI-gestützten Angriffen zu schützen, habe Google 2025 begonnen, seine eigene Umgebung kontinuierlich auf Schwachstellen zu scannen, und ergreife jegliche Maß­nahmen zur Stärkung seiner eigenen Resilienz. Dabei sei das Zero-Trust-Modell hilfreich, welches Google mitgeprägt und auch intern etabliert habe. Außerdem setze Google auf intensives Red Teaming sowie das kontinuierliche Testen seiner Verteidigungsmechanismen. „Wir tun alles Notwendige und Richtige, um die Lage voll­umfänglich im Griff zu haben“, schloss Joyce.

Anthropic führe fortlaufende Gespräch mit US-Regierungsvertretern über Claude Mythos Preview und dessen Fähigkeiten. Das Ziel dabei sei die Absicherung der kritischen In­fra­strukturen weltweit. Dem Hersteller nach kommt gerade den USA eine verantwortungs­volle Rolle bei der Bewältigung von KI-Risiken zu, da sie eine führende Rolle in der Entwicklung der Modelle spiele und somit auch eine entscheidende Rolle bei deren Absicherung einnehmen müsse. Dazu wolle der Hersteller auch mit seiner Initiative Glasswing beitragen. Die Fähigkeiten von Claude Mythos müssen für die Verteidigung eingesetzt werden. Dafür muss zum einen verhindert werden, dass Cyberkriminelle solch mächtige Tools missbrauchen und zum anderen müssen Technologieunternehmen sich einen Vorsprung beim Aufspüren und Beheben von Schwachstellen verschaffen. „Wir planen nicht, Claude Mythos Preview allgemein verfügbar zu machen, aber unser langfristiges Ziel ist es, unseren Nutzern die sichere und skalierbare Be­reitstellung von Modellen der Mythos-Klasse zu ermöglichen – für Cybersicherheitszwecke, aber auch für die zahlreichen anderen Vorteile, die solche leistungsstarken Modelle mit sich bringen“, heißt es in der Ankündigung von Anthropic.

BSI erwartet weitreichende Folgen

Auch das BSI hat auf die Entwicklungen reagiert und steht mit dem Hersteller Anthropic im Austausch, wie BIS-Präsidentin Claudia Plattner der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Ihre Behörde habe das neue Tool zwar bisher nicht testen können. Im persönlichen Gespräch mit den Entwicklern habe man jedoch Einblick in die Funktionsweise gewinnen können. Das BSI nehme die Ankündigungen von Anthropic sehr ernst und erwarte „Umwälzungen im Umgang mit Sicherheitslücken und in der Schwachstellenlandschaft insgesamt“, sagte Plattner. Kon­sequent zu Ende gedacht, könnte es mittelfristig keine unbekannten klassischen Software-Schwachstellen mehr geben. „Dies würde eine Verschiebung der Angriffsvektoren und einen Paradigmenwechsel mit Blick auf die Cyberbedrohungslage zur Folge haben.“ Zudem stelle sich die Frage, ob und wenn ja, wie lange, derart wirkmächtige Werkzeuge auf dem freien Markt verfügbar sein werden. „Daraus wiederum ergeben sich Fragen nationaler und europäischer Sicherheit und Souveränität.“

Zusammenarbeit zwischen USA und China ist gefragt

Thomas L. Friedman hat einen interessanten Kommentar dazu in der New York Times ver­öffentlicht. Er habe für seinen Artikel mit Craig Mundie, ehemaligem Microsoft-CEO und versiertem Technologie- und KI-Stratege, gesprochen. „Was bisher großen Staaten, Militärs, Konzernen und kriminellen Organisationen mit hohen Budgets vorbehalten war – die Fähigkeit, ausgefeilte Cyberangriffe durchzuführen – könnte bald auch kleineren Akteuren zugänglich sein“, habe Mundie erklärt. „Wir stehen kurz vor einer vollständigen Demokratisierung der Cyber­angriffskapazitäten.“

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zur IT-Sicherheit

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Friedmans Meinung nach könne dieses Problem kein Land der Welt im Alleingang lösen. Stattdessen sollten sich die beiden KI-Supermächte USA und China zusammentun, um zu verhindern, dass böswillige Akteure Zugang zu diesem neuen Cyberfähigkeiten erlangen. Mundie habe drei konkrete Maßnahmen genannt, die ergriffen werden müssten, um die Ri­si­ken, die von KI im Allgemeinen und Claude Mythos im Speziellen ausgehen, zu minimieren:

  • 1. Die Freigabe von superintelligenten Modellen müsse sorgfältig kontrolliert werden und sichergestellt werden, dass sie nur an die verantwortungsvollsten Regierungen und Unternehmen gelangen.
  • 2. Die dadurch gewonnene Zeit müsse genutzt werden, um den vertrauenswürdigen Akteuren Verteidigungswerkzeuge zur Verfügung zu stellen. Die wichtigsten Software, die in kritischen Infrastrukturen eingesetzt werden, müssen damit überprüft und abgesichert werden, bevor Hacker diese Werkzeuge missbrauchen.
  • 3. Die USA müsse mit China und allen verantwortungsbewussten Ländern zusammenarbeiten, um sichere Arbeitsumgebungen innerhalb aller wichtigen öffentlichen und privaten Netz­werke zu schaffen, in die Unternehmen und Regierungen ihre kritischen Dienste verlagern können.

Friedman hofft, dass US-Präsident Donald Trump und das Chinas Präsident Xi Jinping das Thema beim nächsten Gipfeltreffen am 14. und 15. Mai in Peking auf der Agenda haben. Dringlich genug ist es allemal.

(ID:50809406)